Dieser Getreidespeicher ist Gegenstand aktueller archäologischer Ausgrabungen; Foto: Archäologisches Institut Belgrad.

Außenansicht des Getreidespeichers in Caricin Grad zum Zeitpunkt aktueller Ausgrabungen; Foto: Archäologisches Institut Belgrad.

Verkohlte Roggenfrüchte aus vorhergehenden archäobotanischen Untersuchungen privater Vorräte; Foto: An. Reuter/RGZM.

 

Zwischen staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge: Eine interdisziplinäre Studie zur Versorgungssicherung im 6. Jahrhundert anhand des Getreidespeichers von Caričin Grad

Die frühbyzantinische Stadt Caričin Grad liegt im südlichen Serbien zwischen den Radan-Bergen und der Leskovac-Ebene. Errichtet wurde sie um 530 n. Chr. auf einer vorher nicht besiedelten Anhöhe und um 615 n. Chr., nach noch nicht einmal drei Generationen, wieder verlassen. Bereits seit 100 Jahren und zuletzt seit 1978 durch das Archäologische Institut Belgrad und der École française de Rome steht die Stadt im Fokus archäologischer Ausgrabungen. Seit 2014 wird die bestehende Kooperation durch das im Leibniz Wettbewerb geförderte RGZM-Projekt „Das kurze Leben einer Kaiserstadt – Alltag, Umwelt und Untergang im frühbyzantinischen Caričin Grad (Iustiniana Prima?)“ ergänzt. Im Rahmen dessen konnten bereits interessante Erkenntnisse zu Ernährung und Landwirtschaft gewonnen sowie neue Fragestellungen entwickelt werden. Daraus wurde nun dieses neue weiterführendes Projekt entwickelt.

Das in Zusammenarbeit des RGZM und des Institut für Ur- und Frühgeschichte der CAU Kiel laufende und durch die Fritz Thyssen Stiftung geförderte Projekt „Zwischen staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge – Eine interdisziplinäre Studie zur Versorgungssicherung im 6. Jahrhundert anhand des Getreidespeichers von Caričin Grad“ wendet sich nun vor allem der Frage der Versorgungssicherung in den Krisenzeiten des 6. Jahrhunderts zu. Wie nahezu keine andere Region waren die Gebiete des balkanischen Donauraumes in der Spätantike Auseinandersetzungen mit über den Donaulimes drängenden Bevölkerungsgruppen ausgesetzt. Ab dem 4. und 5. Jahrhundert überschritten mehrfach kriegerische Gruppen wie „Goten“ und „Hunnen“ die Donaugrenze. In dieser Kriegs- und Krisensituation kam einer organisierten Vorratshaltung eine wichtige Bedeutung zu.

Im Fokus der neuen Untersuchungen stehen die Ausgrabungen eines großen Getreidespeichers auf dem Nordplateau der Oberstadt von Caričin Grad.  Die Mehrzahl vergleichbarer Speicherbauten auf dem Balkan datiert in das späte 3. und frühe 4. Jahrhundert. Sie wurden vor allem in Städten errichtet und nicht mehr in dem Maße in Villen und Kastellen wie in den Jahrhunderten zuvor. Trotz der regen Bautätigkeiten in den Städten verloren die urbanen Speicherbauten bereits im späten 4. und frühen 5. Jahrhundert ihre Funktion und erst ab dem späten 5. und dem 6. Jahrhundert sind einige wenige Neubauten bekannt. Umfassende Bautätigkeiten wurden zunächst unter Anastasios (reg. 491-518), dann aber vor allem unter Kaiser Justinian I (reg. 527-565) vorgenommen, um die byzantinische Herrschaft auf dem Balkan in ihrer institutionellen und materiellen Infrastruktur wieder herzustellen und zu sichern. In diesem Rahmen wurde auch die neue Stadtgründung Caričin Grad mit einem großen Speicherbau ausgestattet.

Aktuelle Ausgrabungen zeigen bereits, dass er seine Funktion als zentrales städtisch verwaltetes Speichergebäude bald wieder verlor. An seine Stelle treten kleine Häuser, wie sie das gesamte Stadtquartier nördlich der Akropolis kennzeichnen. Offenbar ist davon auszugehen, dass die zentrale, staatlich verwaltete Lagerung aufgegeben wurde und nur noch eine dezentrale Vorratshaltung innerhalb privater Haushalte Bestand hatte. Dies wirft Fragen hinsichtlich der Versorgung durch den Staat im Rahmen der annona militaris auf. Dieses Versorgungssystem des Militärs hatte eine große Bedeutung für die Frontregionen und basierte auf mediterranen Importen und auf lokal produzierten Gütern. Vor diesem Hintergrund ist die frühe Aufgabe des horreum in seiner ursprünglichen Funktion als zentraler Speicher besonders auffällig.

Das neue  Projekt arbeitet mit Methoden der archäobotanik und der Geoarchäometrie. Aus den bisherigen Ergebnissen ist noch unklar inwieweit staatliche Fürsorge und private Vorsorge zum tragen kamen und in welchem Verhältnis sie zueinander standen. Da die derzeit vorliegenden Ergebnisse aus den Gebäuden der Ober- und Unterstadt bisher Hinweise auf private, dezentrale Lagerung von Nahrungsmitteln sowie deren Verarbeitung geben, sind aus den kommenden Untersuchungen des horreums weitere Ergebnisse besonders hinsichtlich der staatlichen Versorgungssicherung zu erwarten.

Zu diesem Zweck sollen im Schwerpunkt archäobotanische Untersuchungen pflanzlicher Makroreste aus dem horreum durchgeführt werden, deren Ergebnisse mit den bereits vorliegenden Erkenntnissen zu privaten Vorräten verglichen werden. Durch die ergänzenden Analysen von Lipiden und Elementgehalten in Böden und in Gefäßresten lassen sich zudem auch andere Nahrungsmittel sowie Einträge während einer sekundären Nutzung untersuchen, die keine pflanzlichen Makroreste hinterließen.


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