nlDynamics

Studien zur Dynamik neolithischer Gesellschaften

Leitung Prof. Dr. Detlef Gronenborn

Zusammenfassung
Das Neolithikum ist eine der wesentlichen Übergangsperioden in der Menschheitsgeschichte in der es nicht nur zur Übernahme der Landwirtschaft und zur Etablierung einer weitgehenden Seßhaftigkeit kommt, sondern auch erste komplexe sozio-politische Systeme entstehen. Am RGZM werden die Dynamiken dieser Übergangsperiode in einem um Mainz gelegenen Arbeitsgebiet (Mittelrhein-, nördlicher Oberrhein, Wetterau, Lahntal) untersucht. Ein spezielles Augenmerk ist gerichtet auf Krisenphasen, in denen es zu Zusammenbrüchen und Neukonstituierungen kommt. Der Untersuchungszeitraum liegt zwischen 5500 und 3500 v. Chr. Forschungen zum Neolithikum füllen am RGZM eine Lücke zwischen dem Paläolithikum und den prähistorischen Metallzeiten und komplettieren das Spektrum des Hauses auch in inhaltlich-methodischer Hinsicht.

Forschungen zum Neolithikum am RGZM

Forschungen zum Neolithikum gehen am RGZM bis in die frühesten Gründungsjahre zurück. Mit der Publikation des mittelneolithischen Gräberfeldes der Flur Hinkelstein bei Monsheim verfasste Ludwig Lindenschmit d. Ä. (1868-87) eine der ersten Veröffentlichungen zum süddeutschen Neolithikum überhaupt. (Abb. 1) (L. Lindenschmit, Das Gräberfeld am Hinkelstein bei Monsheim, einer der ältesten Friedhöfe des Rheinlandes. Zeitschrift des Vereins zur Erforschung der Rheinischen Geschichte und Alterthümer in Mainz 3, 1868-87, 1-41.) Zeichnungen Lindenschmidt

 

Abb. 1. Zeichnungen aus dem Handskizzenbuch Ludwig Lindenschmidts d. Ä. Dargestellt sind Funde aus dem Gräberfeld am Hinkelstein.

 

 

Die derzeitigen Forschungen zum Neolithikum am RGZM konzentrieren sich auf den Neolithisierungsprozess in Mitteleuropa im weiteren Sinne, absolutchronologisch umfaßt er das 7. bis 4. Jahrtausend. Innerhalb dieser viertausend Jahre lassen sich zwei wesentliche Phasen hoher kultureller Dynamik herausstellen, während derer die Neolithisierung – hier verstanden als Ausbreitung von Bodenbau und Viehzucht – voranschritt: einmal das Altneolithikum mit der Linienbandkeramischen Kultur (LBK – NL I), zum anderen das Jungneolithikum mit der Michelsberger Kultur (MK – NL II). Mit der LBK wird der das südliche und mittlere Mitteleuropa sowie Westeuropa von der bäuerlichen Wirtschaft erfaßt, mit der MK kommt es zur Ausweitung in das nordeuropäische Flachland, nach Skandinavien und auf die britischen Inseln. Die kulturellen Dynamiken dieser zwei Hauptphasen der Neolithisierung stehen im Vordergrund der Studien (Abb. 2). Hauptphasen

Abb. 2. Ausbreitung der Landwirtschaft im westlichen Eurasien mit eingezeichnetem Arbeitsgebiet und der Chronologie Mitteleuropas.

Geographisch konzentrieren sich die Forschungen zum Neolithikum auf den nördlichen Oberrhein, den Mittelrhein, das Untermaingebiet, das Moseltal, sowie die jeweils angrenzenden Mittelgebirgsregionen.

Wissenschaftliche Zielrichtung

Die Forschungen der Arbeitsgruppe fokussieren auf Übergangsphasen und Brüchen in den kulturellen Abläufen – untersucht werden insbesondere vermutete Krisenphasen. Im wesentlichen werden zwei Zeithorizonte bearbeitet, das Altneolithikum mit der Linienbandkeramischen Kultur sowie das Jungneolithikum mit der Michelsberger Kultur (Abb. 2).
Zugrunde liegt den Untersuchungen die Hypothese, daß die Entwicklung neolithischer Gesellschaften nicht – wie vielfach vermutet – gleichmäßig und linear abläuft, sondern Phasen kultureller Stasis sich mit solchen beschleunigter Entwicklung abwechseln, und letztlich Gesellschaften Zyklen unterliegen. Sie pendeln zwischen Idealtypen wirtschaftlicher Ausrichtung, sozialen Strukturen und politischen Organisationsformen auf und ab. Diese Entwicklungslinien werden unterbrochen oder beschleunigt durch Krisenphasen, einmal gesellschaftsinterner aber auch -externer Ursache. Zu den ersten zählen soziopolitische Dynamiken, zu den letzteren auch klimatisch induzierte Umweltkrisen.
Der theoretische Hintergrund der Arbeitsgruppe liegt allerdings nicht in einem monokausalen Klimadeterminismus sondern vielmehr in der Sozialarchäologie, die aber paläoklimatologisch informiert ist. Somit werden, und dies ist vielen derzeitigen Forschungsprojekten in anderen Institutionen eigen, auch Klima- und Umweltveränderungen bei der Gesamtbetrachtung der historischen Entwicklung mit einbezogen.
Die Forschungen am RGZM sind mit getragen von Abschlußarbeiten an der Johannes-Gutenberg-Universität. So werden aus diesen Zeithorizonten bestimmte Phänomene detailliert in akademischen Abschlußarbeiten aufgearbeitet (Abb. 3): Dreidimensionale Darstellung


 

 

 

 

 

 

Abb. 3. Dreidimensionale Darstellung des Aufbaus der Arbeitsgruppe mit jeweiligen Betrachtungsebenen (räumlich / zeitlich / methodisch-theoretisch). Graue Blöcke stellen Abschlußarbeitsthemen oder Einzelstudien dar (Stand Frühjahr 2010).

Abschlussarbeiten

Altneolithikum

Wiebke Hoppe beschäftigt sich mit dem Übergang der ältesten Bandkeramik zur mittleren Stufe (Flomborn) im hessischen Raum. Untersucht wird die Entwicklung der Silexindustrie, des Keramikstils und der Hausarchitektur in dieser ersten neolithischen Umbruchsphase. Sandra Fetsch hatte sich mit der Landschaftsnutzungsentwicklung um den Fundplatz Herxheim während der Dauer der LBK beschäftigt, Christina Dear mit einem jüngstbandkeramischen Erdwerk bei Wetzlar. Mareike Jenke wird nun die spätbandkeramische Entwicklung in der Wetterau und in Mittelhessen unter besonderer Berücksichtigung der Erdwerke untersuchen. Hier stehen auch Fragen der Kontinuität/Diskontinuität zum Mittelneolithikum zur Diskussion.

Jungneolithikum

Sabine Kuhlmann beschäftigte sich mit der Bischheimer Kultur und arbeitet zur Zeit die Michelsberger Besiedlung im Neuwieder Becken und Moseltal auf. Zentrale Fragestellung ist die feinchronologische Ordnung der Fundplätze aber auch die Entwicklung der Siedlungslandschaft, soweit diese in dem stark überprägten Gebiet heute überhaupt noch nachvollziehbar ist. Auf den Kapellenberg im Rhein-Main-Gebiet und dessen Umland konzentriert sich die Studie von Nadine Richter. Birgit Regner-Kamlah studiert die Baugeschichte des Erdwerks von Bruchsal. Bettina Hünerfauth widmet sich einem Michelsberger Fundplatz in der Südpfalz

laufend                     

Dissertationen:

  • Sabine Kuhlmann „Die Michelsberger Kultur im Mittelrheingebiet und im Trierer Land – Wirtschaftsgeographische Studien zu jungneolithischen Gesellschaften.“
  • Frauke Jacobi „Archäologisch-anthropologische Studien zum Endneolithikum in Sachsen-Anhalt (Tagebau Profen)“
  • Mareike Jenke „Erdwerke der späten Bandkeramik in Hessen.“

 

Magisterarbeiten:

  • Bettina Hünerfauth „Impflingen und Orensberg – Studien zur Michelsberger Kultur in der Südpfalz .“
  • Thomas Engel "GIS-basierte Auswertung altneolithischer Besiedlungsstrukturen am Beispiel der Landkreise Limburg-Weilburg und Rheingau-Taunus."
  • Ann-Katrin Leonhardt „Der mittelneolithische Fundplatz Bad Homburg, Klinikum, Hessen.“ 
  • Christian Lohr "Das spätbandkeramische 'Massengrab' bei Kilianstädten." (Arbeitstitel)
  • Verena Fox "Mittelneolithische Siedlungen bei Friedberg und Frankfurt" (Arbeitstitel).

 

abgeschlossen

Dissertationen:

  • Niels Bleicher „Altes Holz in neuem Licht. Archäologische und dendrochronologische Untersuchungen an spätneolithischen Feuchtbodensiedlungen Oberschwabens.“ (November 2007) (Publ.: Bleicher 2009)
  • Nadine Richter „Der michelsbergzeitliche Höhenfundplatz Kapellenberg bei Hofheim a. T.“ (November 2010)
  • Wiebke Hoppe „Studien zur Phase II (‚Flomborn’) der Bandkeramischen Kultur.“ (Oktober 2011)

 

Magisterarbeiten:

  • Birgit Regner-Kamlah „Die Befunde des michelsbergzeitlichen Grabenwerks von Bruchsal–Aue.“ (September 2006) (Publ.: Regner-Kamlah 2009)
  • Frauke Jacobi „Zwei Gräberfelder der Baalberger Gruppe aus dem Landkreis Quedlinburg – Ein interdisziplinärer Vergleich.“ (Juni 2008)
  • Christina Dear „Eine Siedlung der jüngeren und jüngsten Bandkeramik mit Grabenwerk an der B 49, bei Wetzlar-Dahlheim.“ (Dezember 2008)
  • Sabine Kuhlmann „Bischheimer Fundstellen im Frankfurter Stadtgebiet.“(Dezember 2008)
  • Sandra Fetsch „Linienbandkeramische Fundplätze der Gemarkung Herxheim, Kr. Südliche Weinstraße.“ (März 2009)
  • Daniela Braetz „Geschichte  sozialarchäologischer Ansätze in der Erforschung des Neolithikums im deutschsprachigen Raum." (Juni 2010)

Feldforschungen

Innerhalb des übergreifenden Forschungsrahmens werden Einzelaspekte auch in Feldforschungen angegangen. Derzeit sind dies ausschließlich Fragestellungen zur Michelsberger Kultur.
Karte Michelsberger Fundplätze

 

Abb. 4. Karte der Michelsberger Fundplätze im nördlichen Oberrhein- und Mittelrheingebiet sowie Wetterau und Moseltal.

Kapellenberg
Aktive Feldforschungen laufen derzeit in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen zur Michelsberger Kultur. Im Zentrum steht der Kapellenberg bei Hofheim. Bislang wurden zwei Kampagnen unternommen (2008/2009). Finanziert wurden die Grabungen durch die Stadt Hofheim, das Landesenkmalamt Hessen (HessenArchäologie) sowie die Gesellschaft der Freunde des RGZM. Durch diese Grabungen konnte zweifelsfrei nachgewiesen werden, daß der Kapellenberg eine weitläufige jungneolithische Belegung hatte und die dort noch oberirdisch sichtbaren Wallanlagen ebenfalls um 4000 v. Chr. errichtet wurden. Damit trägt, überraschenderweise, der Bergrücken eine der größten und die sicherlich besterhaltene michelsbergzeitliche Siedlung überhaupt. Weitere Untersuchungen sind für die kommenden Jahre geplant.
mehr zum Kapellenberg

Mathematische Modellierung: Neolithisierung Eurasiens

Der Prozess der Ausbreitung von Landwirtschaft und Viehzucht im westlichen Eurasien schwebt als übergeordnetes historisches Phänomen über den Fallstudien im westlichen Mitteleuropa. Zur Zeit ist die Gruppe nlDynamics nur über theoretischen Studien mit diesem Phänomen beschäftigt.

Diese Studien erfolgen in enger Zusammenarbeit mit dem Helmholtz-Zentrum für Material- und Küstenforschung Geesthacht (ehem. GKSS). Grundlage ist das Werkzeug des Global Land Use and technological Evolution Simulator (GLUES) mit dessen Hilfe verschiedene Szenarien der Neolithisierung auf globalem Niveau simuliert werden können. 

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MK-ProjektANR-DFG-Projekt: Die Anfänge sozialer Komplexität

 

Seit 2010 sind die Forschungen des RGZM zur Michelsberger Kultur eingebunden in ein deutsch-französisches Forschungsprogramm gefördert von der DFG und der Agence Nationale des Recherche: "Die Anfänge sozialer Komplexität: Erdwerke, Rohstoffnutzung und Territorialität im Neolithikum. Deutsch-französische Forschungen zur Michelsberger Kultur" (MK-Projekt).

Vorgesehen sind Grabungen zur Michelsberger Kultur im Arbeitsgebiet sowie eine flächendeckende Landesaufnahme für das nördliche Oberrheingebiet und die Wetterau. Das ANR-DFG-Projekt läuft in Kooperation mit der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts, dem Landesdenkmalamt Hessen, dem Landesdenkmalamt Sachsen-Anhalt und dem Centre National de Recherche Scientifique sowie der Université de Paris 1.

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Kontakt:
Römisch-Germanisches Zentralmuseum
Prof. Dr. Detlef Gronenborn
Ernst-Ludwig-Platz 2
55116 Mainz

Tel.: 06131/9124-0
Fax: 06131/9124-199

 

 

 

Publikationen

 

Grabungen:
Kapellenberg

Glauberg

Greifenberg

 

 

Finanzierung und Kooperationspartner

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