Lidar-Scan eines der Gräberfelder; Scan: Hessisches Landesamt für Bodenmanagement und Geoinformation.

Brandgrab ohne Urne mit vergleichsweise „reicher“ Beigabenausstattung; Zeichnung: Heike von Goddenthow.

Eine ungewöhnliche und daher ganz individuelle Grabbeigabe ist dieses "Schmuckkästchen": eng miteinander verbacken sind mindestens acht Eisen- und eine verschmolzene Bronzefibel. Zusätzlich sind die Fibeln wohl paarweise mit feinsten Kettchen verbunden. Hier wurde offenbar nicht nur die "Tracht", sondern auch ein persönlicher Besitz beigegeben; Foto: V. Iserhardt/ RGZM.

Das "Schmuckkästchen" lag gemeinsam mit anderen Objekten und dem Leichenbrand in einer Keramikurne. Gut erkennbar ist die intentionelle Durchlochung des Bodens; Foto: R. Müller/ RGZM.

 

Gräber und Bestattungsrituale im Umfeld des Oppidums Dünsberg bei Gießen

Die ca. fünf Gräberfelder mit oberirdisch sichtbaren Strukturen und – insgesamt ca. 40 – Brandgräbern zeigen schlaglichtartig die rituellen Praktiken einer Bevölkerungsgruppe an der nordöstlichen Randzone der keltischen Koine auf. Der Niedergang der keltischen Kultur und die vollständige Ablösung durch germanische Kulturkreise kurz darauf implizieren einen grundlegenden Umbruch innerhalb der Gesellschaft, deren Stabilität offenbar zusammenbrach.

Die Gräber erlauben einen Einblick in die Funeralriten eines kurzen Zeitraumes: Auslese des Leichenbrands; Anlage von Grabgärten, deren geographische und kleinräumige Orientierung zum Oppidum; Beigabe von verbrannten und unverbrannten Objekten, rituelle Zerstörung; Lücke im Boden von Urnen usw. Es zeichnen sich sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede in den Grabinventaren der verschiedenen Areale ab. Bisweilen sehr individuelle Merkmale der Beigaben zeigen Parallelen zu Funden aus einem Areal mit Weihefunden bzw. rituellen Niederlegungen am Oppidum Dünsberg selbst.

Am Dünsberg selbst befindet sich ein ausgedehntes Areal mit Waffen, Goldmünzen und weiteren Objekten, deren Deutung als Weihungen nahe liegt. Parallelen sind sowohl zu den lokalen Grabfunden vorhanden als auch überregional zu keltischen Heiligtümern (z.B. Martberg, s.u.). Hier können in Koordination mit anderen Teilprojekten Regelwerke erarbeitet werden, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erarbeiten und der Deutung spätkeltischer sozial-religiöser Phänomene näher zu kommen.

Im Heiligtum auf dem Martberg wurden spätkeltische Waffen geopfert, teilweise mit rituellen Zerstörungen. Die einzelnen Fundgruppen sollen gesammelt vorgelegt werden mit Fokus auf der Verbreitung im Tempelareal, Art der Zerstörung und Chronologie. Die Weihung von Waffen als Phänomen verschiedener vorgeschichtlicher Epochen ist ein Kernthema religiöser Organisation. Hier gilt es, Aspekte der Erinnerungskultur und deren Wandel in römischer Zeit näher zu untersuchen. Die Tempelgebäude wurden in römischer Zeit umgebaut, der Ort aber weiter genutzt; dies steht im Gegensatz zu dem potenziellen Kultplatz am Dünsberg, der mit der Auflassung des Oppidums seine Bedeutung verlor.