Byzantinische Orgel (Foto: S. Rühling / RGZM).

 

Musizierpraxis zwischen profanem und sakralem Gebrauch im westlichen Europa und Byzanz

Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit akustischen Ereignissen, Musik und Musikinstrumenten der Vergangenheit, besonders in Spätantike und Frühmittelalter.

Hörereignisse dienen in Vergangenheit und Gegenwart der Kommunikation, der Ritualisierung, der Präsentation, aber auch der Identitätsstiftung. Die mittelalterliche Herrschaftsrepräsentation fußte nicht unwesentlich auf einer akustischen Komponente. In Byzanz wurden beispielsweise Orgeln im Hippodrom oder in der Akklamation und dem Hofzeremoniell eingesetzt. Diese Tradition wurde teilweise ins karolingische Reich exportiert und bildete die Basis für eine neue, eigene Orgeltradition, deren Basis sich wiederum später in Liturgie und Kirche verlagerte. Die Orgel steht hier stellvertretend für ein musikalisches Medium des Kontaktes. Bereits in der Antike gab es Orgeln, wovon zahlreiche Quellen zeugen. Nachbauten antiker und mittelalterlicher Orgeln, die sich im Besitz des RGZM befinden, ermöglichen uns, einige wesentliche Fragen zur Musizierpraxis der Vergangenheit zu verfolgen. In einem ersten Schritt ist, anknüpfend an frühere Untersuchungen, die musikalische Traktatliteratur des 9. bis 11. Jahrhunderts n. Chr. auf Hinweise zur Rolle des von Byzanz angestoßenen Orgeleinsatzes für den liturgischen Gesang und die frühe Mehrstimmigkeit auf erweiterter Quellenbasis  neu zu befragen, woran sich grundlegende Fragen nach dem Transfer von Wissen in Form einer musikkulturellen Praxis sowie weitergehend nach dem Verhältnis von geistlicher und weltlicher Musik in Byzanz wie im lateinischen Westen anschließen.

Das Projekt beinhaltet zudem eine praxisorientierte interdisziplinäre Komponente, nämlich die konkrete musikalische Umsetzung von Notaten, Gesangspraktiken, wie sie in den Traktaten beschrieben sind und, die Durchführung archäoakustischer Versuche zum Zusammenspiel der Orgelnachbauten und Sänger(innen) bzw. Chören. Diese Auswertung dient einer tentativen Annäherung an auditive Codes und Lautsphären der Vergangenheit. Hieraus wiederum sind Rückschlüsse auf die kulturhistorische Bedeutung akustischer Signale und vor allem musikalischer Rituale auf geistlicher wie weltlicher Ebene des Mittelalters möglich. Das Unionskonzil von Basel/Ferrara/Florenz von 1431-45 und seine Auswirkungen und Fortwirken auf die Musik, Musiker und Komponisten in West und Ost bildet hier gewissermaßen einen historischen Abschluss und bildet eine Brücke zum späteren Phänomen der Rezeption mittelalterlicher Musik aus Ost und West in späterer Zeit. Hier stehen zahlreiche theoretische wie musikalische Interpretationen zur Diskussion.

Tonaufnahmen in wissenschaftlich kommentierten Publikationen sollen erstellt werden sowie konzertante Vorführungen erfolgen, um die Ergebnisse auf museumspädagogischer Ebene einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Es erfolgt eine entsprechende Evaluierung, um den Wissenstransfer  ‑ Schall, Klang, Vergangenheit, Karolinger, Byzanz, Orgel − in seiner Wahrnehmung und Festigung zu überprüfen. Eine entsprechende Archivierung der Aufnahmen ermöglicht weiterhin einen fortwährenden Gebrauch historisch-informierter Klänge im musealen Kontext, den Gebrauch als Unterrichtsmaterial und die Überlassung an Medien und Presse.

Ebenfalls Geplant ist ein Rahmenprogramm zwecks Vermittlung von Forschungsarbeit u.a. an Studenten(innen) und Museumsbesucher(innen). Eine Lehrveranstaltung an der Abteilung  Musikwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz mit dem Titel „Organum – Organa: Musiktheorie, Gesang und instrumentale Praxis im Mittelalter“ wurde bereits im Wintersemester 2014/15 erfolgreich durchgeführt. Weitere Vorlesungen/Übungen sollen ab dem Sommersemester 2016 unter der Mitarbeit von Studenten(innen) folgen, um Themen aus der Byzanzforschung und der Musikarchäologie vorzustellen und weitere Ergebnisse zu erzielen. Desweiteren ist eine summer school für Studenten(innen) und Forscher(innen) von anderen Universitäten und Instituten geplant. Dies geschieht u.a. in Kooperation mit dem laufenden Programm der Abteilung  Musikwissenschaft in Bezug auf den Austausch mit anderen Universitäten mit Anbindung an das Erasmus-Austauschprogramm.

In diesem Zusammenhang sind im Sinne der Vermittlung von Forschungsarbeiten an die Öffentlichkeit auch museumspädagogische Veranstaltungen geplant, um die Erkenntnisse aus dem Projekt an Museumsbesucher zu vermitteln.

Es handelt sich um ein Projekt des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz in Kooperation mit der Abteilung Musikwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Prof. Dr. Klaus Pietschmann).

Förderung

Leibniz-WissenschaftsCampus Mainz


Publikationen

  • S. Rühling, Hörbare Vergangenheit: Nachbauten antiker und mittelalterlicher Orgeln – Ein Beitrag zur Musikarchäologie. Organ-Journal für die Orgel 1/2013, 2013, 30–36.
  • S. Rühling, Ein offenes Ohr für die Vergangenheit: Rekonstruktion und experimentelles Spiel antiker und byzantinischer Orgeln. Archäologie in Deutschland 01/2015, Sonderheft 07/2015, 2015, 91–98.
  • S. Rühling, Audible Splendor – The Organ: Development and Effects in Classical Antiquity and the Middle Ages. In: S. Zielinski/P. Weibel (Hrsg.), Allah’s Automata: Artifacts of the Arab-Islamic Renaissance (800–1200), Part of the exhibition Exo-Evolution October 31, 2015–February 28, 2014 1(Ostfildern 2015) 100–105.
  • S. Rühling, Mächtige Klänge im Museum – Nachbauten historischer Orgeln im Versuch. Die Tonkunst, 2015, (im Druck).