Die nördliche Grenzzone der Latènekultur - Untersuchungen zu Formen der Kulturausbreitung

Die Ausbreitung der Latènekultur im 4. und 3. Jh. v. Chr. fällt mit dem historisch überlieferten Phänomen der Keltischen Wanderungen zusammen. Unter diesem Begriff werden sowohl die Eroberungszüge nach Norditalien, die Gründung von Herrschaften in unterschiedlichen Gebieten, eine Kulturausbreitung in den Bereich des mittleren Donauraumes und des Karpatenbeckens als auch die Beteiligung von Söldnergruppen in den Diadochenheeren subsummiert. Die Ausbreitung der Latènekultur in Richtung Norden wurde bisher in das allgemeine Phänomen mit einbezogen oder weitgehend außer Acht gelassen. In Nordhessen, Thüringen und Sachsen sind die Grenzzonen lose an die Latènekultur angebunden, erst in der Spätlatènezeit werden diese Teilbereiche dann häufig zur keltischen Kultur gerechnet. In Nieder- und Oberschlesien sowie Kleinpolen entstehen anscheinend in kurzen zeitlichen Abständen mehrere Enklaven der Latènekultur in den Phasen Latène B und C. Das Phänomen wurde bisher hauptsächlich aus nördlichem Blickwinkel und unter dem Aspekt der Genese der Jastorf- und Przeworsk-Kultur betrachtet.

Vorarbeiten

Die Untersuchungen beruhen auf einem fast abgeschlossenen DFG-Projekt (2009-2013) in Zusammenarbeit mit der Johannes Gutenberg- Universität (Institute für Vor- und Frühgeschichte und für Anthropologie), bei dem Gräberfelder aus dem Kernbereich und aus dem Expansionsraum der Latènekultur in Richtung Süden und Osten archäologisch und bioarchäometrisch mittels Strontium- und Sauerstoffisotopie sowie auf ihre aADN untersucht wurden. Es handelt sich jeweils um Schlüsselfundstellen, bei denen jeweils mehr als 20 Gräber auf Mobilitätsmuster sowie deren Niederschlag im Fundmaterial untersucht werden konnten. Als allgemeines Ergebnis kann der Nachweis individueller Mobilität festgehalten werden – Massenwanderungen oder eine reine Kriegermobilität lassen sich hingegen nicht belegen. Aufgrund der Brandgräbersitte im Norden und den Überlieferungsbedingungen ist eine Anwendung dieser Methoden für eine Fragestellung in diese Richtung nicht anwendbar.

Die nördliche Grenzzone der Latènekultur

Im Bereich nördlich der deutschen Mittelgebirge, des Erzgebirges und der Sudeten ist eine langfristige Beeinflussung aus dem Süden schon länger festzustellen. Die Hallstatteinflüsse brechen nicht ab, sondern werden auch in der Frühlatènezeit weitergeführt. Eine spätere »Ausbreitung der Latènekultur« ist eingebunden in einen langfristigen Prozess, bei dem zu fragen ist, ob hier die Mobilität größerer Gruppen vorliegt, oder bei dem in einem Moment länger vorbereitende Einflüssen soweit »umschlagen«, dass das Bild einer Enklave der Latènekultur entsteht. Aus der Sicht des Südens stellen sich die Latèneobjekte der Stufe A als eine bewusste Auswahl und bereits lokale Umarbeitung dar. Der lokale Grabritus verhindert die Überlieferung von Ringschmuck oder Waffen; die Begrenzung auf einzelne Formen spricht von einer sehr begrenzten Durchdringung. Dies Bild wird auch von der späten Übernahme der Fibeltracht im Allgemeinen ergänzt. Die nördliche Grenzzone der Latènekultur soll aus dem Blick des Südens betrachtet und dabei die Bereiche der späteren Jastorf- und der Przeworsk-Kultur gemeinsam untersucht werden.