Kakodiki/Selino, Kirche des hl. Isidor von Chios, 1420/21: Dargestellt ist der heilige Isidor im Gefängnis und seine Enthauptung.

 

Der Kult des Heiligen Isidor von Chios in Byzanz

Ziel des Dissertationsprojekts ist es, einen umfassenden Beitrag zum Kult des Heiligen Isidor von Chios in Byzanz zu leisten. Dabei sollen vor allem die Entwicklung des Martyrions auf Chios, die politische Bedeutung dieses Pilgerheiligtums und der Isidor-Reliquien, die Verbreitung des Isidor-Kultes in Byzanz und die Ikonographie des Heiligen erforscht werden.

Heilige, ihre Pilgerheiligtümer, die Verbreitung ihres Kultes und ihre Ikonographie stellen ein spannendes Forschungsfeld dar, das sich zwar einer vergleichsweise kontinuierlichen Aufmerksamkeit erfreut, aber immer noch zahlreiche Desiderate aufweist. Zu jenen Heiligen und ihrem Kult, denen die Forschung bislang kaum Beachtung geschenkt hat, gehört der aus Alexandria stammende Heilige Isidor von Chios. Der vor allem von Seefahrern verehrte Heilige soll sein Martyrium in der Mitte des 3. Jahrhunderts auf Chios erlitten haben. Über seinem Grab wurde im 5. Jahrhundert eine dreischiffige Basilika errichtet, die in der Folgezeit zu einem beliebten Pilgerziel avancierte, heute jedoch nicht mehr aufrecht steht. Die Basilika besaß einen Vorgängerbau und drei Nachfolgebauten, deren Aussehen und Zeitstellung noch nicht vollständig erschlossen sind. Ein erstes Ziel des Dissertationsprojekts besteht daher darin, die Entwicklung des Pilgerheiligtums anhand von bereits existierenden Plänen, erhaltenen Ausstattungsfragmenten und überlieferten Beschreibungen der Kirche zu rekonstruieren.

Von dieser Pilgerstätte ausgehend, soll unter Nutzung eines GIS die Verbreitung des Isidor-Kultes in Byzanz untersucht werden, um neue Erkenntnisse zu den Trägern des Heiligenkults gewinnen zu können. Innerhalb der Studie wird ein weiterer Schwerpunkt auf der politischen Signifikanz der Isidor-Reliquien liegen. Einigen Schriftquellen zufolge zogen das Pilgerheiligtum auf Chios und die Isidor-Reliquien wiederholt die Aufmerksamkeit byzantinischer Kaiser auf sich. So sollen Markian (450-457), Konstantin IV. Pogonatos (668-685) und  Konstantin IX. Monomachos (1042-1055) Neubauten der Pilgerkirche gestiftet und Markian sogar Reliquien des Heiligen von Chios nach Konstantinopel transloziert haben. Auch die Venezianer sollen 1125 auf Chios in den Besitz von Isidor-Reliquien gekommen sein, denen zu Ehren der Doge Andrea Dandolo (1343-1354) eine Kapelle in San Marco errichten ließ, die mit einem umfangreichen musivischen Heiligenzyklus ausgestattet wurde. Diesem einzigen westlichen Isidor-Zyklus kann ein einzelner byzantinischer gegenüber gestellt werden, der knapp 70 Jahre später in Kakodiki auf Kreta in Auftrag gegeben wurde. Diesen gilt es zunächst zu kontextualisieren. Des Weiteren soll dieser Zyklus auf seine ikonographischen Wurzeln hin untersucht und somit ein wichtiger Beitrag zur Ikonographie des Heiligen Isidor von Chios geleistet werden.