Reiterkrieger, Burgenbauer. Die frühen Ungarn und das »Deutsche Reich« vom 9. bis zum 11. Jahrhundert

(abgeschlossen)

Die Ungarn kamen in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhundert in das Karpatenbecken. In den Quellen als »Nomaden« bezeichnet, wurden sie von den Bewohnern Mitteleuropas vor allem als bedrohliche Reiterkrieger wahrgenommen. Nachdem sie sich am Ende des 9. Jahrhunderts an der mittleren Donau niedergelassen hatten, führten sie zahlreiche Raubzüge nach Italien, dann in das Deutsche Reich. Nach einer empfindlichen Niederlage an der Unstrut 933 führten sie ihre Plünderungszüge bis an den Atlantik und die Südgrenze Skandinaviens. Es dauerte geraume Zeit, bis sich der Westen auf die Bedrohung einstellte. 955 erlitt die ungarische Streitmacht am Lechfeld bei Augsburg ein Debakel.
Nach einer gängigen Auffassung zwangen die Plünderungen die konkurrierenden Adelsfamilien im »Deutschen Reich« zur Einigung. Zur Abwehr der Ungarn sei das Heer reorganisiert und ein auf Burgen gestütztes Verteidigungssystem etabliert worden (sog. Burgenbauordnung Heinrichs). Der Sieg Ottos des Großen 955 spielte für die Integration des Deutschen Reiches demnach eine große Rolle.
Auch für die Ungarn bildete die Lechfeldschlacht einen Wendepunkt, denn die Niederlage führte letztlich zu ihrer Territorialisierung im Karpatenbecken und zur Transformation eines nomadischen Stämmebundes in ein mittelalterliches, zentralistisch organisiertes Königreich auf christlicher Grundlage. Dieser Prozess über mehrere Generationen gegen erhebliche Widerstände der alten Stammesführer muss als herausragende Kulturleistung gesehen werden.
Trotz der großen Bedeutung für die mitteleuropäische Geschichte haben die Kombination von wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Faktoren für die internen Transformationsprozesse Mitteleuropas, sowohl im fränkisch-sächsischen Westen als auch im ungarischen Osten, wie auch die interaktiven Kontakte zwischen beiden Regionen bislang noch bei weitem nicht jene Aufmerksamkeit in der Forschung gefunden, die sie verdienen. Das gilt umsomehr, als die moderne Mediävistik einige der Paradigmen der bisherigen Forschung – etwa das traditionelle Bild des mittelalterlichen »Staates«, der Bedeutung der »Nation« - seit längerem in Frage gestellt bzw. revidiert hat.
Das RGZM hat daher das Thema der Kontakte zwischen Ungarn und »Deutschen« im 9.-11. Jahrhundert aufgegriffen und ein Forschungsprojekt konzipiert, das interdisziplinär verschiedene Aspekte des Themas untersucht. Archäologische Materialaufarbeitungen und Editionen wichtiger Fundkomplexe sind ebenso Bestandteil des Projektes wie landschaftsarchäologische Fallstudien, die in vergleichender Perspektive untersuchen, wie die damaligen Siedlungslandschaften unter sozialen, ökonomischen und ökologischen Aspekten strukturiert waren. Das Projekt wird von der Leibniz-Gemeinschaft mit Mitteln des Paktes für Innovation und Forschung des Bundes und der Länder gefördert.


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