Bandkeramische Erdwerke in Hessen; Foto: RGZM.

Grabenprofil des bandkeramischen Erdwerkes von Hüttenberg-Hörnsheim; Foto: hessenARCHÄOLOGIE 2006.

 

Linienbandkeramische Erdwerke in Hessen

Dissertationsvorhaben Christian Lohr M.A.

Mit der Linienbandkeramischen Kultur (LBK) begann in Mitteleuropa vor 7600 Jahren Bodenbau und Viehzucht, Dörfer und größere Siedlungen entstehen. Im Verlaufe mehrerer Jahrhunderte nimmt die Bevölkerung zu, einige Landschaften besonderes in den fruchtbaren Lößregionen, werden dicht besiedelt.

Gegen Ende der LBK scheinen Konflikte deutlich zugenommen zu haben, das zeigen die Funde von Massengräbern, bspw. in Schöneck-Kilianstädten (Main-Kinzig-Kreis), Talheim (Lkr. Heilbronn) und Asparn/Schletz (Bezirk Mistelbach, Ö). Hier ist massive Gewalt gegen Männer, Frauen und Kinder belegt. Gründe für die Entwicklung sozialer Spannungen lagen in der voranschreitenden Differenzierung sozialer Gruppen und Familienverbänden, die sich primär durch die Herausbildung räumlich begrenzter, keramischer Verzierungsstile zeigen. Ansteigendes Bevölkerungswachstum, klimatische Schwankungen und die Entwicklung neuer Kulturausprägungen erhöhten zusätzlich den sozialen Druck. Vor diesem Hintergrund werden mehrere Hektar umfassende Graben-(Wall-Palisaden)-Anlagen (Erdwerke) in erster Linie als Schutzbauten interpretiert. In Hessen konnten durch verschiedene Baumaßnahmen zwischen 2005 und 2010 zahlreiche Neuentdeckungen registriert und die Anzahl der bekannten Anlagen dadurch verdoppelt werden.

Um einen Graben, einen Wall und zumindest abschnittsweise eine Palisade mit insgesamt mehreren hundert Metern Länge zu errichten, war ein enormer Aufwand von Baumaterial, Werkzeugen, Nahrungsmittel und nicht zuletzt Muskeleinsatz notwendig, der in vielen Fällen die Möglichkeiten der unmittelbar ansässigen Bevölkerung überstiegen haben dürfte. Daher ist eine Errichtung im Rahmen einer oder mehrerer Zusammenkünfte (bspw. eines Festes) eine akzeptierte Hypothese. Die Struktur der Anlagen ist sehr individuell, sowohl die Ausrichtung und Anzahl der Erdbrücken, als auch die Segmentlänge von Gräben und Palisaden zeigen keine allgemeingültige Standardisierung. Neben einfachen, ovalen Grundrissen sind auch Anlagen mit komplexerem Aufbau und mehreren Erweiterungsphasen bekannt. Gräben die bestehende Siedlungen umfassen oder solche, die keinerlei Innenbebauung aufweisen sind gleichermaßen belegt. Zwar wurden Erdwerke schon seit der frühen Bandkeramik errichtet, die hauptsächliche Bauphase liegt jedoch in der jüngeren Periode.

Die im heutigen Hessen liegenden Befunde werden nun im Dissertationsvorhaben geschlossen aufgearbeitet. Das Augenmerk liegt hierbei auf dem strukturellen Aufbau sowie auf der zeitlichen und räumlichen Einordnung. Ziel ist es, die Bedeutung der Erdwerke und ihre Verwendung als Indikatoren einer sozialen Umbruchphase und dem Kollaps der Bandkeramischen Kultur zu untersuchen. Zwar stellt die Deutung als Schutzbau einen wissenschaftlicher Konsens dar, jedoch scheint die archäologisch fassbare Grabenstruktur häufig nicht dem Anspruch einer Verteidigungsanlage gerecht zu werden.


Kooperationspartner

Publikationen

  • M. Jenke, Erdwerke der späten Bandkeramik in Hessen. In: Wolfram, Sabine / Stäuble, Harald (Leit.), Siedlungsstrukturen und Kulturwandel in der Bandkeramik. Beiträge der internationalen Tagung "Neue Fragen zur Bandkeramik oder alles beim Alten?!" Leipzig, 23 bis 24. September 2010. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege Beiheft 25. Landesamt für Archäologie (Dresden 2012) 316-319.
  • Ch. Lohr, Archäologische und anthropologische Untersuchungen zum spätbandkeramischen Massengrab von Schöneck-Kilianstädten (Main-Kinzig-Kreis, Hessen) (unpubl. Magisterarbeit 2013).
  • Ch. Meyer/Ch. Lohr/K.W. Alt/D. Gronenborn, The massacre mass grave of Schöneck-Kilianstädten reveals new insights into collective violence in Early Neolithic Central Europe. PNAS 112, 36, 2015, 11217–11222.