Forschungsprojekt: Reiterkrieger, Burgenbauer

Die frühen Ungarn und das "Deutsche Reich" vom 9. bis zum 11. Jahrhundert

Burgenlandschaften in Bayern / Lukas Werther und Ralf Obst

Zur Untersuchung der Auswirkungen der Ungarneinfälle in Bayern wurden sieben Siedlungskammern bzw. Regionen mit entsprechenden Befestigungen ausgewählt (Abb. 1):
1. Mittelmaintal mit der Karlburg und der Talsiedlung Karlburg.
2. Südwestliches Grabfeld mit den Burgen bei Bad Neustadt/Saale.
3. Steigerwaldvorland mit dem „Schwanberg“ und Castell.
4. Nördlinger Ries und Randbereiche mit den Burgen bei Ederheim, Harburg, dem „Hesselberg“ und der „Gelben Bürg“.
5. Raum um Kelheim mit dem „Michelsberg“, dem „Frauenberg“ bei Weltenburg und der „Bürg“ bei Irnsing.
6. Gäuboden südöstlich von Straubing mit Wischlburg, Steinkirchen und Moos-Burgstall.
7. Voralpenland zwischen Isar und Inn-Schotterplatten mit Ebersberg, der „Birg“ bei Hohenschäftlarn und der „Birg“ bei Kleinhöhenkirchen.
Der Forschungsstand der „ungarnzeitlichen“ Burgen ist auch in Bayern noch rudimentär und lässt viele Fragen offen, doch gibt es einzelne zumindest in Ausschnitten recht gut untersuchte Anlagen (Abb. 2 u. 3).

Sie können exemplarisch für bislang alleine über topografische Merkmale anzusprechende Befestigungen stehen (Abb. 4); gerade bei diesen soll mittels unterschiedlicher Prospektionsmethoden mehr Klarheit zur Chronologie gewonnen werden.
Von zentraler Bedeutung für die Fragestellung des Projekts ist die Einbindung der Burgen in die jeweilige Siedlungslandschaft und die detaillierte Analyse ihrer mitunter recht vielfältigen Funktionen (Abb. 5). Insbesondere die durch den Impuls der Ungarneinfälle hervorgerufenen Veränderungen im Siedlungsgefüge sind hier von Interesse. Dabei sind neben den ländlichen Siedlungen nun auch die entstehenden Städte bzw. frühstädtische Zentralorte (Abb. 6 re) mit zu berücksichtigen. Eine vor diesem Hintergrund zu führende Auseinandersetzung mit den historischen und geographischen Quellen wird dies weiter erhellen. Über die bisherige landesgeschichtliche Forschung hinaus gehende Erkenntnisse zur frühmittelalterlichen Siedlungsdynamik sollen bei Begehungen ausgewählter Mikroregionen erzielt werden, wie dies etwa bei Karlburg am Main oder Bad Neustadt an der Saale geschehen ist (Abb. 5 u. 6 li).
Die Klärung hierbei aufgeworfener umweltarchäologischer Fragen ist durch entsprechende Studien weiter zu vertiefen, wobei aufgrund der teils sehr unterschiedlichen Landschaftsgenese der Untersuchungsräume aber eine sehr divergierende Quellensituation besteht.
Die Auswertung der Daten wird die Interaktion zwischen Burgen und umgebender Siedlungslandschaft in politischer, fortifikatorischer, wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Bedeutung vor dem Hintergrund der Ungarneinfälle anhand der ausgewählten Fallbeispiele aufzeigen.
Auszuarbeiten ist hierbei auch, in wie weit sich in den untersuchten bayerischen Burgenregionen in siedlungs-, wirtschafts- und umweltarchäologischer Hinsicht Muster fassen lassen. Diese strukturelle Analysen bietet die Grundlage dafür, die anderen Burgenlandschaften des Projektes miteinander zu vergleichen und auch zu einer nötigen Neubewertung der „ungarnzeitlichen“ Befestigungen im ihrem historischen Kontext zu gelangen.

Die Burgenlandschaft Bayern / Lukas Werther

Das heutige Bayern hatte den schriftlichen Quellen zufolge im 10. Jahrhundert massiv unter den Ungarneinfällen zu leiden. Der direkte archäologische Nachweis ist jedoch in den seltensten Fällen möglich. Auch die so genannten „Ungarnburgen“ sind nur unzureichend erforscht und vielfach zu eindimensional interpretiert. Mögliche Auswirkungen ungarischer Aktivitäten auf die Siedlungslandschaft standen bislang nicht im Fokus des Interesses.

Da diese Fragen nicht isoliert betrachtet werden können, soll die Genese der Siedlungslandschaften und insbesondere der Burgen als zentrales Element mit einem breiten siedlungsarchäologischen Ansatz untersucht werden. Von besonderem Interesse sind dabei ihre Funktion im Siedlungs- Wirtschafts- und Herrschaftsgefüge. Es soll den Fragen nachgegangen werden, welche Entwicklungen und Brüche sich innerhalb der Bearbeitungszeit fassen lassen, und in welchem Zusammenhang sie mit historischen Ereignissen (z.B. den Ungarneinfällen), mit gesellschaftlichen Veränderungen (z.B. der Aufweichung des Befestigungsregals), mit wirtschaftlichen Neuerungen (z.B. veränderten Zollvorschriften) oder mit Wandlungen der Landschaft (z.B. Flusslaufverlagerungen) stehen.
Im Rahmen der Studie werden insgesamt sieben Großräume mit jeweils 1-2 Detailregionen verglichen [Abb.1]:

  • Raum 1: Karlburg/Main-Fränkische Saale
  • Raum 2: Nördlinger Ries
  • Raum 3: Iller-Lech-Wertach
  • Raum 4: Isar-Inn
  • Raum 5: Gäuboden
  • Raum 6: Frankenalb bis Kelheim
  • Raum 7: Regnitz-Obermain

 

Methodisch liegen der Untersuchung vor allem drei Konzepte zu Grunde:
Der erste Grundsatz besteht in der interdisziplinären Betrachtung der Siedlungs- und Burgenlandschaften in einer Langzeitperspektive, über den engeren Betrachtungszeitraum hinaus. Auf diesem Wege soll gewährleistet werden, dass auch siedlungsgenetische Prozesse, die in längeren Zeiträumen ablaufen, erkannt werden.
Der zweite Grundsatz ist die Betrachtung der Siedlungslandschaften auf unterschiedlichen Maßstabsebenen, um kleinräumig und siedlungsintern wirksame Prozesse und Veränderungen von großräumigen und siedlungsübergreifenden Prozessen zu differenzieren sowie in ihrer zeitlichen und räumlichen Überlagerung zu erfassen.
Der dritte Grundsatz ist die kontrastive Betrachtung von Siedlungslandschaften mit heterogenen historischen, naturräumlichen und forschungsgeschichtlichen Voraussetzungen, um regionale Besonderheiten und Wirkungskräfte von überregionalen Prozessen zu trennen.
Neben den archäologischen, historischen und sprachwissenschaftlichen Quellen fließen in besonderem Maße auch geoarchäologische Informationen in die Untersuchung ein, und werden in einem GIS mit relationalem Datenbanksystem zusammengeführt. Das GIS kommt auch in der Phase der Datengewinnung zum Einsatz, wobei insbesondere der Prospektion mit Hilfe von Laserscandaten sowohl für die Analyse der Befestigungen als auch deren kulturlandschaftliches Umfeld eine zentrale Bedeutung zukommt [Abb.2].
Die off-site Analysemethoden werden durch ein breites Methodenbündel im Feld ergänzt. Exemplarisch wurde die Kombination aus physikalischer Prospektion, Bohrsondagen und systematischer Feldbegehung bereits an der Fränkischen Saale (Unterfranken) und im Schwarzachtal (Mittelfranken) angewandt. In ähnlicher Form und punktuell ergänzt durch naturwissenschaftliche Datierungen, kleinflächige Sondagegrabungen zur Verifizierung von Befunden und die Auswertung ausgewählter Befund- und Fundkomplexe sollen weitere Mikroregionen untersucht werden.
Folgenden zentralen Fragestellungen wird im Rahmen der Bearbeitung nachgegangen:

  • Wie werden die Räume im betrachteten Zeitraum genutzt und wie verteilen sich die Einzelelemente der Siedlungslandschaft im Raum?
  • Lassen sich diesbezüglich zeitliche Entwicklungen beobachten? In welchen Bereichen gibt es Kontinuitäten oder Diskontinuitäten und wie lassen diese sich erklären?
  • Welche Funktion übernehmen die Befestigungen im Siedlungsgefüge? Wie entwickelt sich ihre Nutzung und bauliche Ausführung und welche Ursachen liegen diesen Entwicklungen zugrunde?
  • Wie stellt sich das Landschaftsbild in der Untersuchungszeit dar? Welche Veränderungen haben sich seitdem vollzogen, und wie wirken sich diese auf die Überlieferung der archäologischen Quellen und unser Bild der Siedlungsgenese aus? Wie interagierte der Mensch mit seiner Umwelt?
  • Welche Rolle spielen die unterschiedlichen naturräumlichen Voraussetzungen der Großräume für ihre individuelle Entwicklung? Welche strukturellen Prozesse kommen überregional zum Tragen und vollziehen sich unabhängig von regionalen Besonderheiten?
  • Und abschließend: wie sind die Ergebnisse im Kontext zeitgleicher Entwicklungen außerhalb Bayerns zu beurteilen und lassen sich für einzelne Prozesse Kausalzusammenhänge mit ungarischen Aktivitäten wahrscheinlich machen?

Aktuelle Arbeiten

Prospektionsarbeiten an der Fränkischen Saale (Unterfranken) im August und November / Dezember 2009 [Abb.3].
Im August 2009 konnte die frühmittelalterliche Befestigung Veitsberg sowie kleinere Siedlungsareale im Tal in Zusammenarbeit mit Dr. J. Fassbinder (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege) mittels Magnetik und Bodenradar prospektiert werden. Die Messungen am Veitsberg erbrachten eine Vielzahl von Befunden zur Innenbebauung der Anlage sowie zu ihrer mehrteiligen und mehrphasigen Umwehrung.
Zusammen mit Studierenden der Universitäten Bamberg, Jena und Würzburg und in Kooperation mit Geographen der TU Dresden wurden innerhalb von zwei Wochen im Herbst 2009 ausgewählte Flächen im Umfeld des karolingisch-ottonischen Pfalzortes Salz unterhalb des Veitsberges prospektiert. Neben bekannten Siedlungs- und Wirtschaftsarealen im Talbereich wurden zahlreiche Befestigungen und ihr Nahbereich systematisch begangen [Abb.4].
Die Feldbegehungen erbrachten mehrere Tausend Fundstücke – darunter auch in einiger Zahl frühmittelalterliche Keramik–, die in ihrer Verteilung eine starke Binnendifferenzierung des Raumes zeigen. Die siedlungsarchäologischen Ergebnisse werden durch die Auswertung verschiedener Geoarchive ergänzt, die Hinweise auf deutliche Flusslaufverlagerungen, Hochwasserereignisse und kolluviale Prozesse geben. Der gesamte Kleinraum wurde außerdem auf Basis eines DGM aus Laserscandaten prospektiert, und für die frühmittelalterlichen Befestigungen Veitsberg, Luitpoldhöhe und Salzburg konnten bislang unbekannte fortifikatorische Elemente nachgewiesene werden.

Prospektionsarbeiten im Schwarzachtal (Mittelfranken) im März 2010 [Abb.5]
Zusammen mit Studierenden der Universitäten Bamberg, Jena und Würzburg fanden innerhalb von zwei Wochen umfangreiche Prospektionsarbeiten im Umfeld der karolingisch-ottonischen Niederungsburg „Greuth“ statt. Ergänzt wurden diese Arbeiten durch die Prospektion der Burganlage durch Dr. J. Fassbinder (BLfD) mittels Magnetik und Bodenradar. Neben systematischen Flurbegehungen ausgewählter Flächen wurden Bohrsondagen zur Klärung landschaftsgenetischer Fragestellungen im Bereich der allein aufgrund ihrer Lage exzeptionellen Burg Greuth durchgeführt [Abb.6].
Des weiteren konnte im Stadtarchiv Hilpoltstein die Lesefundsammlung „Laaber“ gesichtet und alle früh- und hochmittelalterlichen Fundstellen im Projektgebiet erfasst werden. Ergänzend wurden weitere umfangreiche Fundkomplexe ehrenamtlicher Sammler aus dem Bereich der Burg Greuth sowie von einem wohl frühmittelalterlichen Eisenverhüttungsplatz zur Bearbeitung übernommen.

Artikel zur Prospektion Schwarzachtal im März 2010

Weitere Informationen

Teilprojektleiter: Prof. Dr. Peter Ettel

Stipendiaten: Dr. Ralf Obst (bis 31.08.2009) und Lukas Werther M.A. (seit 01.09.2009)

Literaturhinweise:

  • H. Adam, Das Zollwesen im Fränkischen Reich und das spätkarolingische Wirtschaftsleben. Ein Überblick über Zoll, Handel und Verkehr im 9. Jahrhundert. Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Beihefte 126 (Stuttgart 1996).
  • M. W. Dotterweich, Holozäne Ökosystementwicklung in Franken (2002).
  • G. Eggenstein/N. Börste/H. Zöller u. a. (Hrsg.), Eine Welt in Bewegung. Unterwegs zu Zentren des frühen Mittelalters (München 2008).
  • P. Ettel (Hrsg.), Karlburg - Rosstal - Oberammerthal: Studien zum frühmittelalterlichen Burgenbau in Nordbayern. Veröffentlichung der Kommission zur vergleichenden Archäologie römischer Alpen- und Donauländer der bayerischen Akademie der Wissenschaften 05 (Rahden/Westf. 2001).
  • M. Hensch, Burg Sulzbach in der Oberpfalz. Archäologisch-historische Forschungen zur Entwicklung eines Herrschaftszentrums des 8. bis 14. Jahrhunderts in Nordbayern. Materialien zur Archäologie in der Oberpfalz 3 (Büchenbach 2005).


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 1 Die Großräume und Detailregionen

 

 

Abb. 2 Arbeitsgebiet Fränkische Saale

 

 

Abb. 3 Gesamtkartierung der Prospektion

 

 

Abb. 4 Prospektionsarbeiten

 

 

Abb. 5 Detailgebiet Frankenalb

 

 

Abb. 6 Prospektionsarbeiten