Reiterkrieger – Burgenbauer

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Ausgrabungen der Befestigung „Veitsberg“ – Pressetermin

Am 13.08.2010 fand an der laufenden Ausgrabung der Universität Jena in der frühmittelalterlichen Befestigung „Veitsberg“ (Unterfranken), die in das Forschungsprojekt „Reiterkrieger, Burgenbauer“ des RGZM eingebunden ist, ein Pressetermin mit Grabungsführung statt, auf dem über die ersten Ergebnisse der Untersuchungen berichtet wurde.
An der Veranstaltung nahmen neben den Bürgermeistern der betroffenen Gemeinden Bad Neustadt, Hohenroth und Salz die zuständigen Kulturreferenten, verschiedene Pressemitarbeiter, Grundstückspächter, ehrenamtliche Helfer sowie Vertreter des RGZM (M. Herdick) sowie der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Prof. Dr. P. Ettel, L. Werther, P. Wolters) teil.
Nach drei Grabungswochen konnten den Besuchern durch den tatkräftigen Einsatz zahlreicher Studierender der Universitäten Jena, Mainz und Tübingen hervorragende Befunde und Funde präsentiert werden, die alle Erwartungen im Vorfeld weit übertreffen.
Abbildung 1

Abb. 1: Dokumentation der Umfassungsmauer in Schnitt 2 durch Katja Kliewer (Universität Jena). Im Hintergrund die Grabungsmannschaft in Schnitt 1.



In beiden Schnitten, die in der Westecke der Befestigung angelegt wurden, traten knapp unter der Oberfläche direkt unter dem Pflughorizont gut erhaltene mehrphasige Baubefunde der frühmittelalterlichen Anlage zu Tage. In Schnitt 1 und 2 wurde eine über 2m mächtige Wehrmauer erfasst, deren Fundament in Lehm gesetzt und teilweise direkt auf den anstehenden Fels gesetzt ist. In größeren Teilen ist dieser Befund durch Pflutätigkeit und Steinraub allerdings ausgebrochen. Das aufgehende Mauerwerk ist zumindest teilweise mit Kalkmörtel versetzt, wie entsprechendes Versturzmaterial und in Schnitt 1 erhaltene Teile des Mörtelmauerwerks nahe legen. Diese Wehrmauer wird von Resten eines Wallkörpers überlagert, der aller Wahrscheinlichkeit nach im 10. Jahrhundert aufgeschüttet wurde.
Innerhalb der Umfassungsmauer schließt mit einer Baufuge der aufsehen erregendste Baukörper an: ein apsidenartiger viertelrunder Fundamentmauerzug mit mächtiger Rollierung, der in ein massives Kalkmörtelbett gesetzt ist. Mit aller gebotenen Vorsicht wird man bei diesem Baukörper der vermutlich nach Abbruch der Wehrmauer errichtet wurde, an einen Sakral- oder Repräsentativbau denken müssen, da derartige Bauglieder in karolingisch-ottonischer Zeit in anderem Kontext nicht geläufig sind.
Bemerkenswert ist, dass unter dem Mörtelbett des apsidenartigen Mauerzuges eine ältere Vorgängermauer verläuft, deren genaues Erscheinungsbild erst im weiteren Grabungsverlauf geklärt werden kann.
Abbildung 3
Abb. 3: Gesamtplanum 2 in Schnitt 1, im Hintergrund Grabungsleiterin P. Wolters. Im Bild ganz links Reste der Wallschüttung, fast schnittparallel erhaltene und ausgebrochene Wehrmauer, im Bild vorne rechts apsidenartiger Mauerzug, hinten rechts Ofenanlage.

Zu den beschriebenen Baubefunden tritt eine größere u-förmige Ofenanlage bislang unbekannte Funktion, wie sie in ähnlicher Form bereits die Grabungen der 1980er Jahre erbracht haben.  Dieser Befund gibt einen willkommenen Einblick in die wirtschaftliche Funktion der Anlage.
Zwischen und unter den beschriebenen Baubefunden liegen verschiedene Brand- und Nutzungsschichten, die neben zahlreichen Tierknochen bislang nur wenig Fundmaterial erbracht haben, das aber ausnahmslos in karolingisch-ottonische zeit datiert: neben zeittypischen nachgedrehten Keramikfragmenten mit Wellenlinien und –bändern konnte allerdings auch ein hervorragender Metallfund geborgen werden: eine in Regensburg geprägte Silbermünze (Denar oder Halbdenar), die nach Auskunft von B. Ziegaus (Archäologische Staatssammlung München) unter Herzog Arnulf I. zwischen 917 und 937 geprägt wurde. Vor dem Hintergrund des Ungarnprojektes ist dieser Fund als echter Glücksfall zu bezeichnen, gehört doch Arnulf zu den bemerkenswertesten Gestalten der  ambivalenten Beziehungen zwischen Ungarn und Bayern im 10. Jahrhundert: zuerst mit der Ungarnabwehr betraut kann Arnulf einen Nichtangriffspakt für Bayern aushandeln; bedingt durch innenpolitische Konflikte mit König Konrad I. muss er aus Bayern fliehen – und bekommt Asyl bei seinen bisherigen Kontrahenten, den Ungarn. Mit ihrer Hilfe (!) kehrt er ab 916 nach Bayern zurück, söhnt wenige Jahre später mit dem neuen König Heinrich I. aus, und bayerische Truppen kämpften in der Folgezeit an der Seite Heinrichs I. wieder gegen die Ungarn.
Diese Episode ermöglich schlaglichtartig einen Einblick in die komplexen Verhältnisse der sogenannten Ungarnzeit, in der auch der Veitsberg als wichtiger - wenn nicht zentraler – Ort des Pfalzbezirkes Salz eine wichtige Rolle spielte.
Die archäologischen Untersuchungen konnten nur dank der hervorragenden finanziellen und logistischen Unterstützung der Gemeinden durchgeführt werden, denen dafür unser herzlicher Dank gilt! Nach Abschluss der Arbeiten 2010 und der anschließenden Auswertung bekräftigten alle Teilnehmer des Ortstermins ihre Bereitschaft, dieses wichtige Bodendenkmal weiter zu erforschen und vor allem auch besser zu schützen: so erklärte sich der Pächter spontan bereit, die landwirtschaftliche genutzten Flächen im Umfeld der Grabungsflächen vorerst aus der Nutzung zu nehmen, was angesichts der teilweise hervorragend erhaltenen, aber durch den Pflug akut gefährdeten Befunde nicht genug begrüßt werden kann!

Pressebericht in der Mainpost vom 14. August 2010
Pressebericht in der Rhoen-Saale-Post vom 17. August 2010

Ansprechpartner
Lukas Werther M.A.
lukas.werther[at]gmx.de
Teilprojekt:
Burgenlandschaften in Bayern

Abbildung 2Abb 2.: Teilnehmer des Ortstermins am 13. August vor den Befunden in Schnitt 1 (Vertreter der Gemeinden, Ehrenamtliche Helfer, Pressevertreter, Grundstückseigentümer, M. Herdick (RGZM), Prof. Dr. P. Ettel (Projektleiter Universität Jena), L. Werther (Projektkoordinator, RGZM/Universität Jena), P. Wolters (Grabungsleitung).

Abbildung 4Abb. 4: Grabungsleiterin P. Wolters mit L. Bauer (Archäologische Arbeitsgruppe Rhön-Grabfeld) bei der Vermessung der Schnitte.

Abbildung 5Abb. 5: Das Grabungsteam beim Abtiefen auf Planum 3. V.l.n.r.: S. Enders, G. Weiß, J, Ebert, A, Scheffler und Grabungsassistent D. Scherf.

Abbildung 6Abb. 6: Blick auf den apsidenartigen Mauerzug. Im Bild vorne links Ofenanlage, im Hintergrund Grabungsleiterin P. Wolters.