Kunst im Kontext – Die Bedeutung sozialer Netzwerke im Lichte eiszeitlicher Frauendarstellungen

(abgeschlossen)

Menschenbilder sind eine der wichtigsten Quellen für das (Selbst-)Verständnis früher Gesellschaften, ihrer Organisation und Regelwerke, da die künstlerische Darstellungsweise von Menschen auch ihre soziale Rolle reflektiert. Venus-Statuetten wie die berühmte »Venus von Willendorf« gehören zu den frühesten Menschenabbildungen.

Die Frauenbilder unterliegen klaren Konventionen und sind bei aller Variationsbreite stilistisch so gleichartig, dass sie sich zweifelsfrei ihrem historischen Kontext zuordnen lassen. Der Vergleich von Figuren im »Willendorf-Stil« vor 25-35000 Jahren mit den auffallend anders gestalteten vom »Typ Gönnersdorf« in der späten Eiszeit vor etwa 15000 Jahren zeigt, wie sich die künstlerischen Normen dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend geändert haben. Frauen vom »Typ Gönnersdorf« sind schematisch und symbolhaft dargestellt, im »Willendorf-Stil« lassen sich hingegen Individuen erkennen. Beide Typen sind in ihrer Zeit häufig und über ganz Eurasien verbreitet und zeugen von einem großen Kommunikationsraum mit gleichartigen Konventionen, zumindest in der Kunst. Was verbirgt sich hinter diesem Wandel?

Sabine Gaudzinski-Windheuser und Olaf Jöris haben die Statuetten in ihrem räumlichen und zeitlichen Kontext untersucht. In einem stilistischen Vergleich stellen sie die Frauenbilder einander erstmals systematisch gegenüber, um die Darstellungsprinzipien dann im Kontext der Populationsgeschichte Europas zu erklären: Während des Mittleren Jungpaläolithikums haben sich die Menschen aufgrund der fortschreitenden Vereisung sukzessive in Siedlungsrefugien zurückgezogen, die zunehmend durch regionale Traditionen geprägt sind. Die Venusstatuetten vom »Willendorf-Stil« repräsentieren die gemeinsamen Wurzeln dieser Gruppen und sind Zeichen ihrer kollektiven Identität. Die späte Eiszeit ist hingegen von einem schnellen Rückzug der Gletscher geprägt, der neue Siedlungsräume eröffnete und zu einer raschen Ausbreitung von Bevölkerungsgruppen führte. Stabile soziale Netzwerke und eine weitreichende Kommunikation sind wesentliche Voraussetzungen für solche Expansionen. Darstellungen vom »Typ Gönnersdorf« waren offenbar ein Vehikel dieser Kommunikation, das die wichtige Rolle der Frau und der »weiblichen Sphäre« als Grundlage stabiler sozialer Beziehungen symbolisiert.


Publikationen

  • S. Gaudzinski-Windheuser, O. Jöris, Contextualising the Female Image – Symbols for Common Ideas and Communal Identity in Upper Palaeolithic Societies. In: F. Wenban-Smith / F. Coward / R. Hosfield / M. Pope (Hrsg.), Settlement, Society, and Cognition in Human Evolution. Matt Pope. Cambridge University Press.