Übersichtskarte Umland; Foto: R.Schreg/RGZM.

Hypothetisches Modell der Stadtentwicklung als heuristisches Mittel. Skizziert ist ein mögliches Szenario der Bevölkerungsentwicklung, desInvestitions- und Energiebedarfs für Bau und Unterhalt der Stadt sowie eine potenzielle regionale agrarische Produktivität; Graphik R. Schreg/RGZM.

Begehungen auf einer römischen Fundstelle nordöstlich von Caričin Grad, 2015; Foto: R.Schreg/RGZM.

Ziegelbrennofen im Tal des Svinjarica-Baches, 2013; Foto: R.Schreg/RGZM.

Kirche in der Höhensiedlung Sekizol, ca. 2,5 km NNW von Caričin

 

Das Umland von Caričin Grad

Die Bevölkerungskonzentration einer Stadt stellt besondere Anforderungen an die Produktivität des Umlandes, das die Versorgung mit Energie, Nahrungsmitteln, Wasser und sonstigen Materialien zu leisten oder zu vermitteln hat. In einem Teilprojekt der Fallstudie Caričin Grad wird dieses deshalb detailliert untersucht.

Zusammen mit den in der Stadt angesiedelten Teilprojekten wird so ein Beitrag zum Verständnis von urbanem Alltag und dessen Wandlungen: sowie zu der Frage, inwiefern Städte auf die soziookönomische Entwicklung der umliegenden Landschaften Einfluss nahmen, geleistet. Bereits zu Beginn des Projektes entwickelte, rein hypothetische und im interdisziplinären Diskurs auch immer veränderliche Modelle dienen als heuristisches Mittel, um konkrete Fragestellungen für die Feldforschung zu stellen. Grundlage der Modelle sind Ansätze der Stadtökologie.

Das Teilprojekt thematisiert dementsprechend:

  • den Charakter ländlicher Siedlungen im Umland,
  • die Landnutzungsformen,
  • die Rolle des Bergbaus und
  • die Umweltfolgen der Stadtgründung. 

Die Arbeiten können auf verschiedenen Fundstellenerfassungen in der Region aufbauen. Gezielt wurden in den bisherigen Kampagnen einige Schlüsselplätze begangen. Dabei konnte teilweise neues datierendes Material gewonnen werden, und es wurden Ausdehnung und Charakter bekannter Fundstellen näher bestimmt. Die erhofften Hinweise auf ländliche Gehöfte sind trotz solcher gezielter Begehungen ausgeblieben. Ansatzpunkte bilden einige Kirchen im Umland von Caričin Grad, deren Umgebung gesurveyt wurde. In einem dieser Fälle wurde eine kaiserzeitliche Siedlung, wohl eine villa rustica, identifiziert, wobei jedoch keine Hinweise auf ein Weiterbestehen bis in die frühbyzantinische Zeit erkennbar wurde.

Für 2016 ist eine abschließende geoarchäologische Kampagne, bei der einigen Hinweisen auf starke Bodenerosion im Umland von Caričin Grad nachgegangen werden soll, geplant. Basierend auf einer Grabung der 1970er Jahre soll hierbei unter anderem zu Füßen der Stadtanlage ein Ziegelbrennofen näher analysiert werden, dessen Reste heute noch am Ufer des Svinjarica-Baches zu erkennen sind. Sie zeigen, dass der Ofen in mächtigem Auesediment sitzt, das möglicherweise schon in frühbyzantinischer Zeit dort abgelagert wurde.

In Kooperation mit dem Deutschen Bergbaumuseum Bochum sollen des Weiteren Hinweise auf römischen und ggf. auch byzantinischen Bergbau im Umland der Stadt systematisch geprüft werden.

Beim derzeitigen Stand der Arbeiten postulieren wir einen Wandlungsprozess, der im Verlauf der Spätantike eine durch Villen geprägte Streusiedlungsweise durch einzelne befestigte Höhensiedlungen abgelöst hat. Wie sich die Kirchen im Umland von Caričin Grad in dieses Bild einfügen, ist bislang nicht sicher geklärt. Sie liegen inmitten des potentiellen Ackerlandes, doch fehlen Hinweise auf zeitgleiche offene Siedlungen in ihrem Umfeld.

Eine Landschaftsanalyse basierend auf Begehungen, LiDAR-Scans, Luftbildern und Katasterkarten – ergänzt um die geoarchäologischen Untersuchungen – zielt auf eine Abschätzung des Ertragspotentials im Umland der Stadt, welchem eine Kalkulation des Verbrauchs in der Stadt gegenüber gestellt werden soll. Geomagnetische Prospektionen in der Stadt, ihren Vorstädten, und auf einzelnen Flächen im Umland haben unsere Vorstellungen von der Stadtanlage so weit präzisiert, dass begründete Bevölkerungsschätzungen vorgenommen werden können, die jedoch geringer ausfallen als bislang postuliert.


Kooperationspartner

Publikationen

  • J. Birk/ I. Bugarski/ S. Fiedler/ V. Ivanišević/ H. Kroll/ N. Marković/ A.E. Reuter/ C. Röhl/ R. Schreg/ Al. Stamenković/ S. Stamenković/ M. Steinborn: An imperial town in a time of transition. - Life, environment, and decline of early Byzantine Caričin Grad. Landscape Archaeology Conference 2014 (im Druck).
  • R. Schreg/ J. Birk/ S. Fiedler/ H. Kroll/ N. Marković/ A.E. Reuter/ C. Röhl/ M. Steinborn: Wirtschaftliche Ressourcen und soziales Kapital. Gründung und Unterhalt der Kaiserstadt Iustiniana Prima. Mitt. DGAMN (im Druck).