Forschungsprojekt Dmanisi
Pioniere vor 1,8 Mio Jahren - der altpaläolithische Fundplatz Dmanisi (Georgien, Kaukasus) im Kontext der frühmenschlichen Expansion.
Die im Transkaukasus gelegene Ruinenstadt Dmanisi im Südosten der Republik Georgien ist seit den ersten gemeinsamen Geländearbeiten des Archäologischen Zentrums und verschiedener Institute der Georgischen Akademie der Wissenschaften und des Forschungsbereiches Altsteinzeit des Römisch-Germanischen Zentralmuseums im Jahre 1991 nicht nur als wichtiges mittelalterliches Handels- und Wirtschaftszentrum bekannt, sondern erregt auch als einer der bedeutendsten Fundplätze des Altpaläolithikums größtes internationales Aufsehen. So begründet sich das Interesse der Fachwelt an diesem Fundplatz allem voran in dem während der letzten Jahre erfolgten Zuwachs an bedeutenden hominiden Fossilfunden, die im Kontext einer reichen Fauna und mit einfachen Steinartefakten vergesellschaftet auf großer Fläche ausgegraben werden.
Mit dem Fund eines ersten, auf etwa 1,8 Millionen Jahre datierten frühmenschlichen Unterkiefers wurde Dmanisi berühmt, da angesichts des hohen Alters des Fundes bestehende Modelle der Ausbreitungsgeschichte des Frühen Menschen über die Grenzen Afrikas hinaus zu revidieren und neue zu entwickeln waren. Damit markiert Dmanisi den ersten sicher belegten Aufenthalt des Menschen im südlichen Eurasien und nimmt – an der Schwelle Europas gelegen – in der Diskussion um Ursprung und Ausbreitung der frühesten Hominiden nicht nur chronologisch, sondern auch geographisch eine Schlüsselrolle ein: Über Dmanisi besiedelte der Frühe Mensch die Alte Welt.
Seit diesen ersten sensationellen Funden haben gemeinsame Ausgrabungen unter Beteiligung einer Reihe verschiedener Institutionen das Fundmaterial auf großer Fläche beträchtlich mehren können. Mit diesen Funden wird einerseits der äußerst kontrovers diskutierte Beginn der ersten Ausbreitung des Genus Homo über die Grenzen Afrikas hinaus gegenüber bisherigen Auffassungen um rund eine Jahrmillion in die Vergangenheit zurückverlegt sowie – durch die zeitliche Nähe Dmanisis zu bedeutenden afrikanischen Schlüsselstationen – andererseits die These, die menschliche Geschichte begänne allein in Afrika, relativiert. So ist vor dem Hintergrund der Befundsituation in Dmanisi danach zu fragen, ob die Wurzeln unserer Gattung nicht in einem größeren Gebiet unter Einschluß des südlichen Eurasiens zu suchen seien.
Gegenüber den frühmenschlichen Fossilfunden fanden die Faunenreste von Dmanisi – abseits einiger weniger Arbeiten – ungleich weniger Beachtung, und die Publikation der Steinartefakte beschränkte sich bislang auf einzelne Vorberichte. Auch der Klärung der Umstände der Vergesellschaftung der Steinartefakte mit den Faunen- wie auch mit den Hominidenresten wurde bisher kaum nachgegangen, und Vorlagen detaillierter Fundverteilungspläne wie geologischer Aufnahmen, die im Zuge der archäologischen Untersuchungen erfolgten, blieben bislang aus.
Die nun vorliegende detaillierte räumliche Analyse der Funde, speziell der Steinartefakte der unteren Schichten von Dmanisi, hat wesentlich zum Verständnis der Fundplatzgenese beitragen können. Dabei zeigte sich, daß die Sedimentation über weite Areale des Fundplatzes im Wesentlichen fluviatil geprägt war, die Masse der Funde überwiegend zusammengespült worden war, also nicht in situ lagerte. Dennoch lassen sich aus den Befunden wichtige Aussagen zu den Lebensbedingungen dieser frühesten Hominiden im südlichen Eurasien ableiten.
So zeigt insbesondere die Analyse der Steinartefakte, daß das nur wenig umfangreiche Inventar des Liegenden Fundkomplexes von Dmanisi die vollständige chaîne opératoire einer einfachen Abschlaggewinnung umfaßt, wie sie für die Kern-und Abschlag-Industrien des afrikanischen Olduwan typisch ist. Diese ist durch die ausschließliche Anwendung des direkten, harten Schlags charakterisiert. Einzig die Absplisse fehlen in Dmanisi; Schlagsteine, Kernformen sowie Abschläge und Abschlaggeräte sind indes in einiger Zahl belegt.
Trotz aller ‚Einfachheit’ ist dem Inventar eine gründliche Auswahl geeigneter Rohmaterialstücke abzulesen: So wurden die zur Bearbeitung herangezogenen Gesteine häufig nach ihren Spalteigenschaften, aber auch nach morphologischen Kriterien ausgewählt. Stücke mit natürlich vorgegebenen, geeigneten Schlagwinkeln wurden bevorzugt verwendet.
Doch lassen Kerne wie Abschläge in den meisten Fällen auf eine nur geringe planerische Voraussicht schließen. Diese spiegelt sich zum einen in der geringen Zahl der von einem Rohmaterialstück abgetrennten Abschläge wider, so daß komplexere Gratmuster, die etwa die Form eines folgenden Abschlags hätten vorherbestimmen könnten, nur selten belegt sind, wie zum anderen in der fehlenden Längenoptimierung der Abschläge. Somit sind die Abschläge meist von unregelmäßiger Gestalt, morphologisch also äußerst variabel.
Die Art und Weise der Steinbearbeitung in Dmanisi kann damit in keinerlei Hinsicht als elaborierter gelten als jene anderer Inventare des aus Afrika gut bekannten Olduwan. So kann keinesfalls mehr angenommen werden, daß erst größere kognitive Fähigkeiten, wie sie etwa aus den komplexer gestalteten Geräten des zeitlich folgenden Acheuléen abzuleiten seien, die Ausbreitung des Menschen begünstigt hätten, galt doch schließlich lange Zeit, der Frühe Mensch hätte über ein höheres Maß an Antizipation verfügen müssen, um etwa den jahreszeitlichen Gegensätzen der klimatischen Unwirren der höheren geographischen Breiten begegnen zu können.
Demnach sollten andere Parameter die frühe Ausbreitung des Menschen begünstigt haben: Fürsorge füreinander, wie etwa der jüngste Fund eines zahnlosen Schädels aus Dmanisi schon für diese ferne Vergangenheit nahe legt, mag einer der Grundfesten zu sein, auf denen eine soziale Gruppe früher Menschen baute. Nur der soziale Zusammenhalt mag schließlich auch die Bejagung größerer Säugetiere ermöglicht haben.
So sollten im Sozialverhalten des Frühen Menschen die Voraussetzungen zu suchen sein, die letztlich unsere Gattung auf ihrem weiteren Weg durch Eurasien so erfolgreich werden ließen.
