Kirche der heiligen Vierzig Märtyrer in Tarnovo / 13. Jh. n. Chr.

 

Heiligenkult und Pilgerwesen im mittelalterlichen Bulgarien: Ihre Rolle für Kirche, Staat und Gesellschaft im Zweiten Bulgarischen Reich (Ende 12. – Ende 14. Jh.)

Das Dissertationsprojekt hat zum Ziel, anhand kritischer Auswertung aller einschlägigen Schriftquellen sowie sonstiger, z.B. archäologischer oder epigraphischer Quellen einerseits, und der bisherigen Forschungsliteratur andererseits, die kulturpolitische Rolle des Pilgerwesens und Heiligenkults im Zweiten Bulgarischen Reich umfassend zu untersuchen.

Obwohl die ins Auge gefasste Zeitspanne hauptsächlich die Periode des sog. Zweiten Bulgarischen Reiches (Ende 12. – Ende 14. Jh.) umfassen soll, setzt die genauere Veranschaulichung der Themenproblematik einen umfangreicheren Rückblick auf die beiden vorangegangenen Epochen der bulgarischen Geschichte voraus, nämlich die Periode des Ersten Bulgarischen Reiches seit seiner Christianisierung (60-er Jahre des 9. Jh.) sowie das Zeitalter der byzantinischen Herrschaft über das bulgarische Volk (1018-1186).

Einige der wichtigsten Aspekte, die in der genannten Hauptphase untersucht werden sollen, beziehen sich auf das Verhältnis zwischen Staat und Heiligenkult, nämlich  auf die herrschaftliche Instrumentalisierung von Heiligen und deren Reliquien und die daraus erfolgten Pilgeraktivitäten. Dazu gehört vor allem die Adaption eines byzantinischen Vorbildes im Zweiten Bulgarischen Reich, bei welcher die imperiale und kirchliche Hauptstadt von den Herrschern mit dorthin überführten Heiligenreliquien ausgestattet wird, um ihre eigenen Herrscherdynastien zu legitimieren und gleichzeitig das Renommee der Hauptstadt als Zentrum der weltlichen und sakralen Macht des Reiches zu festigen. Die Kirchen Tărnovos, die als Aufbewahrungsort der gesammelten Reliquien dienten, stellten dadurch bis zum Ende des 14. Jh. eine immense Anziehungskraft für bulgarische und ausländische Pilger dar.

Andere wichtigen Fragestellungen, die im Zusammenhang mit dem Wallfahrtswesen in der genannten Periode stehen, beziehen sich auf die Verhältnisse zwischen der Kirche und den Pilgern, nämlich auf die liturgischen Feierlichkeiten und Praktiken (z.B. Votivwesen), die mit dem (individuellen oder gemeinschaftlichen) Pilgerbesuch am Wallfahrtsort verbunden waren. Dazu gehört selbst das Problem über die Lokalisierung wichtiger Wallfahrtsstätten (Kirchen, Klöster u.a. christliche Denkmäler) aus dieser Zeit. Ein anderer Hauptaspekt der geplanten Untersuchung hätte zum Gegenstand die Fragen nach der sozialen Zugehörigkeit der Pilger, ihren Wallfahrtsmotiven sowie nach den erhaltenen Objekten ihrer materiellen Kultur.

Ein allgemeiner Überblick auf die Praktiken der Heiligenverehrung, die sich im 15. Jh. auf dem Territorium des ehemaligen Bulgariens in einem Wandel von der slawisch-byzantinischen zur slawisch-osmanischen Kontaktzone befanden, soll dann am Ende der Arbeit ebenso gewonnen werden.