Die Waffen aus der latènezeitlichen Deponierung von Förk im Gailtal in Kärnten (Kopien im RGZM, Originale im Landesmuseum für Kärnten, Klagenfurt; Foto: RGZM). Aus dem Gailtal in Kärnten, südlich des Alpenhauptkammes, stammt eine umfangreiche Waffendeponierung; die Stücke waren verbrannt und neben einer Höhensiedlung vergraben worden. Inzwischen konnte die Herkunftsregion bestimmt werden – es handelt sich um Waffen, die vermutlich in Tirol ihren Ursprung hatten und die von einem Konflikt im inneralpinen Raum zeugen, für den „keltische“ Waffen verwendet wurden.

Silbervotivblech aus Nida/Frankfurt Heddenheim (Kopie im RGZM, Original Staatliche Museen zu Berlin; Foto: RGZM / R. Müller). Aus der römischen Regionalhauptstadt Nida (heute Frankfurt-Heddernheim) stammt dieses Votivblech aus Silber. Es zeigt Jupiter in einem stilisierten Tempel (aedicula). Er ist mit seinen Attributen dargestellt: Blitzbündel, Szepter und Adler, der auf dem Himmelsglobus thront und einen Siegeskranz hält. Die Aedicula wird von vier Medaillons flankiert, in denen geflügelte Genien mit Lanze und Schild dargestellt sind. Das Blech wurde an den Rändern nachträglich beschnitten. Dennoch ist es typisch für die variantenreichen Edelmetallbleche, die im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. in den nordwestlichen Provinzen des Imperium Romanum als Tempelgaben verbreitet waren. Befestigungslöcher weisen darauf hin, dass das Blech wohl auf Holz, z. B. einer Tür, befestigt war.

Frühbyzantinische Patene aus dem Schatzfund von Rhia/Syrien (Kopie im RGZM, Original Washington D.C., Dumbarton Oaks Collection Inv.-Nr. 24.5; Foto: RGZM / V. Iserhardt). Der Silberteller wurde im Jahr 577 als Patene für die Eucharistie hergestellt. Die Szene zeigt die Apostelkommunion durch Christus in der Form des zeitgenössischen kirchlichen Abendmahlrituals im 6. Jh. Auf dem Altar sind die für die Durchführung des Rituals notwendigen zentralen Objekte dargestellt: Kelch, Patene und Weinschläuche. Die umlaufende Inschrift charakterisiert die Patene als Weihegabe: „Für die Seelenruhe von Sergia, Tochter des Johannes und von Theodosios und für das Heil von Megas und Nonnous und ihrer Kinder“.

 

Kulturelle und soziale Praktiken

In religiösen Ritualen, weltlichen Zeremonien und Alltagsbrauchtum manifestieren sich gesellschaftliche Werte und Normen sowie Selbstverständnis und Weltbild von Gemeinschaften. Kulturelle und soziale Praktiken besitzen damit für das menschliche Zusammenleben und das Verständnis des Menschen als zoon politikon eine zentrale Bedeutung. Das Forschungsfeld »Kulturelle und soziale Praktiken«​ widmet sich der Untersuchung solcher Praktiken, die einen Niederschlag in der materiellen Kultur gefunden haben, mit einer zeit- und raumübergreifender Perspektive, um die Mechanismen, die gesellschaftsstabilisierend wirken und sich in kulturellen und sozialen Praktiken ausdrücken, zu verstehen. Damit soll langfristig ein substanzieller Beitrag zur Kategorisierung und Erforschung von Faktoren gesellschaftlicher Stabilität geleistet und Grundlagen für die Reflexion gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen erarbeitet werden.

Kulturelle und soziale Praktiken sind stabilisierende Faktoren des menschlichen Miteinanders, die einen Referenzrahmen für das Handeln von Individuen, Gruppen und Gemeinschaften schaffen. Religiöse Rituale, weltliche Zeremonien, Feste und Alltagsbrauchtum prägen und strukturieren den Alltag und das Zusammenleben von Menschen. In ihnen manifestieren sich gesellschaftliche Werte und Normen, in ihnen spiegeln sich Selbstverständnis und Weltbild einer Gesellschaft. Will man also gesellschaftliche Interaktion, will man die Genese, den Erhalt, das Ende oder die Transformation von Gemeinschaften, kurzum das Funktionieren menschlichen Miteinanders verstehen, ist die Untersuchung kultureller und sozialer Praktiken hierfür essentiell.

Die Erforschung kultureller und sozialer Praktiken der Vergangenheit eröffnet eine neue archäologische Perspektive für das Verständnis heutiger Gesellschaften und Gruppen und schärft den Blick für grundlegende Faktoren sozialen Zusammenhalts. Darüber hinaus bietet sie Erkenntnisse, die die Reflektion eines jeden Einzelnen über Handlungen anregt, die seinen Alltag bestimmen. Für die Bildung kollektiver Identität haben kulturelle und soziale Praktiken eine zentrale Funktion. Namentlich gemeinsamer Habitus und gemeinsame Tradition waren und sind zu allen Zeiten als verbindliches System identitätsbildende Grundlage für die Konstituierung und den Erhalt von Gruppen und Gesellschaften. Diese Verbindlichkeit findet ihren Ausdruck in mehr oder weniger formalisierten bzw. regelmäßigen Praktiken, wie z. B. in der Zurschaustellung des gesellschaftlichen Status sowie der damit verbundenen hierarchischen Stellung von Gruppen oder Individuen. Für die Konstitution politischer und religiöser Entitäten ist die Betonung eines solchen (altehrwürdigen) Systems unerlässlich, nicht selten in Abgrenzung zu anderen Systemen und den Gesellschaften, die an ihnen festhalten. Umgekehrt bietet auch die Entstehung größerer politischer Einheiten Reibungsflachen und fordert zur Neudefinition bzw. Neupositionierung der betroffenen (Teil-)Gesellschaften heraus. Wie gut die Integration bzw. Separation von (Teil-)Gesellschaften gelingt, hängt wesentlich von der Kommunikation ihrer Werte und deren Implikationen ab.

Vorgehensweise und Ziel

Kulturelle und soziale Praktiken finden in einer Vielzahl archäologischer Quellen ihren Niederschlag, über welche Handlungen rekonstruiert und die ihnen zugrunde liegenden Wertesysteme und Regelwerke erschlossen werden können. Im Fokus steht dabei prinzipiell die gesellschaftsstabilisierende Funktion kultureller und sozialer Praktiken. Dazu streben die Projekte im Forschungsfeld die Herausarbeitung von archäologisch fassbaren, wirksamen Faktoren für Konstituierung und Resilienz von Gemeinschaften an, um langfristig einen substanziellen Beitrag zur Kategorisierung und Erforschung von Faktoren gesellschaftlicher Stabilität zu leisten. Die laufenden und zukünftigen Projekte sind an der zentralen Leitfrage ausgerichtet, auf welche Weise kulturelle und soziale Praktiken Gesellschaften stabilisieren und welche Praktiken sich dafür als besonders geeignet erweisen. Zugänge zur zentralen Leitfrage werden mittelfristig in drei Forschungsthemen verfolgt:

  • Forschungsthema 1: Riten und Rituale konzentriert sich auf die Frage, welche Riten und Rituale in welchen Kontexten dazu beitragen, Kollektive zu konstituieren, zu stabilisieren und deren Funktionieren zu gewährleisten. Dabei ist zu evaluieren, inwiefern insbesondere lang praktizierte Riten und Rituale sowie ihre Adaption für die Stabilität von Kollektiven relevant sind.
  • Forschungsthema 2: Erinnerungskultur und Tradition fragt insbesondere nach der Rolle der aktiven Traditionsbildung und Vergangenheitsrezeption für die Konstitution und Stabilisierung von Kollektiven. An was wollte man sich erinnern, an was nicht? Wann, in welcher Form und in welchem Kontext werden Vergangenheiten aufgegriffen? Wer bestimmt und prägt das kollektive Gedächtnis und welche Anliegen sind damit verbunden?
  • Im Fokus des Forschungsthemas 3: Kommunikation stehen vor allem die Medien, über die Zusammenhalt kommuniziert wird. Zentral ist dabei die Frage, in welcher Form sich Werte und Ordnungssysteme materialisieren, um eine gemeinschaftsbildende und stabilisierende Funktion zu entfalten.

Die zeit- und raumübergreifend ausgerichteten Forschungsthemen dienen der inhaltlichen Fokussierung der laufenden Einzelprojekte sowie ihrer methodischen Erschließung für die Leitfrage. Sie bilden die Grundlage für die systematische Weiterentwicklung des Forschungsfeldes, insbesondere für die Konzeption weiterer Fallbeispiele. Grundsätzlich können die Projekte auf nur eines der drei Forschungsthemen konzentriert sein oder zu mehreren Forschungsthemen beitragen. Die Ergebnisse der Forschungsthemen werden mittelfristig in Teilsynthesen einfließen, die langfristig die Grundlage für eine synthetische Studie zu Faktoren gesellschaftlicher Stabilität bilden sollen.

Theoretische und methodische Ansätze

Die Grundlage der Arbeit des Forschungsfeldes bildet die Bearbeitung von Einzeldenkmälern, Denkmälergattungen, Fundkomplexen und ihrer Kontexte, sowie von Sammlungsbeständen. Schriftliche Zeugnisse und Ergebnisse geisteswissenschaftlicher Nachbardisziplinen, insbesondere den historischen Kulturwissenschaften, der Geschichtswissenschaft und der Ethnologie finden dabei ebenfalls Berücksichtigung.

Das Themenfeld des Forschungsfeldes ist interdisziplinär ausgerichtet und verfolgt einen komparatistischen Ansatz, wobei sich die Fallstudien an verschiedenen theoretischen Ansätzen orientieren. In Anlehnung an die Diskurse um die verschiedenen „cultural turns“ (bzgl. Körper, Performanz, Handlung, etc.) begreift das Forschungsfeld kulturelle und soziale Praktiken als grundlegenden Bestandteil von Kultur, als Sinnsystem. Zugrunde gelegt wird dabei ein offener Kulturbegriff, der Kultur prozessual als Manifestation regelmäßigen, aber nicht gleichmäßigen praktischen Handelns begreift. Dies impliziert, dass menschliches Handeln, das immer auch die Interaktion mit Dingen umfasst, soziales Leben strukturiert, reproduziert und verändert.