Der Alltag in Caričin Grad

Die Auswirkungen der internen Veränderungen von Caričin Grad lassen sich in der Entwicklung des Stadtplanes ablesen. Um aber ihre Gründe zu verstehen sind Kenntnisse über die Träger des Wandels notwendig, die nicht zwingend in der Elite der Machthabenden zu suchen sind. In der alltäglichen Auseinandersetzung mit der physischen Umwelt gestalteten die einfachen Einwohner ihren Lebensraum, geprägt von ihren Bedürfnissen und sozialen Normen. Individuelles Handeln bewirkt jedoch erst dann einen Wandel, wenn es die Mehrheit, die „breite Bevölkerung“ umsetzt. Diese lässt sich in Haushalten als kleinste soziale Einheit im Siedlungsgeschehen archäologisch fassen. Haushalte als materieller Spiegel des Alltages sind ein neuralgischer Punkt, in dem Elemente der Konstanz und des Wandels zu finden sind

Im Rahmen des Projektes zu Caričin Grad bildet die Ausgrabung in der Gebäudeeinheit 23 der Oberstadt in einem Areal nördlich der Akropolis einen Schwerpunkt. Die Wahl fiel auf dieses Gebäude, da es durch die Lage an der Akropolismauer relativ geschützt und gut erhalten schien, während der Großteil des Siedlungsareals durch seine Hanglage erosionsgefährdet liegt.

In diesem Gebäude kombinieren wir interdisziplinär verschiedene Methoden. Bereits während der Ausgrabungen wurden die bodenkundlichen und archäobiologischen Beprobungsstrategien integriert. Durch das archäologische Auslesen der bodenkundlichen Siebresiduen werden durch die micro-refuse-Analyse Referenzdaten generiert, die sowohl für bodenchemische als auch archäologisch-transformative Prozesse als Korrektiv herangezogen werden können. Für die weitere Interpretation der Daten werden Ansätze der Household-Archaeology und der Soziologie  angewendet, da neben der funktionalen Auswertung der Ausgrabung die Einordnung des Befundes in den Kontext der Stadt angestrebt wird. Fundmenge und Qualität geben Auskünfte über die finanziellen Möglichkeiten und somit vermutlich auch auf den sozialen Stand der Bewohner. Die räumliche Auswertung der Befunde zeigt Optionen der Versorgung mit Nahrungsmitteln. Die Betrachtung der Entsorgungsstrategien und des Umgangs mit öffentlichen Gebäuden als Marker öffentlicher Ordnung reflektiert die übergeordnete Organisation des Alltags. Durch historische Überlieferungen über gesellschaftliche Normen, der Rolle der Familie und ihrer Organisation wird ein Bild des Alltagslebens in einer späteren Siedlungsphase von Caričin Grad skizziert.

Das Projekt ist innerhalb des Caričin Grad-Projektes Teil des Themenkomplexes ’Haushalt, Konsum und Alltag in Caričin Grad’, in dem die archäobiologischen und bodenkundlichen Teilprojekte eng zusammen arbeiten, um Fragen nach der Ernährung, Aktivitätszonen und dem Ressourcenverbrauch von Energie, Baumaterial nachzugehen. Gebäude 23 bietet einen gemeinsamen Bezugspunkt. 

Ausgrabungen 2014 und 2015

Gebäude 23 wurde in zwei Feldkampagnen 2014 und 2015 ausgegraben. Ziel der Ausgrabung und ihrer Auswertung ist es, die Nutzung des Gebäudes und seine Funktion innerhalb des Stadtgefüges zu verstehen. Das Fundspektrum lässt bisher keine eindeutige Zuweisung zu handwerklicher Tätigkeit zu sondern deutet eher auf ein bewohntes Gebäude hin. Während drei Messer als Mehrzweckwerkzeug unspezifisch sind, lassen sich dekorativ geschnitzte beinerne Rahmenfragmente, etwa von einem Möbelbeschlag, dem häuslichen Bereich zuordnen. Die kleine Feuerstelle neben dem Eingang lässt ebenfalls eher auf Feuer zum Heizen oder dem Zubereiten von Nahrung schließen als auf eine industrielle Hitzequelle. Der Nachweis einer Sichel zeugt von einer Einbindung in die Agrarproduktion, wenn auch möglicherweise nicht als Haupttätigkeit.  

Das Gebäude war architektonisch schlicht gehalten. Die Mauern aus Lehmziegeln saßen auf einem Sockel lokalen Gesteins und waren mit Dachziegeln gedeckt. Die Akropolismauer wurde als Südabschluss genutzt. Das Gesamtbild der Befunde lässt auf eine einfache Lebensweise der Bewohner schließen,  die schließlich geordnet auszogen und das Haus aufließen. Anhand der Ausgrabung zeigt sich, dass Gebäude 23 relativchronologisch in eine Ausbauphase der Stadt einzuordnen ist und dass die zunächst durchgeplante Stadtanlage von Caričin Grad in der kurzen Zeit ihrer Besiedlung im steten Wandel begriffen war. Nicht zuletzt die Missachtung der repräsentativen Wirkung der Akropolismauer durch das Verbauen mit einfach gehaltenen Häusern zeigt eine gewisse Passivität der Stadtoberen in dem Bemühen, den prunkvollen Charakter zu erhalten. Der Wandel des Stadtbildes erfolgte durch das Beleben und die Anpassung der Umstände an die Situation seiner Bewohner.   


Kooperationspartner

Publikationen

  • J. Birk/ I. Bugarski/ S. Fiedler/ V. Ivanišević/ H. Kroll/ N. Marković/ A.E. Reuter/ C. Röhl/ R. Schreg/ A. Stamenković/ S. Stamenković/ M. Steinborn: An imperial town in a time of transition. - Life, environment, and decline of early Byzantine Caričin Grad. Landscape Archaeology Conference 2014 (im Druck).