Sutton Hoo Shoulder Clasps (© Trustees of the British Museum).



Auf dem Weg zum Verständnis der altenglischen Edelsteinnamen

In der materiellen Kultur des angelsächsischen Englands sind Granate allgegenwärtig. Sie begegnen uns auf Gürtelschnallen, Fibeln, militärischer Ausrüstung und prunkvollen Tafelgarnituren. Auch säumten sie einst die Flügel eines Fabeltieres, welches auf einem der berühmtesten angelsächsischen Artefakte abgebildet ist, dem Helm aus dem Schiffsgrab von Sutton Hoo. Möglicherweise versuchen auch die Illuminationen frühmittelalterlicher Handschriften die Schönheit dieser Granat-Schmuckstücke mittels Tinte auf Pergament nachzuahmen. Und dennoch kennen wir heute kein altenglisches Wort für „Granat“. Der gängige Thesaurus des Altenglischen listet keines auf und auch der bekannte Altanglist Peter Kitson schreibt lediglich: „wir können ohne weiteres glauben, dass ein Zeitgenosse die Granate von Sutton Hoo als ‘‘ϸone readan stan“ (jenen roten Stein) bewundert hätte.“Oder könnten sie andererseits einfach vom Karbunkel – dem biblischen roten Stein, der als “glühende Kohle“ beschrieben wurde – gesprochen haben? Jener wurde von Gelehrten oft als Sammelbegriff für alle transluzenten roten Steine angesehen, an erster Stelle aber für Granat.

Auch wissen wir nicht genug über die allgemeine Bedeutung von Schmuck und im Besonderen von Schmucksteinen für die Angel-Sachsen. Welchen Bedeutungsumfang hatte der Karbunkel und kann dieser uns helfen zu verstehen, wie der Name in Bezug auf Granat angewendet wurde? Warum war der Granat so bedeutend in der materiellen Kultur?

Die sprachliche Studie versucht auf zweifache Weise diesen Fragen nachzugehen. Zuerst wird R. M. Garretts 1909 erschienene Untersuchung zu Hinweisen auf Edelsteine in angelsächsischen Texten auf den neusten Stand gebracht. Dieser erweiterte Korpus wird so hoffentlich mehr Licht auf die Entstehung der altenglischen Namen für Edelsteine werfen. Auch ein neuer Blick auf die Bedeutung und den Bedeutungsumfang von Edelsteinen in angelsächsischen Steinbüchern (sowohl Altenglisch als auch Latein) ist angestrebt, mit einem besonderen Fokus auf biblische Kommentare und auf die Herangehensweise der angelsächsischen Autoren und Übersetzer in Bezug auf die Aufarbeitung von klassischen Texten. Diese Analyse wird hoffentlich zu einem neuen Verständnis über die soziolinguistische Bedeutung von Granat im angelsächsischen England führen. Ergänzt wird die Untersuchung durch die Teilprojekte von Stefan Albrecht, Jörg Drauschke, Borayin Larios und Kerstin Sobkowiak.