26. Rudolf Virchow-Vorlesung 2012
(Übersicht aller Rudolf Virchow-Vorlesungen: hier!)
„Auf der Suche nach dem Löwenmenschen. Die älteste Kunst der Menschheit“
Freitag, 1. Juni 2012, 19 Uhr
Veranstaltungsort: Schlosstheater Neuwied, Theaterplatz 3, 56564 Neuwied, entgeltfrei, ohne Anmeldung
Prof.Dr. Claus-Joachim Kind
Kunst ist eine menschheitsgeschichtlich junge Erfindung: erst seit etwa 35.000 bis 40.000 Jahren formulieren Menschen so ihre Vorstellungen zu Gesellschaftsordnung, Weltbild und Kosmologie. Der Löwenmensch vom Hohlenstein gilt als einer der Protagonisten des fulminanten Auftakts menschlichen Kunstschaffens. Er gehört zu den berühmtesten und zugleich ältesten Kunstwerken der Menschheitsgeschichte. Das aufrecht schreitende Mischwesen, halb Mensch, halb Höhlenlöwe, ist Ausdruck paläolithischer Vorstellungen zu Kosmologie und Weltordnung, diesseitigem Alltag und übergeordneten Mächten. Damit gibt der Löwenmensch Zeugnis von der sozialen Funktion, die Kunst schon in den frühesten Gesellschaften hatte.
Die Elfenbeinfigur belegt die handwerklichen Fertigkeiten paläolithischer Künstler und spiegelt ganz nebenbei auch die Mühsal archäologischer Forschung wider, ist sie doch nur durch vielteilige Puzzlearbeiten überhaupt wiedererstanden.
Bis heute unvollständig, gibt der geheimnisvolle Löwenmensch weiter Rätsel auf, die neueste Forschungen nun zu lüften „drohen“. Seit dem Sommer 2008 arbeiten Archäologen vom Landesamt für Denkmalpflege des Regierungspräsidiums Stuttgart unter Leitung von Prof. Dr. Claus-Joachim Kind in der Stadelhöhle am Hohlenstein im Lonetal (Alb-Donau-Kreis). Bei den Ausgrabungen 2010 gelang den Forschern eine wichtige Entdeckung: Sie bargen Bruchstücke, die sich an die Statuette des berühmten „Löwenmenschen“ wieder anpassen ließen. Damit steht zu erwarten, dass der Löwenmensch bald mehr oder weniger vollständig sein wird. Neue Datierungen grenzen das Alter der Figur genauer ein.
In seinem Vortrag stellt Claus-Joachim Kind die neuesten Ergebnisse der Ausgrabungen vor und geht auf die Entwicklung der frühesten Kunst in der jüngeren Altsteinzeit in Europa ein.
Die Rudolf Virchow-Vorlesung ehrt alljährlich namhafte Forscherpersönlichkeiten unseres Fachs. Wir widmen sie bereits in 26jähriger Tradition dem Gedenken an Rudolf Virchow (1821-1902). Er revolutionierte durch seine Pionierleistungen Medizin, Archäologie und Politik und begründete die naturwissenschaftlich geprägte interdisziplinäre Archäologie.
Seine ganzheitliche, vielseitige und innovative Forschungsweise, sein gesellschaftspolitisches Engagement und seine freiheitliche Grundüberzeugung sind Vorbild für die Forschungen in Monrepos.
