Römisch-Germanisches Zentralmuseum
Rundgang durch die Dauerausstellung »Vorgeschichte«
Bei der Realisierung der Ausstellung wurde einer Vielzahl regionaler Besonderheiten kein spezieller Platz eingeräumt, da diese in den großen regionalen Sammlungen Europas entsprechend den landschaftlichen Eigentümlichkeiten zu studieren sind. Statt dessen wurde gerade auf diejenigen Erscheinungen Wert gelegt, die in charakteristischer Weise weiträumige Kulturbeziehungen sichtbar machen. Unter dieser übergreifenden Betrachtungsweise wurden daher auch die drei zentralen Themen gewählt, welche die Ausstellung gliedern.
Als Einführung in die Epoche wird aufgezeigt, in welch vielfältiger Weise die Entdeckung des Rohstoffes Metall den Alltag der Menschen geprägt hat. Veränderungen des Gebrauchsgerätes, das Entstehen eines neuen Handwerks sowie schließlich die Erfindung der Schrift zeigen, welche tiefe Zäsur der neue Rohstoff gegenüber der steinzeitlichen Lebensweise gebracht hat.
Ausgehend von den Verhältnissen im Vorderen Orient steht im folgenden Teil dann die Frage gesellschaftlicher Veränderung im vorgeschichtlichen Europa im Zentrum der Ausstellung. Man wird davon ausgehen können, dass menschliche Gemeinschaften schon bald hierarchische Strukturen besessen haben. Allerdings spricht viel dafür, dass solche Strukturen in aller Regel durch die Fähigkeiten Einzelner begründet gewesen sind. Gegebenermaßen führt eine so legitimierte Gliederung jedoch nicht zur Herausbildung einer fest etablierten Führungsschicht, deren Position durch Erblichkeit gesichert ist. Dem entspricht, dass wir bis in die Frühzeit metallführender Kulturen über keine sicheren Anzeichen verfügen, dass sich im Grabritus einzelne Tote durch besonderen Aufwand oder besondere Ausstattung von den übrigen Bestatteten der Gemeinschaft unterscheiden. Diese Situation ändert sich im 3. Jahrtausend im Vorderen Orient. Beispielhaft zeigen die sogenannten Königsgräber von Ur im Zweistromland und die Pyramiden der Pharaonen in Ägypten einen frühen Höhepunkt dieser neuen Entwicklung. Es ist sicher kein Zufall, dass wir mit dem Ausbreiten der Kenntnis der Metallverarbeitung bis in den Westen Europas in den Landschaften, die auch andere Zeugnisse intensiven Kontakts mit dem Vorderen Orient überliefern, erste Anzeichen sozialer Differenzierung in den Grablegen der Toten finden.
Zu Beginn des 2. Jahrtausends zeigt sich, dass solche Ansätze in küstennahen Landschaften Spaniens, Frankreichs und Englands fester etabliert sind - ein Hinweis darauf, dass der Seeweg über das Mittelmeer hinaus von Bedeutung gewesen ist. Das gleiche Phänomen in Gebieten des östlichen Europa belegt aber, dass den Verbindungen über Land gleiche Bedeutung zukam. Eine Betrachtung dieser Verbreitung von Belegen früh etablierter gesellschaftlicher Differenzierung lässt dabei aber erkennen, dass sich weite Gebiete des urgeschichtlichen Europa trotz der Übernahme der neuen Technik der Metallverarbeitung der damit stellenweise verbundenen gesellschaftlichen Veränderung offenbar verschlossen haben. Dass dieser Prozess sozialer Umstrukturierung in den urgeschichtlichen Gemeinschaften Europas auf Widerstand stieß, wird in der Zeit nach 1500 v. Chr. besonders deutlich. Sieht man von der Welt der Ägäis und des östlichen Mittelmeeres ab, hat die sicher auf orientalischem Vorbild basierende feste Etablierung einer Führungsschicht dynastischer Struktur nur in Mitteleuropa und in Südskandinavien dauerhaft Fuß gefasst. Während das übrige Europa weiterhin soziale Gliederungen älterer urgeschichtlicher Art bewahrt, bleiben diese über den Tod hinaus fassbaren aristokratischen Eliten bis in den Anfang des 1. Jahrtausends v. Chr. kontinuierlich bestehen. Eine Veränderung dieses Verbreitungsbildes tritt erst in der Zeit um 800 v. Chr. auf. Mag in der Mittelmeerwelt die Frühphase griechischer Kolonisation dabei eine Rolle spielen, so deutet alles darauf hin, dass die Entdeckung des neuen Rohstoffs Eisen im Europa nordwärts der Alpen auslösende Kraft gewesen ist.
Führt diese Veränderung zunächst zu einer Umschichtung von Führungsgruppen, in deren Zug z.T. neue Gebiete diese Gesellschaftsform übernehmen, andere, besonders im Norden, sie aber aufgeben, so schwindet diese Erscheinung um die Wende vom 4. zum 3. Jahrhundert mit der allgemeinen Durchsetzung der Eisenverarbeitung nahezu vollständig. Es spricht viel dafür, dass die seit dem 3. Jahrtausend in einzelnen Landschaften Europas vom orientalischen Vorbild übernommenen Formen gesellschaftlicher Differenzierung eng mit der Herrschaft über das Rohmaterial verknüpft waren, so dass sie ihre Existenzgrundlage verloren, als der Rohstoff Eisen - allgemein verfügbar - sich durchsetzte. Die Rückkehr Zentraleuropas und des Nordens zu gleichsam urgeschichtlichen Gesellschaftsverhältnissen zeigt an, dass trotz der jahrhundertelangen Existenz das Phänomen dynastisch geprägter Führungsschichten letztlich nicht tiefer im allgemeinen Lebensgefühl der Menschen verankert gewesen ist. Es bedurfte mehrerer Versuche, ehe diese Gesellschaftsform dann seit der Spätantike aufs neue für weite Gebiete Europas schrittweise typisch wurde. Das dritte Thema der Ausstellung gilt der Genese der großen Völker Europas, die seit dem Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. fassbar wird. Auch hier zeigt sich die prägende Kraft der östlichen Mittelmeerwelt, die von dort solche Prozesse nach Westen hin in Italien, Nordafrika und Spanien auslöst. Etrusker, Karthager und Iberer gehen offensichtlich auf solche Impulse in ihrer historisch fassbaren Formierung zurück. Nur wenig später wird dann an der Peripherie der mediterranen Welt die Entstehung des frühen Keltentums fassbar, das in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends in einer großen Wanderbewegung bis an das Schwarze Meer und nach Kleinasien vordringt. Gleiches gilt für die Herausbildung der frühen Germanen, deren erste Expansionen nach Südosten bis zum Schwarzen Meer reichen. Beide Völkerschaften treffen dabei auf mediterrane Reichsbildungen - die Kelten auf die hellenistische Staatenwelt des zerfallenden Reiches Alexanders des Großen, die Germanen auf das sich zusehends ausdehnende Römerreich.
Mit der Darstellung der Frühgeschichte dynastisch sich etablierender Führungsschichten in Europa und derjenigen der Auseinandersetzung mit der Genese früher europäischer Völkerschaften sind in der Ausstellung zwei Themenkreise in den Mittelpunkt gestellt, deren Erforschung durchaus nicht abgeschlossen ist und deren wissenschaftliche Diskussion damit gegebenermaßen kontrovers bleibt. Das Römisch-Germanische Zentralmuseum, als Forschungsinstitut für die Vor- und Frühgeschichte Europas an dieser Diskussion maßgeblich beteiligt, hat es aber für sinnvoll gehalten, dem Besucher mit der Ausstellung Einblick in diese Fragenkomplexe zu vermitteln. Die Ausstellung wird dadurch gleichsam zum Fenster in die Forschung.
Die Ausstellung zur Vorgeschichte zeigt Exponate zur Entwicklung des Menschen in Europa und im Vorderen Orient von der Frühbronzezeit (2000 - 1500 v. Chr.) bis zur ausgehenden Römischen Republik (1. Jhd. v. Chr.).
Die Ausstellung fokussiert dabei besonders die Entdeckung des Rohstoffes Metall, die den menschlichen Alltag grundlegend verändert hat.
Durch das Aufkommen des neuen Handwerks der Metallverhüttung und der anschließenden Verarbeitung der robusten Ressource war der Mensch im Stande, seine traditionellen, steinzeitlichen Lebensweisen innovativ zu verbessern. Durch die zunehmende geographische Ausbreitung und Professionalisierung der Metallverarbeitung machte sich der Mensch das Metall in allen Bereichen des Lebens nutzbar. So präsentiert heute das RGZM in seiner vorgeschichtlichen Ausstellung die reichhaltigen und oft prunkvollen Ergebnisse vorchristlicher Metallverarbeitungskunst, angefangen bei Alltagsgegenständen und Waffen bis hin zu prächtigen Kultobjekten vergangender Kulturkreise. Die Ausstellung zeigt darüber hinaus diverse andere bedeutende Exponate zur Stein- Holz- und Tonverarbeitungskunst aus unterschiedlichen Epochen und Kulturen.
Die Aussttelung ist als chronologisch geordneter Rundgang konzipiert und eröffnet dem interessierten Besucher gleichzeitig die Möglichkeit gezielt einzelne Segmente der Ausstellung anzusehen.
