Forschungsprojekt: Reiterkrieger, Burgenbauer

Die frühen Ungarn und das "Deutsche Reich" vom 9. bis zum 11. Jahrhundert

Burgenlandschaften


Die Durchdringung marginaler Landschaften: Die Rheinebene und der Pfälzerwald / Heidi Pantermehl

Der Pfälzerwald stellt eine Mittelgebirgslandschaft dar, die im Westen an das Altsiedelland der Rheinebene angrenzt. Seine Erschließung wurde in der Forschung bislang kaum erforscht, doch sind zahlreiche Befestigungsanlagen bekannt, die man in das frühe Mittelalter oder in die Zeit der Normannen- oder Ungarnzüge datiert und als Fliehburgen interpretiert hat.
Gleichwohl sind einige Fundstellen bekannt, die eine Landnutzungsphase spätestens seit dem 8./9. Jahrhundert belegen. Sie liefern vielfach deutliche Hinweise auf eine Waldnutzung, wie etwa die Pechsiede am Armbrunnen nahe dem späteren Kloster Eußerthal. Hier ergibt sich aus geoarchäologischen Untersuchungen zudem der Beleg einer bereits frühmittelalterlichen Erosionsphase.
Daraus ergeben sich auch im Vergleich mit anderen Mittelgebirgslandschaften wichtige Fragen zur Aufsiedlung und herrschaftlichen Durchdringung der Landschaft. Die Interpretationen reichen von einer frühmittelalterlichen outfield-Nutzung, die von den agrarischen Siedlungszentren in der Rheinebene ausgeht bis zu einem herrschaftlich gelenkten Landesausbau, der schließlich auch zu der für die Region typischen großen Dichte mittelalterlicher Burgen führt.
Oberhalb von Klingenmünster befindet sich die salische Burganlage „Schlössel“, die inmitten einer älteren, als ungarnzeitlich interpretierten Wallanlage sitzt. Letztere wird traditionell als Fliehburg des benachbarten Klosters Klingenmünster verstanden. Die Situation am Schlössel gilt somit seit langem als ein Beispiel für die Ablösung frühmittelalterlicher Befestigungen durch die hochmittelalterliche Adelsburg. Problematisch ist die Einordnung der zahlreichen als Fliehburgen verstandenen Wallanlagen, die höchst unterschiedliche Konstruktionsmerkmale aufweisen und in den wenigsten Fällen datiert werden können. Dendrodaten des späten 8. Jahrhunderts aus der Befestigung des bereits in der Urnenfelderzeit besiedelten Orensberg zeigen neuerdings, dass entsprechende Anlagen bereits vor der Ungarnzeit entstanden.
Im Rahmen des Projektes wird die früh- und hochmittelalterliche Siedlungsgeschichte als Dissertation bearbeitet.

Aktuelle Arbeiten:


Feldbegehungen und Wüstungsforschung in der südpfälzischen Rheinebene Okt.-Nov. 2009:

Während mehrwöchiger Prospektionsarbeiten im vergangenen Oktober und November wurden zusammen mit Studenten der Vor- und Frühgeschichte der JG-Universität Mainz ausgewählte Flächen im Bereich bzw. in der Nähe der historischen Ortskerne zahlreicher Dörfer innerhalb des abgesteckten Arbeitsgebietes in der Rheinebene begangen (Abb. unten: Sterne). Die Wahl der Begehungsorte fiel dabei auf diejenigen, von denen bereits merowingische Fundstellen, vor allem Gräberfelder, bekannt waren, wie zum Beispiel Hanhofen/Dudenhofen oder Lachen-Speyerdorf/Neustadt a.d.W.
Ziel der Untersuchungen war es Hinweise, mit besonderem Augenmerk auf datierbares Keramikmaterial, auf eine Siedlungskontinuität vom Früh- zum Hochmittelalter am Platz zu gewinnen. Das Fundmaterial soll dabei als eine regionale Vergleichsbasis zu den Funden der zahlreichen Siedlungsstellen im benachbarten Bergland dienen, die bislang nur unzureichend in einen regionalen, geschweige denn überregionalen, Zusammenhang gestellt werden konnten.
Prospektionskarte
Über die Feldbegehungen hinaus wurde vor allem in der letzten Woche der Fokus der Arbeiten auf die Wüstungen, vornehmlich mit schriftlicher Nennung bereits im 9. und 10. Jahrhundert, gelegt (Abb. links: Kreise).
Ziel war es hier zum einen die bislang nicht genau lokalisierten ehemaligen Siedlungsstellen ausfindig zu machen, zum anderen alle bekannten Wüstungsstellen abzugehen und möglichst auch Fundmaterial zu sammeln.

Zeitungsartikel zum Projekt in der Rheinpfalz


Fundstellen- und Geländeprospektion im Pfälzerwald März 2010:
Im März dieses Jahres ging es wiederum zusammen mit Studenten der Vor- und Frühgeschichte der JG- Universität Mainz auf einen 2wöchigen Survey hinaus in den Pfälzerwald. Mit Hilfe von LIDAR-Scans wurden 3 ausgewählte Fundstellen, die Befestigungen Orensberg/ Frankweiler und ‚Alte Burg‘/Klingenmünster sowie die Fundstelle am Armbrunnen/Godramstein, auf mögliche, noch unbekannte Befund- sowie Geländestrukturen hin untersucht. Dabei wurde auch das nähere Umfeld der jeweiligen Fundstellen in einem Radius von 2,5km näher in Augenschein genommen und dabei Fragen vor allem hinsichtlich der Vorkommen von Wasserstellen und oberflächennahen Rohstoffen, aber auch Altflurrelikten sowie Hohlwegen geklärt.
Neben diesen Detailuntersuchungen war es aber auch das Ziel dieser Kampagne datierbares Fundmaterial, vornehmlich natürlich Keramik, aller projektrelevanten Fundstellen zu gewinnen. Dazu wurden sowohl die Befestigungen (Dreiecke) und Siedlungsstellen (Rechtecke), als auch ihr direktes Umfeld nochmals systematisch auf Fundmaterial hin abgegangen. Bei dieser Gelegenheit wurde mit Hilfe von Grundrissplänen, sofern vorhanden, die jeweils bekannte Befundlage auf ihren derzeitigen Zustand hin überprüft und fotographisch bzw. durch Einmessen mittels Hand-GPS dokumentiert.Prospektionskarte

 

Teilprojektleiter: Dr. Rainer Schreg
Bearbeiterin: Heidi Pantermehl M.A.
Zusammenfassung des Forschungsprojektes (Stand Mai 2010) als pdf-Version

Literaturhinweise

  • H. Bernhard/D. Barz, Frühe Burgen in der Pfalz. Ausgewählte Beispiele salischer Wehranlagen. In: H. W. Böhme (Hrsg.), Burgen der Salierzeit 2. Monogr. RGZM 26 (Sigmaringen 1992) 125–175.
  • J. Braselmann, Die Ringmauer auf dem Orensberg. Mitt. Hist. Ver. Pfalz 105, 2007, 7–37.
  • W. Ehescheid/J. Braselmann, Ein hochmittelalterlicher Harz- oder Pechofen in einer bisher unbekannten Siedlungsstelle am Armbrunnen nahe Taubensuhl (Stadtwald Landau). In: H. Bernhard (Hrsg.), Archäologie in der Pfalz - Jahresbericht 2001 (Rahden/Westf. 2003) 222–228.
  • A. Rohner/W. Ehescheid, Karolingische Siedlungsfunde bei Hauenstein/Pfalz. Mitt. Hist. Ver. Pfalz 72, 1974, 63–73.
  • R. Schreg, Bevölkerungswachstum und Agrarisierung: Faktoren des früh- und hochmittelalterlichen Landesausbaus im Spiegel umweltarchäologischer Forschungen. In: B. Herrmann (Hrsg.), Vorträge im Umwelthistorischen Kolloquium Göttingen 2007-2008 (Göttingen 2008) 117–146.