Schale (Typ Hayes 53A) mit Darstellung des Urteils des Salomon (Foto RGZM).

Schale (Typ Hayes 53A) mit Darstellung einer Märtyrerin mit ausgebreiteten Armen und Inschriftentafel DOMINA VICTORIA zwischen zwei Löwen (Thekla?) (Foto RGZM).

Schale (Typ Hayes 53A) mit Darstellung von Herakles im Kampf mit dem Nemäischen Löwen (Foto RGZM).

Schale (Typ Hayes 53A) mit Darstellung von Opfernden vor einem Standbild der Aphrodite (Foto RGZM).

Schale (Typ Hayes 53A) mit Darstellung eines siegreichen Wagenlenkers (Foto RGZM).

 

Die nordafrikanische Terra Sigillata im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz: Studien zur Bildsprache und sozialen Funktion spätantiken Tafelgeschirrs des 4. und 5. Jahrhunderts n. Chr.

Im römischen Imperium wurde kontinuierlich rotglänzendes Tafelgeschirr (Terra Sigillata) in großen Mengen in Manufakturen in Italien und den Provinzen produziert, das geradezu als ein Charakteristikum römischer Lebensart zu gelten hat. In Nordafrika wurde überwiegend in den Provinzen Africa Proconsularis und Byzacena im heutigen Tunesien vom späten 1. Jahrhundert bis zum 7. Jahrhundert n. Chr. rote Gefäßkeramik produziert (sog. African Red Slip Ware). Die Produkte der nordafrikanischen Werkstätten erfreuten sich großer Beliebtheit und bedienten nicht nur den regionalen Markt, sondern wurden ins gesamte Imperium exportiert, vor allem auch nach Rom.

Charakteristisch für die nordafrikanische Terra Sigillata ist ihre reiche Bilddekoration, die mittels Reliefauflagen und Stempeln erstellt wurde. Durch die Kombination unterschiedlicher figürlicher Motive entstand vor allem bei den applikenverzierten Schalen und Platten im Zeitraum von ca. 360-430 n. Chr. ein sehr variantenreiches Spektrum von Einzeldarstellungen und narrativen Szenen, die z. T. mit Beischriften versehen sind. Das Spektrum der Bilder umfasst vornehmlich solche mythologischen Inhalts, alt- und neutestamentliche Szenen, Circus-, Arena- und Jagddarstellungen sowie Fisch- und Pflanzenbilder.

Die Dekoration auf dieser in Massen produzierten Warenart stellt für die spätantike Bildsprache eine wichtige Primärquelle dar. Die Decodierung der Bilder hilft uns, Fragen zu den Leitbildern und Regelwerken der spätrömischen Gesellschaft insbesondere für das 4. und 5. Jahrhundert zu beantworten. Die zahlreichen Darstellungen von Circusspielen und der spielgebenden Magistrate hängen mit der Festkultur und der staatlichen Ordnung zusammen, während sich die religiösen Vorstellungen in den mythologischen und christlichen Bildthemen niederschlagen. Gerade anhand der nordafrikanischen Keramik kann wie sonst nur an wenigen anderen spätantiken Kunstgattungen, das Eindringen christlichen Gedankenguts in die traditionelle Bilderwelt und der damit verbundene fundamentale Wandel gesellschaftlicher Werte auf einer besonders breiten Materialbasis verfolgt werden.

Das RGZM besitzt eine der umfangreichsten Sammlungen von African Red Slip Ware weltweit, die überwiegend im Kunsthandel erworben wurde. Die Sammlung umfasst über 300 Stücke des 3.-6. Jahrhunderts, darunter 70 komplett erhaltene Schalen mit Reliefauflagen (Form Hayes 53A) sowie dutzende Fragmente, mehrere Kannen und zahlreiche Töpferwerkzeuge (Model, Patritzen, Stempel, etc.).

Das Projekt zielt darauf ab, diesen bisher nur sehr unzureichend publizierten Sammlungsbestand erstmals vollständig vorzulegen und das Material für die Fragestellung des Forschungsfeldes „Kulturelle und soziale Praktiken“ zu erschließen. Für die Objekte in der Sammlung des RGZM wird systematisch die Ikonographie der einzelnen Appliken sowie der in einer Art Baukastensystem zusammengesetzten Szenen bestimmt. Auch wird zu klären sein, welche Motive spezifisch nordafrikanischen Traditionen und Verhältnissen verhaftet sind und welche stadtrömische Einflüsse rezipieren. Bedingt durch den Sammlungsbestand des RGZM liegt ein Schwerpunkt auf den Schalen der Form Hayes 53A und in der Dekoration verwandter Formen des 4. und 5. Jahrhunderts, wobei weitere Sammlungsbestände und Vergleichsfunde aus Grabungen in die Diskussion mit einbezogen werden. Auf der Materialbasis erfolgt eine Auswertung (2. Projektphase), welche anstrebt, die Deutung, Bedeutung und Aussageintention ausgewählter Motivgruppen genauer als bisher zu erschließen und kulturgeschichtlich einzuordnen, wobei die Frage nach der sozialen Funktion dieser Serien von besonderem Interesse ist.


Publikationen

  • V. Tsamakda, Zwischen Heidentum und Christentum. Zur Bildsprache der nordafrikanischen Terra Sigillata-Schalen mit Reliefappliken des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz. Mitteilungen des Deutschen Archäologen-Verbands e.V. 42, Haft 1, 2011, 99-112.
  • F. Bejaoui, Terra sigillata in Mainz. In: Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.), Das Königreich der Vandalen – Erben des Imperiums in Nordafrika (Mainz 2009) 290-291.
  • K. Weidemann, Spätantike Bilder des Heidentums und Christentums (Mainz 1990).