Abb 1. Skelette in Fundlage (Grabenkopf), Foto: RGZM, Mainz/Gronenborn, 2006.

Abb 2. Tramata and Schädeln, Foto: RGZM, Mainz/Lohr, 2012.

 

Das spätbandkeramische Massengrab von Kilianstädten, südliche Wetterau

Südlich von Kilianstädten wurde 2006 beim Bau einer Umgehungsstraße ein jungsteinzeitliches Massengrab der frühesten bäuerlichen Gesellschaften in Mitteleuropa entdeckt. Nach den Keramikverzierungen wird sie Linienbandkeramische Kultur (LBK) genannt. Die Skelette lagen im Torbereich einer 2 h großen Grabenanlage. Hier hatte man 26 Leichen von überwiegend jungen Erwachsenen und Kindern entsorgt und anschließend mit Siedlungsabfall überdeckt. Jugendliche und jüngere Frauen waren jedoch im Befund unterrepräsentiert, möglicherweise sind sie verschleppt worden.

Zahlreiche Frakturen an den Schädeln zeugen von stumpfer oder halbscharfer Gewalteinwirkung, etwa durch Dechsel und Küppel. Eine auffallend hohe Anzahl von Individuen hatte zudem deutliche Frakturen an Schienen- und Wadenbeinen. Diese Spuren lassen auf intentionelle Folter oder Verstümmelung der Opfer schließen, vielleicht um eine Flucht zu verhindern. Auch bei Kindern wurden die Beine zerschlagen. Die wenigen Frakturen der Unterarme sind als Abwehrverletzungen zu deuten.

Die Toten wiesen zeittypische Leiden wie Vitamin C-Mangel, Osteomyelitis (Knochenmarksentzündung) und Tuberkulose auf. Diese können aber nicht als Indikator für eine Mangelsituation gewertet werden. Aufgrund von Radiokohlenstoffdatierungen (14C) fällt der Befund grob in einen Zeitraum zwischen 5200 und 4850 v. Chr., nach der Keramik genauer um 5000 v. Chr. Er datiert somit in die späte Phase der Bandkeramischen Kultur. In der Verfüllung des Grabens lagen zwischen den Skelettelementen eine zerbrochene Beilklinge sowie zwei knöcherne Pfeilspitzen, die als mögliche Tatwaffen in Frage kommen.

Als Motive für die brutale Gewalt gegen eine ganze Gemeinschaft sind Konflikte zwischen Siedlungen und Kleinregionen denkbar, etwa um Territorien und Ressourcen, oder um die soziopolitische Vorherrschaft bestimmter Gemeinschaften. Das Massaker von Kilianstädten fällt in eine Zeit, aus der mehrere Massengräber bekannt sind. Einige, wie etwa Schletz im österreichischen Burgenland, oder Talheim bei Heilbronn weisen eindeutige Hinweise auf Massaker auf. Andere, wie etwa Herxheim in der Südpfalz, zeigen eher Hinweise auf eine stark ritualisierte Gewalt, deren Bestandteil auch Anthropophagie (Kannibalismus) gewesen sein mag . Vieles deutet darauf hin, dass es zum Ende der Bandkeramischen Kultur in verschiedenen Region zu einer Zunahme von Gewalt kommt. Hierfür sprechen auch die sogenannten Erd- oder Grabenwerke, deren Funktion in der Forschung zwar umstritten ist, die aber unseres Erachtens nach durchaus Verteidigungsaspekte aufweisen und zudem die Bedeutung von bestimmten Siedlungen und Weilern herausstreichen.

Alles dies spielt sich in einem Zeitraum ab, in dem die Bevölkerungsdichte einen Höhepunkt erreichte, und zumindest einige der fruchtbaren Landwirtschaftsregionen – wie etwa die Wetterau – sehr dicht besiedelt waren. Während dieser Phase mussten sich die frühen bäuerlichen Gesellschaften aber auch mit erheblichen Klimafluktuationen auseinandersetzen. Gegen Ende des 6. Jahrtausends gibt es einen Trend zu vermehrter Trockenheit, mit einigen ausgesprochenen Dürrejahren. Wenngleich wir derzeit die tatsächlichen Effekte dieser Flukturationen auf die Landwirtschaft nicht im Einzelnen verstehen, so ist doch anzunehmen, dass die plötzlichen Änderungen und starken Anomalien geregelte und vorhersehbare Ernten erschwerten.

So dürfte die Kombination von hoher Bevölkerungsdichte, internen Konflikten und Klimafluktuationen dazu beigetragen haben, dass die Linienbandkeramische Kultur etwa zwei Generationen nach dem Massaker von Kilianstädten endet und von mittelneolithischen Kulturen abgelöst wird.

Kilianstädten spielt im Rahmen des FF „Gesellschaftliche Wandlungsprozesse und Dynamiken“ als Fallstudie eine besondere Rolle, da anhand dieses Fundplatzes die Umbruchsprozesse am Ende des Altneolithikums schlaglichtartig beleuchtet werden.


Publikationen

  • D. Gronenborn / H.-C. Strien / S. Dietrich / F. Sirocko, ‘Adaptive Cycles’ and Climate Fluctuations - A Case Study from Linear Pottery Culture in Western Central Europe. Journal of Archaeological Science 51, 2014, 73-83.
  • Ch. Lohr, Archäologische und anthropologische Untersuchungen zum spätbandkeramischen Massengrab von Schöneck-Kilianstädten (Main-Kinzig-Kreis, Hessen) (unpubl. Magisterarbeit 2013).
  • Ch. Meyer/Ch. Lohr/K.W. Alt/D. Gronenborn, The massacre mass grave of Schöneck-Kilianstädten reveals new insights into collective violence in Early Neolithic Central Europe. PNAS 112, 36, 2015, 11217–11222.
  • C. Meyer / C. Lohr / O. Kürbis / V. Dresely / W. Haak / C. J. Adler / D. Gronenborn / K. W. Alt, Mass graves of the LBK. Patterns and peculiarities. In: A. Whittle / P. Bickle (Hrsg.), Early Farmers: The View from Archaeology and Science. Proceedings of the British Academy 198 (Oxford 2014) 307-326.
  • Ch. Meyer / Ch. Lohr / K. W. Alt / D. Gronenborn, Interpretationsansätze zu „irregulären“ Bestattungen während der linearbandkeramischen Kultur: Gräber en masse und Massengräber. In: N. Müller-Scheeßel (Hrsg.), 'Irreguläre' Bestattungen in der Urgeschichte. Koll. Vor- u. Frühgesch. 19 (Bonn 2013) 111-123.