Kakodiki/Selino, Kirche des hl. Isidor von Chios, 1420/21: Dargestellt ist der heilige Isidor im Gefängnis und seine Enthauptung.



Der Kult des Heiligen Isidor von Chios in Byzanz

Der Überlieferung nach wurde Isidor in der Mitte des 3. Jahrhunderts auf der Insel Chios gemartert. Er war einer der ersten und wichtigsten Märtyrer des Ägäisraums. Die Spuren seiner Verehrung sind dort und in den Anrainerstaaten des Mittelmeeres sehr zahlreich, nicht zuletzt auch, da Isidor ein Schutzheiliger der Seefahrer ist.

Dennoch gehört der Märtyrer zu den eher weniger bekannten Heiligen. Sein Kult war sowohl zeitlich als auch geographisch nur ausschnitthaft, mit einem Schwerpunkt im mittelalterlichen Westen, Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Die Anfänge des Kults und dessen weitere Entfaltung innerhalb des byzantinischen Reiches liegen noch weitgehend im Dunkeln. Das Dissertationsprojekt widmet sich diesen Forschungsdesideraten.

Die Keimzelle eines jeden christlichen Märtyrerkults bildete das Märtyrergrab. Jenes des heiligen Isidor wird in einer Nekropole an der mittleren Ostküste von Chios, etwa drei km nördlich des Zentrums der gleichnamigen Hauptstadt, lokalisiert. Es befindet sich in einer kleinen, bis heute zugänglichen Krypta, die unter der nordwestlichen Ecke einer Kreuzkuppelkirche liegt. An der Kirche durchgeführte Grabungen förderten Teile dreier sich zeitlich ablösender, frühchristlicher Basiliken und Reste eines Vorgängerbaus zutage.

Ein erstes Ziel des Dissertationsprojekts besteht darin, die Entwicklung dieser Kultstätte auszuleuchten. Im Zusammenhang mit der Grabstätte gilt es auch den Verwendungszweck eines Bronzestempels des 6./7. Jahrhunderts zu erörtern, der eine Darstellung des Heiligen Isidor zeigt. Es wurde die These aufgestellt, dass damit auf Chios Eulogienbehälter ‒ namentlich Tonmedaillons oder Tonampullen ‒ für Pilger hergestellt wurden. Zu klären gilt es jedoch noch, ob es konkrete Anhaltspunkte für eine Eulogienproduktion am Isidorgrab gibt.

Von Chios ausgehend, soll die Ausbreitung des Isidor-Kultes bis zum Untergang des byzantinischen Reiches aufgearbeitet werden. Das Hauptanliegen besteht darin, die verschiedenen Zeugnisse der Verehrung zusammenzutragen, zu analysieren und zu kontextualisieren. Der Fokus richtet sich dabei zwar primär auf den Osten. Westliche Kultzeugnisse werden jedoch ergänzend herangezogen und vergleichend besprochen. Eine Vielzahl der frühen schriftlichen und materiellen Kultzeugnisse lässt keine eindeutige Zuschreibung an diesen Heiligen namens Isidor zu. Bei der Untersuchung des Quellenmaterials gilt es daher bisherige Zuschreibungen kritisch zu hinterfragen und auch homonyme Heilige in den Blick zu nehmen. Außerdem werden mögliche Wege der Kultverbreitung diskutiert und Funktionen untersucht, die dem Heiligen und seiner Verehrung zukamen.