Zustand des Originals seit der Restaurierung von 1901/02; Foto: RGZM.

Schrittweiser Rückbau (von links nach rechts) der kolorierten falschen Ergänzungen des Jahres 1901/02 am Beispiel der sogenannten »Hirschgruppe«; Foto: RGZM.

Zustand des Originals im Jahr 2009, nach Abschluss der Neurestaurierung im RGZM; Foto: RGZM.

 

Objektgeschichte des Kultwagens von Stettweg: Altrestaurierung, Neukonzipierung und eine alte Kopie als nützliche Hilfe

Der hallstattzeitliche Kultwagen von Strettweg (Steiermark), der im Jahr 1851 beim Einplanieren eines Grabhügels des 7. Jahrhunderts v. Chr. gefunden wurde, ist in Österreich bis in die Schulbücher hinein bekannt. Seit seiner Auffindung hat er mehrere Restaurierungskampagnen durchlaufen, deren letzte, durchgeführt im Jahr 1901/02, am massivsten in die Substanz des Wagens eingegriffen hat. Damals hat man unter anderem die Basisplatte verlängert sowie die Räder aus ästhetischen Gründen in Blei dupliziert und vereinheitlicht, fehlende Teile mit Blei ergänzt und die ganze Konstruktion grün überstrichen.

Als man sich schließlich im Jahr 2006 für eine grundlegende Überarbeitung des Objektes durch die Restaurierungswerkstätten des RGZM entschloss, bei der die offensichtlich fehlerhaften Umbauten wieder entfernt werden sollten, waren die Bedenken von österreichischer Seite groß, der Wagen könne in seinem zurückgebauten und somit nicht mehr »kompletten« Zustand, Irritation und Ablehnung erfahren, sogar seine Authentizität verlieren. Trotzdem kam man mit dem RGZM überein, nichts zu verschönen, sondern die irreparablen Spuren der Altrestaurierungen als „Zeitzeugen“ stehen zu lassen und den Wagen am Ende eher „minimalistisch“ zusammenzubauen, d. h. Ergänzungen nur dort vorzunehmen, wo sie aus statischen Gründen unerlässlich sind.  Da die massive Veränderung des Originals bereits am Anfang des 20sten Jahrhunderts stattgefunden hatte, konnte nur eine bronzene Kopie des Wagens, die das RGZM schon im Jahr 1862 für seine eigene Sammlung hatte anfertigen lassen, als Orientierungshilfe herangezogen werden. Durch sie konnte man immerhin noch den Zustand rekonstruieren, den das Original nach seiner ersten Restaurierung im Jahr 1853 besessen haben muss. Begleitet wurde die Neurestaurierung durch moderne herstellungstechnische und materialanalytische Untersuchungen. Diese werden zusammen mit der Darlegung der Maßnahmen und Intentionen der Restaurierung einen besonderen Raum in der in Vorbereitung befindlichen Neupublikation des Strettweger Wagens einnehmen.

Ein wichtiger und für das RGZM-Forschungsfeld „Relikte der Vergangenheit im Heute“ entscheidender Punkt wird jedoch auch sein, der Frage nachzugehen, ob und inwieweit die bislang etablierte Wahrnehmung für das vermeintlich authentische Originalobjekt durch den restauratorischen  Rückbau verschoben wurde.