Forschungsbereich Vulkanologie, Archäologie und Technikgeschichte

Zur Landnutzung im Umfeld eines römischen „Industriereviers“

Interdisziplinäre Studien im Umfeld des antiken Steinbruchgebietes und Töpferzentrums bei Mayen (Landkreis Mayen-Koblenz)

In dem Gebiet zwischen Andernach am Rhein und Mayen am Rande der Eifel bestand eines der großen Abbaureviere für mineralische Rohstoffe im Nordwesten des Römischen Reiches: Mühlsteine aus Basaltlava und Bausteine aus Tuff waren Jahrhunderte lang regelrechte Exportschlager, die ihre Abnehmer in der Schweiz ebenso wie in England und Skandinavien fanden. Aktuelle Forschungen zu den Mühlsteinbrüchen bei Mayen belegen eine kontinuierliche Nutzung über die Latènezeit bis in die römische Kaiserzeit. Untersuchungen zu den Tuffbergwerken in der nahe gelegenen Pellenz haben gezeigt, dass die systematische Erschließung dieser Lagerstätten im Rahmen staatlich gelenkter Maßnahmen unter Kaiser Augustus erfolgte.

All diese Aktivitäten dürften mit einem wesentlichen Zuzug von Personen verbunden gewesen sein. Nicht nur die Steinbrüche und Töpfereien boten Arbeitsplätze. Weiterverarbeitende sowie zuliefernde Betriebe, Aufbau und Instandhaltung einer umfassenden Infrastruktur ebenso wie Handel und Verkehr benötigten eine große Zahl von Arbeitern und Spezialisten. Auch ist mit einer deutlich gestiegenen Anzahl von Nutz- bzw. Arbeitstieren zu rechnen. Diese Entwicklung wurde ab der Spätantike durch einen weiteren wichtigen Wirtschaftszweig nochmals gefördert: Die Massenproduktion von Gebrauchskeramik in den Töpferbezirken von Mayen.

Die intensive Nutzung der mineralischen Rohstoffe muss erhebliche Auswirkungen auf die römische Landnutzung gehabt haben. Dies führt zu den zentralen Fragen des Projektes: Wie konnte die regionale Land- und Forstwirtschaft den wirtschaftlichen Boom tragen und welche Auswirkungen hatte dies auf die Umwelt?

Für die Klärung dieser Fragen wurde das Segbachtal bei Mayen ausgesucht. Es zeichnet sich durch zahlreiche römische Fundstellen (Abb. 1) ebenso aus wie durch seine Nähe zu den bedeutenden römischen Mühlsteinbrüchen. Darüber hinaus ist das noch heute vorwiegend landwirtschaftlich genutzte Tal vom modernen Bimsabbau verschont geblieben und nur noch hier sind siedlungsarchäologische Studien im größeren Stil möglich.

Ausgehend von Ausgrabungen in zwei ausgewählten Siedlungskomplexen („Im Winkel“ und „Lungenkärchen“) und von einer gründlichen Aufnahme ihrer Umgebung soll die Landschaftsgeschichte sowie die Verflechtung zwischen den einzelnen Wirtschaftszweigen und der Siedlungsentwicklung durch interdisziplinäre Arbeiten untersucht werden.

Die römische Siedlungsstelle „Im Winkel" (Abb. 2) zeichnet sich durch einen auf einem Hügel stehenden burgus aus, der mitsamt dem darin gelagerten Getreide im 5. Jahrhundert n. Chr. niederbrannte. Funde zahlreicher Mühlsteinrohlinge in dem nahe gelegenen Bach, der das Gelände einer villa rustica durchschneidet, lassen darauf schließen, dass deren Bewohner im Mühlsteingewerbe tätig waren. Im Rahmen des laufenden Projektes wurden mit Hilfe von Georadar das Hauptgebäude der villa, ein Nebengebäude sowie Drainageanlagen geortet. Grabungsschnitte im Hauptgebäude (Abb. 3) und im burgus sollen die Bauzeit und den Zeitpunkt der Aufgabe dieser Gebäude klären. Ferner werden antike Ackerfluren untersucht, die sich in einem südlich der Siedlungsstelle gelegenen Waldstück erhalten haben. Im Bachbett angetroffene Terrakotten deuten auf ein zur Villa gehöriges Heiligtum hin (Abb. 4).

Die seit langem als römische Trümmerstelle bekannte, doch erst durch geophysikalische Untersuchungen überraschenderweise als Axialanlage identifizierte villa rustica von Mendig, „Lungenkärchen“ (Abb. 5), gehört in ihrer Gesamtkonzeption und ihrer Ausstattung zu den reichsten römischen Gutshöfen Deutschlands. Das über 70 Meter lange Hauptgebäude wird von zwei Reihen mit mindestens jeweils drei Nebengebäuden (Abb. 6) umgeben. Mit einem fast 40 Meter langen Zierbecken (Abb. 7) vor dem Haupthaus wies die Anlage einen hoch repräsentativen Charakter auf, der auch durch in der Beckenverfüllung gefundene Architekturfragmente belegt wird (Abb. 8). Zusammenhänge zu den Basaltsteinbrüchen lassen sich bisher durch Fragmente von Mühlsteinrohlingen annehmen, die möglicherweise als Ausschussware in den Fundamenten eines Nebengebäudes verwendet wurden. Zusammen mit anderen, schon länger bekannten Großvillen in der direkten Nachbarschaft zeichnet sich nun eine ganz ungewöhnliche Massierung repräsentativer Landsitze der Römerzeit in der Region von Mayen ab. Dies könnte man so sehen: Während im Mayener vicus die Steinbrucharbeiter lebten, deuten reiche Grabdenkmäler und Villen auf eine Ansässigkeit der Steinbruchbesitzer im untersuchten Umland Mayens.

Im Rahmen der Grabungen und darüber hinaus finden umfangreiche bodenkundliche Untersuchungen statt.

Das Projekt ist eine Kooperation des Archäologischen Instituts, Archäologie der Römischen Provinzen der Universität zu Köln (Prof. Dr. Thomas Fischer), der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Landesarchäologie Koblenz (Dr. Dr. Axel von Berg) sowie des Forschungsbereichs Vulkanologie, Archäologie und Technikgeschichte des Römisch-Germanischen Zentralmuseums (RGZM) in Mainz und Mayen (Dr. Holger Schaaff). Letztere Institutionen unterstützen die Arbeiten mit Eigenmitteln.

Unterstützt werden die Forschungen vonseiten der Geophysik durch die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, Abt. Geophysik Wien (Dr. Sirri Seren), im Bereich der Bodenkunde vom Geographischen Institut der Johannes Gutenberg Universität Mainz (Dr. Markus Dotterweich) und auf dem Gebiet der Visualisierung vom i3mainzInstitut für Raumbezogene Informations- und Messtechnik, i3mainz der Fachhochschule Mainz (M.Eng. Guido Heinz). Außerdem konnten die Labore für Archäobotanik (Dr. Jutta Meurers-Balke und Dr. Ursula Tegtmeier) und Dendrochronologie (Dr. Thomas Frank) des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität zu Köln für eine Zusammenarbeit gewonnen werden. Die örtliche Grabungsleitung und wissenschaftliche Auswertung liegen in Händen von Dr. Martin Grünewald und Dr. Stefan Wenzel, die Grabungen konnten z. T. als Lehrgrabung für Fachstudenten durchgeführt werden.

Die Realisierung des Forschungsprojekts „Zur Landnutzung im Umfeld eines römischen „Industriereviers“ - Interdisziplinäre Studien im Umfeld des antiken Steinbruchgebietes und Töpferzentrums bei Mayen (Landkreis Mayen-Koblenz)“ wird einer namhaften Sachbeihilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft verdankt.

Kontakt

Forschungsbereich Vulkanologie, Archäologie und Technikgeschichte des RGZM
An den Mühlsteinen 7
56727 Mayen
Tel.: +49 (0) 2651/70060-0
Fax: +49 (0) 2651/70060-60

 

Ansprechpartner
Dr. Martin Grünewald
Tel.: +49 (0) 2651/70060-16
Fax: +49 (0) 2651/70060-60

Dr. Stefan Wenzel
Tel.: +49 (0) 2651/70060-16
Fax: +49 (0) 2651/70060-60

Segbachtal

Abb. 1: Römische Fundstellen im Segbachtal; Plan: Benjamin Streubel
©GeoBasis-DE/LVermGeoRP2010-11-08

Überblicksplan

Abb. 2: Mendig, „Im Winkel“, Überblicksplan mit geophysikalisch untersuchten Flächen

Grabungsarbeiten

Abb. 3: Mendig, „Im Winkel“, Grabungsarbeiten im Bereich des Hauptgebäudes

Terrakotten

Abb. 4: Mendig, „Im Winkel“, Terrakotten der Kybele und der Matronen aus Kölner und Trierer Werkstätten. Hinweis auf ein Heiligtum im Bereich der Villa

Georadarplan

Abb. 5: Mendig, „Lungenkärchen“, Georadarplan der villa rustica

Nebengebäude 3

Abb. 6: Mendig, „Lungenkärchen“, Nebengebäude 3 mit Blick auf Mendig

Rand des Wasserbeckens

Abb. 7: Mendig, „Lungenkärchen“, Rand des Wasserbeckens

Gesimsfragment

Abb. 8: Mendig, „Lungenkärchen“, Gesimsfragment aus Kalkstein