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Konzept zur forschungsrelevanten Digitalisierung römischer Diatretgläser

Diatretgläser gehören zu den herstellungstechnisch besonders aufwändigen und qualitätsvollen Zeugnissen römischen Handwerks. Bekannt sind über 80 Exemplare, die überwiegend in das 3./4. Jh. n. Chr. eingeordnet werden. Die auch Netzbecher genannten Gefäße bestehen meist aus zwei Lagen Glas: einem inneren soliden, überwiegend farblosen Becher und einem umgebenden, nicht selten mehrfarbigem, filigranem Netz aus durchbrochenem Glas, das nur durch mm-dünne Glasstege mit dem Becher verbunden ist. Die Kombination von umlaufender Beschriftung, Glaskragen oder figürlicher Darstellung mit dem filigranen geometrischen Netzwerk im unteren Bereich des Bechers erzeugt einen ästhetisch einmaligen und visuell komplexen Eindruck.

Von der Objektgruppe ist knapp ein Drittel der Gefäße nahezu vollständig, die Übrigen fragmentarisch erhalten. Die Diatrete sind überwiegend in Museen und Sammlungen der USA und Europas, aber auch im Vorderen Orient und Nordafrika zu finden. Einige bedeutende Exemplare wurden in Kriegen zerstört oder sind verloren gegangen.

Obwohl sie Gegenstand einer fast 200-jährigen Forschungsgeschichte sind, wurden zentrale Fragestellungen bisher nicht zufriedenstellend geklärt: Im Fokus stehen die Verwendungskontexte der Gefäße in der Antike, die Komposition der Dekoration und die Rekonstruktion stark fragmentierter Reste, im Besonderen aber die antike Herstellungs- und Bearbeitungstechnik, die bis heute kontrovers diskutiert wird.

V.a. in Bezug auf Fertigung und Gebrauch der Diatrete bilden Mikrospuren auf der Oberfläche die wert- vollste Informationsquelle. Sie werden bisher zunächst in makro- oder (stereo-)mikroskopischer Autopsie untersucht und anschließend in aufwändig ausgeleuchteten, 2D Fotografien erfasst. Die Vielschichtigkeit der sichtbaren Ebenen und deren Differenzierung im transparenten Ausgangsmaterial ist hier die größte Herausforderung.

Grundlage des wissenschaftlichen Diskurses verschiedener Fachdisziplinen zu diesen Problemfeldern sind häufig veraltete Fotos, wenige detaillierte Beschreibungen und z.T. ungenaue Rekonstruktionszeichnungen. Jüngere Publikationen bieten zwar einen Überblick, liefern aber keine verifizierbar neuen Informationen. Aufgrund der Fragilität, Wertigkeit und Exklusivität der Gefäße ist die Zugänglichkeit, insbesondere für eine detaillierte technische Autopsie, zudem stark eingeschränkt.

Dem Bedarf interdisziplinärer Forschung mit einer breiten Methodenpalette für eine prominente Objektgattung stehen also ein dokumentarisches Defizit und eine stark eingeschränkte Zugänglichkeit zum Material gegenüber. Eine Digitalisierung kann dieses Defizit einerseits beheben, andererseits bedarf es einer voran- gehenden, gründlichen Konzeptionierung, die zwei besonderen Herausforderungen gerecht werden muss:


1. Die relevanten Objektmerkmale, insbesondere Spuren der Herstellungstechnik, sind nur in einer Kombination verschiedener Methoden zu dokumentieren. Das Digitalisat kann daher nur eine konsistent aufeinander bezogene Gruppe von digitalen Datensätzen (3D-Modell, 3D-Oberflächendetails, Fotografien) sein, die mit jeweils spezifischen Metadatenschemata beschrieben werden. Eine entsprechende Spezifikation steht derzeit nicht zur Verfügung.


2. Das Digitalisierungskonzept ist eine Voraussetzung für die Klärung rechtlicher Fragen mit den Eigentümern und Besitzern. Den kommerziellen Interessen insbesondere in Bezug auf Abbildungsrechte der besser erhaltenen Diatrete trägt die avisierte, mehrschichtige Struktur der Digitalisate Rechnung. Sie erlaubt eine nutzungsrechtliche Diversifizierung der Objektinformationen. Forschungsrelevante 3D-Oberfächendetails, Fotografien und beschreibende Erschließungsinformationen können auf diese Weise nutzungsrechtlich unterschiedlich restriktiv gehandhabt werden, womit wissenschaftlich maßgebliche Informationen Open Access zur Verfügung stehen können, ohne die kommerziellen Interessen zu stark zu beschneiden.

Ziel dieses Vorhabens ist also ein Konzept für die digitale Verfügbarmachung einer räumlich weit verstreuten Objektgruppe von herausragender technologie- und kulturgeschichtlicher Bedeutung, das die Erfassung und digitale Zusammenführung sowie die Aufbereitung der verfügbaren Informationen, v.a. im Hinblick auf die herstellungstechnische Interpretation in nutzungsrechtlich angemessener und technisch standardisierter Weise ermöglicht.

Dieses Konzept wird in enger Kooperation mit dem Institut für Raumbezogene Informations- und Messtechnik (i3mainz) der Hochschule Mainz erarbeiten.