Femur eines jungen Bibers Castor fiber. Biber wurden sowohl wegen ihres Fleisches als auch wegen ihres Fells und Fetts gejagt. [Foto: Nemanja Marković. Bibersilhouette: Michel Coutureau (INRAP) © 2003 Archeozoo.org after Léon Pales et Michel A. Garcia, Atlas ostéologique pour servir à l'identification des Mammifères du Quaternaire. Herbivores (Paris 1981) pl. 169.]

Phalanx eines Kamels, vermutlich eines Dromedars Camelus dromedarius, die pathologische Veränderungen durch Überlastung zeigt. [Foto: Nemanja Marković. Kamelsilhouette: Michel Coutureau (Inrap) © 2006 Archeozoo.org after A. Chauveau revue et augmentée par S. Arloing, Traité d'anatomie comparée des animaux domestiques (Paris 1879) 1036, fig. 406.]

Linker Humerus eines Wiedehopfs Upupa epops. Links der frühbyzantinische Fund aus der Oberstadt von Caričin Grad, rechts ein Knochen eines rezenten Tieres aus der Archäologisch-Zoologischen Arbeitsgruppe (AZA) in Schleswig. Der Wiedehopf brütet in der baumbestandenen Kulturlandschaft, gerne in Wein- und Obstbaugebieten. (Foto: RGZM / Henriette Kroll).

 

Analyse der Tierknochenfunde aus Caričin Grad

Das archäozoologische Teilprojekt des Caričin Grad Projektes am RGZM wird in enger Zusammenarbeit zwischen dem serbischen Archäozoologen Nemanja Marković und der RGZM-Mitarbeiterin Henriette Kroll durchgeführt. Den Großteil der Tierknochenfunde stellen Reste wirtschaftlich genutzter Tierarten, vor allem der Haustiere Schaf, Ziege, Rind und Schwein, in geringerem Maße auch von Equiden, Kamelen, Katzen und Hunden. Zudem wurden einige wild lebende Säugetiere identifiziert, unter anderem Reh, Rothirsch, Feldhase und Biber (Abb. 1). Die Kleinfauna umfasst vor allem Vogelknochen, hauptsächlich vom Haushuhn, jedoch auch von Gänsen und einer Vielfalt wild lebender Vögel. Weiterhin traten Fischknochen sowie zahlreiche Reste von Kleinsäugern, Amphibien und Reptilien auf.

Primäres Ziel der archäozoologischen Auswertung ist es, Tiernutzungsstrategien in der Stadt und in ihrem Umfeld herauszuarbeiten. Die Frage, wie sich die Tierknochen räumlich auf die Stadt verteilen, wird mit Hilfe eines GIS analysiert. Kartierungen von Tierknochenansammlungen, die als Abfälle von Schlachterei, Handwerk oder Haushalten anzusprechen sind, können zur Rekonstruktion von verschiedenen Aktivitätszonen und Stoffzyklen in der Stadt führen. Darüber hinaus ermöglicht ein Vergleich zwischen den Tierknochenspektren aus wohlhabenderen Stadtvierteln und solchen aus den Wohnvierteln der ärmeren Einwohner Erkenntnisse über die Verfügbarkeit und Erschwinglichkeit bestimmter Tiere bzw. ihr Fleisches.

Ein wichtiger Forschungspunkt ist die Nutzung von tierischer Arbeitskraft, ohne die ein örtlicher Ackerbau kaum denkbar wäre. Rinder müssen für die schwere Arbeit eingespannt worden sein, während Equiden in der Regel die leichteren Arbeiten zu leisten hatten. Das gilt auch für das Transportwesen: Für die Errichtung der Stadt, der Aquädukte und Straßen, mussten große Mengen an Bau- und Brennmaterial, Werkzeug, Nahrung und Wasser nach Caričin Grad gebracht werden. Zumindest einen Teil der Strecke musste dies auf dem Landweg erfolgen – eine langwierige und teure Technik, die nicht wenige Arbeitstiere notwendig gemacht haben dürfte. Im Rahmen dieser Betrachtungen muss auch das in Caričin Grad vergleichbar häufige Auftreten von Kamelen überdacht werden (Abb. 2).

Da wild lebende Tiere jeweils artspezifische Ansprüche an Nahrung, Habitat und damit den Vegetationstyp haben, können wilde Arten, große wie kleine, Hinweise auf in der Stadt und ihrer Umgebung einst bestehende Landschaftsformen und Gewässertypen geben (Abb. 3). Vorläufige Ergebnisse weisen auf einen Import von Donaufisch und wohl auch Meeresfisch in das weit im Binnenland und fernab der Donau liegende Caričin Grad hin.

Eine Spezialuntersuchung widmet sich einem möglichen Grund für die Auflassung der Stadt: Es wird angenommen, ist aber nicht bewiesen, dass die Justinianische Pest bis in diesen Bereich des Balkans vorgedrungen ist. Da Nagetierpopulationen gefährliche Reservoire für diese Seuche bilden, wurden Zähne von Hausratten (Rattus rattus) für eine DNS-Analyse ausgewählt, die klären soll, ob diese Tiere den Erreger in sich trugen.

Schließlich soll auch geprüft werden, ob sich diachron Entwicklungen in der Tiernutzung greifen lassen, welche Rückschlüsse auf sich wandelnde wirtschaftliche, gesellschaftliche oder ökologische Bedingungen während des kurzen Bestandes der Stadt zulassen.