Die Wurzeln des Pilgerwesens im Nordwesten des Römischen Reiches

Das Forschungsprojekt untersucht die Bedeutung des antiken Grab- und Heroenkultes für die Entwicklung des Pilgerwesens in den römischen Nordwestprovinzen. Auf Basis der archäologischen Quellen soll dargestellt werden, inwiefern frühmittelalterliche Phänomene auf römischen Traditionen beruhen.

Vielfältige religiöse und kulturelle Einflüsse formten in den römischen Provinzen nördlich der Alpen eine facettenreiche Religionslandschaft. Einzelne Heiligtümer und Kultplätze konnten aufgrund ihrer Bedeutung oder Funktion erhebliche Einzugsgebiete entwickeln und den Gläubigen eine weite Anreise abverlangten. Die grundsätzliche Existenz religiös motivierter Reisen steht daher außer Frage. Inwiefern der Aspekt des Reisens aber das Kultgeschehen beeinflusste und welche regionalen, chronologischen oder typologischen Schwerpunkte dabei beobachtet werden können, wurde bisher nur Ansatzweise untersucht.  

Im ersten Abschnitt des Projektes (vgl. Projekt Dr. Martin Grünewald) lag der Fokus zunächst auf den Quell- und Heilkulten der Nordwestprovinzen. In den entsprechenden Heiligtümern lassen sich nicht nur Funde dokumentieren, die Einblick in die Zusammensetzung und Herkunft der Besucher bieten, es existierten auch Einrichtungen wie Herbergen oder Gasthäuser, die auf ein entwickeltes Pilgerwesen deuten. Im zweiten Abschnitt (seit April 2014) gilt es nun den Fokus auf die Heiligtümer der Grab- und Heroenverehrung zu setzen. Ein wesentlicher Aspekt des frühchristlichen Pilgerwesens ist die Verehrung von Heiligen und ihrer Reliquien, was sich besonders an deren Gräbern bzw. Aufbewahrungsorten manifestiert. Die Grundlagen hierfür scheinen in gallisch-gallorömischen Kulttradition verankert zu sein. So existieren einerseits vorchristliche Grabanlagen, in deren Umfeld die Ausübung umfassender und langfristiger Kultpraktiken nachgewiesen werden konnte, andererseits finden sich im Bereich von Heiligtümern gelegentlich Bestattungen, die in Verbindung mit dem ausgeübten Kult zu stehen scheinen. Ziel der Arbeiten soll es sein, die zentralen Fundorte zu bestimmen, um die archäologischen Befunde, das Fundmaterial und die daraus ersichtlichen Kultpraktiken zu diskutieren. Soweit möglich, werden auch schriftliche Quellen und übergreifende Aspekte der gallisch-gallorömischen Religion einbezogen. Darüber hinaus sollen jene Kultstätten der frühchristlichen Zeit eingeschlossen werden, deren Einrichtung auf römerzeitliche bzw. spätantike Bestattungen zurückzuführen ist.

Aus entwicklungshistorischer Sicht lassen sich so Grundlagen zur Beurteilung späterer Phänomene frühmittelalterlicher und christlicher Religionsausübung gewinnen. Im Allgemeinen wird die Frage aufgeworfen, ob das Pilgerwesen auf sozialen- oder kulturellen Universalien beruht bzw. in welchem Maße diese, bei der Überschreitung kultureller, historischer oder geographischer Grenzen einer Transformation unterliegen. Unter Umständen ergeben sich auch Ansätze für Vergleiche mit zeitgleichen Phänomenen im östlichen Mittelmeerraum (vgl. Projekt Christoph Samitz).