(Abb. 2.) Arbeitsabläufe im Forschungsfeld „Wandlungsprozesse“. Aufbauend auf einzelnen Fallstudien (FS) werden die Syntheseebenen gespeist, die wiederum in das gesamte RGZM einfließen. Das Forschungsfeld nutzt Strukturen aus dem gesamten RGZM und seinen Kooperationspartnern (Beispiele) und leitet seine Inhalte und Ergebnisse aktiv in die Öffentlichkeit weiter (Beispiele); Foto RGZM.



Gesellschaftliche Wandlungsprozesse und Dynamiken

Im Forschungsfeld »Gesellschaftliche Wandlungsprozesse und Dynamiken« werden Veränderungen von den ersten agrarischen Gesellschaften des Neolithikums bis zu den sehr viel komplexeren Gesellschaftssystemen der Antike und des europäischen Mittelalters, einschließlich der byzantinischen Welt, untersucht. Dies geschieht auf verschiedenen räumlichen und zeitlichen Skalenebenen – in erster Linie landschafts- und umweltbezogen.

Angesichts einer sich rapide verändernden globalen Gesellschaft besteht ein zunehmendes Bedürfnis, Wandlungsprozesse auf langfristiger Basis zu verstehen und diese Kenntnisse in politische Entscheidungen einfließen zu lassen. Die Erforschung von Wandel und dessen Dynamiken hat sich daher in den letzten Jahren zu einem interdisziplinären Wissenschaftsfeld entwickelt.

Über das Forschungsfeld „Gesellschaftliche Wandlungsprozesse und Dynamiken“ beteiligt sich das RGZM mit seiner epochenübergreifenden Expertise und seinen Sammlungen (Objekte wie auch Daten) an dieser aktuellen Diskussion.

Gezielt werden Abläufe und Faktoren von Veränderungsprozessen ab dem Neolithikum bis zum Beginn der Frühen Neuzeit untersucht. Somit wird jener Zeitraum erfasst, in dem sich Städte und Staaten aber auch soziale Ungleichheiten und Herrschaft entwickelt haben, in dem eben die Grundlagen für unsere moderne Welt gelegt werden (Abb. 1).

Das Interesse gilt sowohl den gesellschaftsinternen Akteuren als auch gesellschaftsexternen Faktoren sowie deren gegenseitigen Wechselbeziehungen. Die Intension ist es, ein Verständnis für die Komplexität historischer Abläufe zu wecken.

Vorgehensweise und Ziele

Derzeit liegt der Fokus auf zwei Forschungsthemen. Dabei handelt es sich um ausgewählte gesellschaftliche Prozesse, nämlich die Entwicklung und Auflösung von Bevölkerungsagglomerationen in Großsiedlungen und Städten. Ein zweites, eigentlich komplementäres, Themenfeld widmet sich den sozio-ökonomischen Prozessen in Kulturlandschaften, etwa Veränderungen von Siedlungsmustern oder Landnutzungen.

Die Projekte zu diesen Themen sind auf verschiedenen Skalenebenen (lokal, regional, überregional) angesiedelt. Ziel der Forschungen ist es, auf vergleichendem Weg Muster für das Zusammenspiel verschiedener Parameter heraus zu arbeiten.

Theoretische und methodische Ansätze

Methodisch werden zwei unterschiedliche, allerdings einander ergänzende Ansätze verfolgt:

  1. Detail- bzw. Fallstudien (Abb. 2 Ebene FS)
  2. diachrone Entwicklungen in Synthese und Modellierung (Abb. 2 Ebene Synthese)

1. Detaillierte Fallstudien untersuchen konkrete Beispiele. Damit können individuelle Entwicklungen erfasst werden, die bei der abstrakten Betrachtung der Zeitreihen Gefahr laufen, übersehen zu werden.

2. Auf der Basis von Datenserien zu Bevölkerungsdichten, Siedlungslaufzeiten etc. werden verschiedene Phasen kultureller Entwicklungen erfasst, insbesondere vor dem Hintergrund unterschiedlicher Siedlungslandschaften bzw. Kulturräume. Die Datengrundlage bilden Ausgrabungen, Landschaftsaufnahmen und Prospektionen, klassische Materialaufnahmen sowie Metaanalysen publizierter Daten. Bei allen Forschungsfragen steht ein diachroner und dabei multiskalarer Ansatz im Mittelpunkt, der ab dem Neolithikum und bis zum Beginn der Neuzeit unter dem Dach eines systemtheoretischen Analyseansatzes die verschiedenen Betrachtungsebenen vergleichend zusammenführt: Gesellschaften werden als „Humanökosysteme“ gesehen, in denen interne Dynamiken aus Interessen und Handlungsspielräumen von Einzelakteuren oder Subeinheiten (agency) ebenso berücksichtigt werden wie externe Parameter.

Ein potenzielles Hilfsmittel dazu ist die Methode der mathematischen Simulation, die es erlaubt, die Auswirkungen einzelner Faktoren abzuschätzen.