Forschungsprojekt: Reiterkrieger, Burgenbauer

Die frühen Ungarn und das "Deutsche Reich" vom 9. bis zum 11. Jahrhundert

Burgenlandschaften / Michael Herdick und Rainer Schreg

 

Umwelten des 9.-11. Jahrhunderts: Siedlungen und Burgen als Phänomene der Kulturlandschaftsgenese

Verschiedene Regionalstudien sollen Siedlungslandschaften im östlichen wie westlichen Mitteleuropa im Zeithorizont des 9.-11. Jahrhunderts untersuchen.
- Nordwestungarn
- Niederösterreich
- Bayern
- Pfälzer Wald und mittlere Oberrheinebene
- Nördliches Harzvorland
- Sachsen-Anhalt

Auf der einen Seite – im Osten – ergeben sich Fragen nach der Rolle der Ungarnzüge für das nomadische Wirtschaftssystem, auf der anderen Seite – im Westen – ist hingegen eher zu fragen, welche kurz- und mittelfristigen Auswirkungen sich für die breite Bevölkerung ergaben. Dabei geht es weniger um eine erneute Diskussion der kriegerischen Ereignisse, als vielmehr um eine Evaluierung der wirtschaftlichen Konsequenzen. Schriftliche Quellen wie das Weißenburger Urbar zeigen in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts zahlreiche leerstehende Höfe, die in der Forschung als Folge der Ungarnzüge verstanden wurden. Regionalstudien sollen untersuchen, inwiefern sich solche Diskontinuitäten im Siedlungsgefüge archäologisch fassen lassen und sich tatsächlich mit den Ereignissen der Ungarnzüge in Verbindung bringen lassen. Darum wurden in die Auswahl der untersuchten Regionen auch solche aufgenommen, die von den Ungarnzügen möglicherweise nicht direkt betroffen waren. Gemeinsam ist den Regionen jedoch, dass zahlreiche Befestigungsanlagen erhalten sind, für die eine Datierung in das Frühmittelalter oder gar ein direkter Zusammenhang mit den Ungarnzügen erwogen wird.

In der historischen Forschung wurde immer wieder die wirtschaftliche Basis der frühen Ungarn diskutiert, wobei die Deutung als Nomaden oder Halbnomaden dominierte, während andere Landnutzungsstrategien kaum in Betracht gezogen wurden. Angesichts des geringen Anteils von Reiterausrüstung in den Gräberfeldern sowie einer relativ großen Zahl von Bestattungen auf einzelnen Gräberfeldern wird in der Forschung die Charakterisierung der Ungarn als Nomaden zunehmend kritisch gesehen. Seit einigen Jahren werden in der ungarischen Archäologie vermehrt landschaftsarchäologische Methoden aufgegriffen, die wichtige Beiträge zur Wirtschaftsweise versprechen.

Eine Dominanz militärischer Aspekte in der älteren Forschung führte zur Vorstellung eines Burgenbauprogrammes, der sogenannten Heinrichsburgen. Neuere archäologische und historische Studien kommen hingegen zu dem Schluss, dass ein königlicher Burgenbau in der zweiten Hälfte des 9. und der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts keine besondere Bedeutung hatte. Die Leistung Heinrichs bestand offenbar darin, ausgehend von einer bereits bestehenden Burgenlandschaft die Organisation der Verteidigung zu koordinieren. Die Vorstellung von einem strategischen Gesamtkonzept muss daher als überholt gelten, wie sich auch im Hinblick auf die Organisation der Marken gezeigt hat.

Dies wirft die Frage nach den möglicherweise sehr unterschiedlichen Strategien der Ungarnabwehr auf und lenkt den Blick auf die Burgen- und Siedlungslandschaften, die von den Ungarneinfällen besonders betroffen waren oder aufgrund ihrer wirtschaftlichen und politischen Bedeutung aus Sicht des „Reiches“ besondere Verteidigungsanstrengungen erforderten.