Luc Moreau bei der Untersuchung des Steingeräte-Inventars der Potocka-zijalka-Höhle im Pokrajinski Muzej in Celje (Slowenien). (Foto: RGZM / L. Moreau)

 

Der Wandel vom Aurignacien zum Gravettien im Lichte wechselnder Formen der Mobilität. Vergleichende techno-ökonomische Analysen von Steingeräte-Inventaren

Im Rahmen eines von der DFG geförderten Forschungsprojekts untersucht Luc Moreau die Mobilität in der Zeit des Aurignacien bzw. des Gravettien anhand verschiedener Schlüssel-Inventare Mittel- und Nordwesteuropas.

Der aurignacienzeitliche Höhlenfundplatz Potočka zijalka, in Slowenien, liegt im Hochgebirge am südöstlichen Rand der Alpen. Durch seine außerordentliche Lage bot der Fundplatz die Möglichkeit, den Einfluss von Topographie auf die merkmalanalytische Variabilität des Inventars sowie auf den technologischen Habitus und das Rohmaterialverhalten näher zu untersuchen. Die Direkt-Datierung von acht Knochenspitzen aus Potočka zijalka sollte darüber hinaus dazu dienen, die Ergebnisse der Studie in einem fundierten chrono-kulturellen Rahmen zu diskutieren. Die Radiokohlenstoff-Datierungen liegen zwischen 32.5 und 30.3 ka BP und deuten somit eine Besiedlung der Höhle am Ende von Greenland Stadial 8 bzw. im Greenland Interstadial 7 an. Der formenkundliche und technologische Habitus des Aurignacien-Inventars von Potočka zijalka reiht sich in die Einheitlichkeit des typischen Aurignacien (d.h. Early Aurignacian) West- und Mitteleuropas ein, das durch seine geringe typo-technologische Variabilität geprägt ist. Der hohe Anteil extra-lokaler Rohmaterialien im Inventar, neben der intensiven Rohmaterialnutzung und Nachschärfung der Steingeräte, lassen auf eine hohe Mobilität in einer unberechenbaren Hochgebirgslandschaft schließen. Hinzu kommt, dass fertige Knochenspitzen und über 90% des Steinrohmaterials aus einem über 20km und 500Hm entfernten Flusstal eigens zu dem 1600m hoch gelegenen Fundplatz geschafft und hier offenbar sogar gehortet wurden: allein in Potočka zijalka wurden 125 Knochenspitzen gefunden. Diese Befunde belegen in hohem Maße vorausschauendes Planen und eine ausgefeilte Logistik der frühjungpaläolithischen Wildbeuter, die die Höhle immer wieder kurzzeitig aufgesucht haben. Diese Art des Risikomanagements und vorausplanende Mobilitätsstrategie sind typisch modernmenschliche Verhaltensweisen, die im Aurignacien erstmals in Erscheinung treten.

Die geographische und geologische Herkunftsbestimmung von lithischen Rohmaterialien im archäologischen Kontext ist eine Grundvoraussetzung zur stichhaltigen Rekonstruktion von prähistorischen Mobilitätsstrategien und Rohmaterialnutzungsverhalten. Eine Überprüfung der Rohmaterialbestimmung mittels nicht invasiver, archäometrisch fundierter Techniken ist in der paläolithischen Archäologie jedoch nur in seltenen Fällen gewährleistet. Insbesondere Hornsteine bzw. Feuersteine sind jedoch in hohem Maße anfällig für Fehlbestimmungen angesichts möglicher Ähnlichkeiten zwischen geographisch weit auseinander liegenden Vorkommen, oder, umgekehrt, ausgeprägter Unterschiede innerhalb ein und desselben Rohmaterialaufschlusses. Die durch Luc Moreau im Rahmen seines DFG-Projekts initiierte Pilot-Studie zielte darauf ab, die geochemische Signatur der im belgischen Gravettien-Fundplatz Maisières-Canal vertretenen, und als „silex noir“ bezeichneten jungkreidezeitlichen Feuersteine, mittels Laser Ablation - Inductively Coupled Plasma - Mass Spectrometry (LA-ICP-MS) untersuchen zu lassen. Die geochemische Analyse und anschließende multivariate Datenanalyse von 78 geologischen Proben sowie 35 Artefakten stellen die Gültigkeit der LA-ICP-MS Technik zur geologischen Herkunftsbestimmung des „silex noir“ aus dem Mons Becken, im westen Belgiens, unter Beweis. In einem weiteren Schritt wurde die Überprüfung der Ferntransport-Hypothese des westbelgischen Feuersteins bis ins Rheinland über eine Entfernung von 260 km unternommen. Zu diesem Zweck wurden vier Steinartefakte der Gravettien-Fundplätze Rhens und Koblenz-Metternich analysiert. Die Ergebnisse lassen keine eindeutigen Schlüsse im Hinblick auf Ferntransport zu und sollten in Zukunft im Lichte der geochemischen Signatur anderweitiger Feuersteinvorkommen, insbesondere der baltischen erratischen Feuersteine, neu bewertet werden.

Förderung

Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)