Fragment eines möglicherweise geschlitzten Vorhanges, Inv. T 205 (Foto Badisches Landesmuseum Karlsruhe)

Fragment einer broschierten Borte von einer Tunika, Inv. T 158 (Foto P. Linscheid).

Fragment einer Decke oder eines Polsterstoffes, Inv. T 12 (Foto P. Linscheid).

 

Spätantike und Byzanz. Bestandskatalog Badisches Landesmuseum Karlsruhe. Textilien

(abgeschlossen)

Im Rahmen des Bestandskataloges der byzantinischen Objekte in der Sammlung des  Badischen Landesmuseums Karlsruhe stellen die Textilien die umfangreichste Gattung dar.   

Die Textilsammlung des BLM Karlsruhe enthält 238 Textilien aus frühbyzantinischer Zeit.  Erworben wurden sie überwiegend um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert aus der Sammlung Reinhard (Kairo) und aus der Sammlung Bock (Aachen). Diese beiden bekannten Sammler "koptischer" Textilien verkauften Teile ihrer Sammlungen an zahlreiche große deutsche und europäische Museen, dementsprechend sind zugehörige Stücke in anderen Sammlungen zu erwarten. Die Textilien stammen aus frühbyzantinischen Gräbern in Ägypten, genauere Fundortangaben sind nicht überliefert. Chronologisch deckt die Sammlung in Karlsruhe den Zeitraum von Spätantike bis in die Anfänge der islamischen Zeit ab.

Bemerkenswert an der Sammlung in Karlsruhe ist die große Zahl derjenigen Stücke, die relativ großformatig und mit ursprünglichen Kanten erhalten sind, wodurch sich das ehemalige Aussehen und die Funktion der Stücke bestimmen lassen.

So repräsentieren 2 vollständige Exemplare und 9 größere Fragmente verschiedene Typen frühbyzantinischer Tuniken. Zur Bekleidung gehören auch 13 Fragmente frühbyzantinischer Seiden, die als Besatzstücke verschiedene Kleidungsstücke verzierten. Während einige dieser Besätze aus größeren Seidenstücken wahrscheinlich in Wiederverwertung herausgeschnitten wurden, sind andere seidene Clavi und Zierstücke in Form gewebt. In der Sammlung befinden sich weiterhin 4 vollständig Haarnetze in Sprangtechnik, die zur Kopfbedeckungen der frühbyzantinischen Frau gehörten.

Insgesamt 15 größere Fragmente von Vorhängen, Wandbehängen, Decken und Polsterstoffen verdeutlichen die gehobene Wohnkultur frühbyzantinischer Zeit. Zwei größere Fragmente mit Streumuster können wohl als Vorhänge angesprochen werden. Bei einem der beiden Exemplare handelt es sich möglicherweise um einen im Fundmaterial nur selten belegten geschlitzten Vorhang, der an einer Tür oder einem Interkolumnium platziert war und in seiner senkrechten Mittelachse geöffnet werden konnte. Wahrscheinlich von einem Wandbehang stammen größere Fragmente mit in farbigen Noppen ausgeführten Darstellungen. Zu Decken oder Polsterstoffen gehören zwei größere Fragmente mit gewirkten Zierstücken und flächendeckenden Schlingen aus hellen Leinenfäden.

Vier größere Fragmente von Geweben in Kompositbindung (Taqueté) stammen wahrscheinlich von Polsterstoffen. In Technik und Musterung sind sie typische Vertreter dieses Gewebetyps. Die vergleichende Untersuchung wird zeigen, ob die Fragmente in Karlsruhe den analogen Stücken in anderen Sammlungen zugehörig sind. Möglich ist auch, dass dieser Gewebetyp in Serienproduktion mit stereotyper Ausstattung und Musterung hergestellt wurde.  

Etwa 200 kleinere Fragmente von Geweben mit Wirkereien werden sich zumindest teilweise durch die textiltechnische Analyse und das Dekorationsschema funktional bestimmen lassen. Blaue und rote Wollborten mit broschiertem Muster stellen ab dem 6. Jahrhundert typische Dekorationen von Tuniken dar. Leinengewebe mit großformatigen broschierten mehrfarbigen Mustern sind hingegen als Einrichtungstextilien anzusprechen.

Außergewöhnlich sind zwei farbig gestickte Streifen. Stickereien sind in der  frühbyzantinischen Zeit selten, da Zierstücke in der Regel in der Technik der Wirkerei gearbeitet wurden. Die gestickten Streifen in Karlsruhe könnten zu Clavi gehören, wie sie auch bei einer vollständigen Tunika des RGZM Mainz belegt sind, die ausschließlich mit gestickten Zierstücken versehen ist.  

Ikonographisch bedeutsam ist ein Clavus mit mehreren neutestamentlichen Darstellungen, darunter Maria mit dem Christuskind und weitere, noch zu deutende Figurengruppen. Der Clavus gehört technisch und stilistisch zu einer kleinen, aber homogenen Gruppe von Tunikabesätzen mit biblischen Darstellungen, die nach Radiokarbonanalysen eher spät, in das 7.-9. Jahrhundert datieren.

 

Förderung

Badisches Landesmuseum Karlsruhe und RGZM


Publikationen

  • P. Linscheid, Spätantike und Byzanz. Bestandskatalog Badisches Landesmuseum Karlsruhe. Textilien, BOO 8, 2 (Mainz 2017).