Merowingerzeitliches Mosaikfragment aus dem Kloster der hl. Radegunde in Poitiers mit der Inschrift O CRVX A(VE) – Beginn einer Strophe des Hymnus, den Venantius Fortunatus anlässlich der Ankunft der Kreuzreliquie verfasst hatte. Foto: Erfurt, Artus Atelier.

Radegunde zieht sich in ihr Kloster in Poitiers zurück. Vita der hl. Radegunde. Poitiers, Médiathèque François Mitterand, ms 250 f. 31 v. Foto : Poitiers, CESCM, O. Nenillé

 

Byzantinische Reliquien und Reliquiare im Fränkischen Reich (6. bis 9. Jahrhundert)

Gegenstand des Projekts sind die im Fränkischen Reich nachweisbaren Reliquien und Reliquiare aus dem östlichen Mittelmeerraum. An ausgewählten Fallbeispielen werden die verschiedenen Hintergründe und Mechanismen des Transfers analysiert und gefragt, welche Wirkung die Reliquien im Frankenreich entfalteten, wie sie in das religiöse Umfeld eingebunden wurden und welches Wissen über Byzanz mit ihnen vielleicht in den Westen vermittelt worden ist.

Reliquienkult und Heiligenverehrung verbreiteten sich in Gallien seit der Spätantike sehr dynamisch und entwickelten sich zu einer besonderen Eigenart des fränkischen Christentums. Die meisten Heiligen waren lokaler Herkunft und erlangten vor allem regionale Bedeutung, allerdings lassen sich auch einige Reliquien aus dem mediterranen Raum und deren Verehrung nachweisen. In den Werken Gregor v. Tours (538-594) werden Reliquien aus Italien (Rom), Spanien und dem Nahen Osten, hauptsächlich Partikel des Wahren Kreuzes, sowie Marien- und Apostel-Reliquien genannt. Wohlbekannt ist die Reliquie des Wahren Kreuzes, die die ehemalige Königin Radegunde († 587) von Kaiser Justin II. (565–578) Ende der 560er Jahre zusammen mit einem goldenen und edelsteingeschmückten Reliquiar erhielt. Weitere Reliquien und Reliquiare sind in Kirchenschätzen überliefert, angesichts fehlender schriftlicher Belege sind Zeitpunkt und Wege ihrer Vermittlung jedoch selten gut nachzuvollziehen. Nach dem Wiederaufleben der diplomatischen Beziehungen zwischen Byzanz und dem Frankenreich in der Mitte des 8. Jahrhunderts gelangten bedeutende Reliquien abermals als Geschenke an Könige und hochrangige Kleriker in den Westen. So erhielt Ludwig d. Deutsche (806-896) im Jahr 872 von einer byzantinischen Gesandtschaft Basileios I. (867-886), die er in Regensburg traf, auch einen mit Gold und Edelsteinen verzierten Kristall, der ein Fragment des Wahren Kreuzes enthielt.

Das Thema der Reliquien und Reliquiare aus dem östlichen Mittelmeerraum im Frankenreich umfasst also sowohl prominente Einzelfälle als auch überregional verbreitete Phänomene – vor allem, wenn man Sekundärreliquien wie z. B. die in so genannten Pilgerampullen enthaltene Flüssigkeiten mit berücksichtigt. Anhand prägnanter Fallbeispiele soll im Rahmen des Projekts untersucht werden, unter welchen Rahmenbedingungen die Kontakte geknüpft wurden, die den Reliquientransfer erst ermöglichten. Welche Bandbreite von Reliquien und Reliquiaren ist überhaupt fassbar und lassen sich verschiedene Vermittlungsmechanismen unterscheiden? Darüber hinaus wird gefragt, welche Wirkung die Reliquien im Westen entfalteten. Wurden sie in das religiöse Umfeld problemlos integriert oder waren Adaptionen notwendig? War mit der Überführung und Verehrung der Reliquien schließlich auch eine Vermittlung speziellen Wissens über die beteiligten Regionen und Reiche verbunden? Dabei wird vor allem auf Wissenstransfer im religiös-kirchlichen Bereich fokussiert.


Publikationen

  • J. Drauschke, Byzantine relics in the Frankish Realm from the 6th to the 9th century. In: I. Iliev (Hrsg.), Proceedings of the 22nd International Congress of Byzantine Studies, Sofia, 22-27 August 2011, Vol. II: Abstracts of Round Table Communications (Sofia 2011) 167-168.