Forschungsprojekt: Reiterkrieger, Burgenbauer

Die frühen Ungarn und das "Deutsche Reich" vom 9. bis zum 11. Jahrhundert

Wallanlagen als Zentren früher Staatlichkeit? Deutungstraditionen und erweiterte Perspektiven / Karin Reichenbach M.A.

Unter Einbeziehung von Ergebnissen, die im Rahmen eines Dissertationsprojektes zur Geschichte der schlesischen Burgwallforschung im 20. Jahrhundert gewonnen wurden, wird hier die Aussagefähigkeit archäologischer Untersuchungen an frühmittelalterlichen Wallanlagen für das Verständnis von Staatsbildungs- und Zentralisierungsprozessen im 10. Jahrhundert in Ostmitteleuropa untersucht.
Der Blick auf die Quellensituation und Forschungsgeschichte der Wallanlagen in den Gebieten der Piasten und Přemysliden zeigt, dass trotz groß angelegter Forschungsprogramme in den 1950er bis 1970er Jahren nur wenige Aufarbeitungen und Gesamtpublikationen realisiert worden sind. Dem stehen weit reichende Interpretationen gegenüber, die bis heute das Geschichtsbild bestimmen und erst jetzt nach und nach durch jüngst in Angriff genommene Neuvorlagen überprüft werden können.

Burgwälle gelten als prädestiniert für politik- bzw. herrschafts- und ereignisgeschichtliche Untersuchungen zum Frühmittelalter, da sie zum einen durch den Errichtungsaufwand als Hinweise auf Herrschaft/Macht und zum anderen aufgrund ihres fortifikatorischen Charakters als Anzeichen für militärische Auseinandersetzungen interpretiert werden. Zu beiden Aspekten geben sonst vornehmlich nur Schriftquellen Auskunft, womit Burgwälle als besonders geeignet erscheinen, um Informationen aus archäologischen und schriftlichen Quellen miteinander zu verknüpfen. So ist es nicht verwunderlich, dass Fragen nach den Erbauern sowie nach dem Anlass oder der Bedrohung, die zu ihrer Errichtung geführt haben, seit jeher im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen.
Dennoch scheint es aus forschungsgeschichtlicher Perspektive, als ob sich gerade diese Fragen nicht oder nur schwer anhand der archäologischen Befunde beantworten lassen. Wallanlagen sind wie alle archäologischen Denkmäler individuelle Befunde, die zunächst nur in ihrem unmittelbaren, lokalen Kontext erfasst werden. Diesen Überresten einer sozusagen mikrohistorischen Situation, deren Aussagefähigkeiten zudem durch den Erhaltungszustand, Datierungsungenauigkeiten und mangelnde Kenntnisse der Siedlungsstrukturen im Umland eingeschränkt sein können, stehen die insbesondere für das östliche Mitteleuropa nur vereinzelt überlieferten früh- und hochmittelalterlichen Schriftquellen gegenüber, die dadurch sowie aufgrund ihrer zumeist auf herrschaftliche und religiöse Zusammenhänge beschränkten Perspektive nur eine grobe Sicht auf die Verhältnisse bieten.
Es erscheint somit notwendig, zunächst die methodischen Grundlagen für die Einordnung bzw. Interpretation von Burgwällen nach den von Schriftquellen vorgegebenen Daten, Abläufen und sozialen Gruppen und ihre Ansprache als Zentren früher Staatlichkeit zu prüfen um die Tragfähigkeit bisheriger, auf der Verbindung von schriftlichen und archäologischen Quellen beruhenden Konzepten zur Rolle der Burgwälle in Verstaatlichungs- und Zentralisierungsprozessen im Rahmen der slawischen Herrschaftsbildungen des 10. Jahrhunderts einschätzen zu können.
Um den gängigen Erklärungsmodellen etwas gegenüber zu stellen, soll darüber hinaus nach Möglichkeiten gesucht werden, alternative Interpretationskonzepte zu entwickeln, mit denen ggf. auch unabhängig von Schriftquellen Aussagen zu Staatsbildungs- und Zentralisierungsprozessen getroffen werden können.

Geht man auf den grundlegenden archäologischen Befund zurück, können Wallanlagen als durch Wälle und Gräben strukturierte Räume betrachtet werden, die durch die stratigraphischen Verhältnisse und/oder datierbare Funde noch eine zeitliche Dimension erhalten. Wird der Blick erweitert auf die umgebende Region, lassen sich räumliche und zeitliche Nutzungs- und Besiedlungsmuster untersuchen und nach der Position der Wallanlage in diesen Kontexten fragen. Eine intensivere Auseinandersetzung mit ausgewählten Burgwällen und ihrer Umgebung bzw. gerade den für das 10. Jh. wichtigen „frühstädtischen“ Siedlungskomplexen unter diesem Aspekt sich verändernder räumlicher Strukturen, erscheint insofern interessant, weil sich für viele Anlagen eine Abfolge von Errichtungs-, Aus- bzw. Umbauphasen ermitteln lässt sowie eine relativchronologische Ordnung von (offenen) Vorgängersiedlungen, Vorburgsiedlungen, Suburbien, und der Verdichtung- bzw. Ausdünnung des umgebenden Siedlungsnetzes.
Auf dieser Grundlage gilt es, methodische Zugänge herauszuarbeiten, die es ggf. erlauben anhand der räumlichen und zeitlichen Strukturen archäologischer Objekte wie Wallanlagen etwas über Staatsbildung und Herrschaft zu erfahren. Dazu sollen unter Einbeziehung von Ergebnissen aus Nachbarwissenschaften und prähistorisch ausgerichteten Projekten zu Fragen nach Räumen und sozialen Einheiten, sozialer Geographie, Siedlungshierarchien, Zentralortkonzepten etc. Möglichkeiten einer Übertragung dieser Konzepte auf die Auswertung frühmittelalterliche Burgwallbefunde durchgespielt werden.
Als Ergebnis ließe sich damit vielleicht die Diskussion um Perspektiven erweitern, die nicht zwangsläufig der von den bisherigen Forschungstraditionen vorgegebenen Richtung folgen.