Eckpunkte der linienbandkeramischen Keramikentwicklung in Mittel- und Südhessen; Grafik: Johanna Ritter.

Grabungsfläche in Wöllstadt, Wetterau; Foto: hessenARCHÄOLOGIE 2013.

Lage der linienbandkeramischen Fundstelle Wöllstadt, Wetterau; Foto: hessenARCHÄOLOGIE 2013.

 

Die Bandkeramik im südlichen Hessen und angrenzenden Gebieten – Chronologie und Netzwerke

Dissertationsvorhaben Johanna Ritter M.A.

Die Region Südhessen stellt in Deutschland durch die dichte Besiedlung einen der „Hotspots“ für die Erforschung der jungsteinzeitlichen Kultur der Linienbandkeramik (LBK) im 6. Jahrtausend v.Chr. dar. In den vergangenen Jahren sind zahlreiche neue Fundstellen zu Tage gekommen, die eine Neubewertung dieses Arbeitsgebietes erforderlich machen. Von besonders großer Bedeutung ist hierbei die Auswertung des keramischen Fundgutes, das sich durch die sich mit der Zeit verändernden Zierstile in hohem Maße dazu eignet, typologische Reihen und feingegliederte Chronologien zu erstellen, wozu statistische Verfahren in Zusammenhang mit dem Merkmalskatalog „Bandkeramik Online“ genutzt werden.

Die sich verdichtende Datenbasis wird so in naher Zukunft die zeitliche Einordnung auch kleiner Fundstellen der LBK bis auf 20 / 25 Jahre Genauigkeit ermöglichen, was gegenüber dem Auflösungsniveau physikalischer Datierungsmethoden einen unschätzbaren Vorteil bedeutet. Zu Vergleichen werden diese physikalischen Methoden jedoch den ordnend mathematischen Verfahren zur Seite gestellt. Der Nachweis sozialer Strukturen und kultureller Kontakte in der LBK soll zudem mittels der erst seit wenigen Jahren für archäologische Untersuchungen genutzten GIS (Geographische InformationsSysteme)-basierten Netzwerkanalysen erfolgen.

Die Fundstelle Bad Nauheim-Nieder-Mörlen mit ihren unzähligen bandkeramischen Befunden bildet den Ausgangspunkt für die Aufarbeitung und konnte seit 2014 in Kooperation mit der HessenArchäologie bereits zu großen Teilen aufgenommen werden: 15.000 an Form und / oder Verzierung ansprechbare Gefäßeinheiten wurden dokumentiert und erbrachten zahlreiche neue Verzierungselemente. Darüber hinaus wurden diverse Vergleichsfundstellen der LBK in Karben, Wöllstadt, Großseelheim oder auch Limburg-Eschhofen aufgearbeitet. Es gilt nun, die gesamtchronologische Entwicklung des Gebietes Südhessen weiter auszuführen. Auch räumlich-zeitliche Berührungspunkte des umgebenden Raumes sind zu testen. Die mögliche soziale Bedeutung von Verzierungselementen und -kombinationen soll im Verlauf des Dissertationsverfahrens ebenso eingehend betrachtet werden.

Am Ende der Untersuchungen stehen Netzwerkanalysen, um Aussagen im Bezug auf Kulturkontakte und kulturelle Abgrenzungen der Gebiete zu erreichen: Das bandkeramische Südhessen erscheint nach aktuellem Erkenntnisstand einmal mehr als eine Region großer Eigenständigkeit – die keramische Tradition könnte somit auch als kulturelle Abgrenzung fungiert haben.


Publikationen

  • J. Ritter, B3a km 19 – Ein linienbandkeramischer Fundplatz bei Friedberg, Wetteraukreis. Magisterarbeit Univ. Mainz 2015

  • J. Ritter, Zu Chronologie und Herstellungstechniken der Bandkeramik anhand der Fundstelle Friedberg B3a km 19, Wetteraukreis. Archäologisches Korrespondenzblatt 44, 2014, 325–335.

  • J. Ritter, Neue und seltene bandkeramische Gefäßtypen von der Umgehungsstraße B3a bei Friedberg, Wetteraukreis. Hessen Archäologie 2014 (Darmstadt 2015) 26-28.

  • J. Ritter, Gräber der jüngeren LBK auf der Ortsumgehung B3a bei Friedberg. Hessen Archäologie 2014 (Darmstadt 2015) 28-32.

  • J. Ritter, Jungsteinzeitliches Gefäß – Idolfigur aus Karben. Archäologie in Deutschland 6/2015, 5-7.

  • E. Claßen, Siedlungsstrukturen der Bandkeramik im Rheinland. In: J. Lüning / C. Friedrich / A. Zimmermann (Hrsg.), Die Bandkeramik im 21. Jahrhundert. Symposium in der Abtei Brauweiler bei Köln vom 16.9.-19.9.2002. Internationale Archäologie. Arbeitsgemeinschaft, Symposium, Tagung, Kongress 7 (Rahden 2005) 111-124.

  • E. Claßen, Siedlungen der Bandkeramik bei Königshoven. Rheinische Ausgrabungen 64 (Darmstadt 2011).

  • E. Claßen, A. Zimmermann, Räumliche Statistik, Soziale Netzwerkanalyse und Raumverständnis. In: A. Pastoors, G.-C. Weniger (Hrsg.), Höhlenkunst und Raum: Archäologische und Architektonische Perspektiven. Wissenschaftliche Schriften des Neanderthal Museums 3 (Mettmann: Neanderthal Museum 2003) 91-104.

  • S. Schade-Lindig, Vorbericht zur bandkeramischen Siedlung in Bad Nauheim-Nieder-Mörlen „Hempler“ (Wetteraukreis / Hessen). Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden 2002.

  • H.-C. Strien, Untersuchungen zur Bandkeramik in Württemberg. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 69 (Bonn 2000).

  • Zimmermann, Zur Anwendung der Korrespondenzanalyse in der Archäologie. In: J. Müller, A. Zimmermann (Hrsg.), Archäologie und Korrespondenzanalyse. Beispiele, Fragen, Perspektiven. Internationale Archäologie 23 (Espelkamp 1997) 9-15.