Einer der römisch-frühbyzantinischen Steinbrüche im Großraum Ezine (Foto B. Böhlendorf-Arslan).

Spätbyzantinisches Gebäude bei Güllüce, nördlich der Kreisstadt Ezine (Foto B. Böhlendorf-Arslan).

An der Oberfläche sich abzeichnende Reste (Dachziegel und Keramik) einer byzantinischen Siedlung (Foto B. Böhlendorf-Arslan).

Kızkalesi, die größte byzantinische Burg in der südlichen Troas (Foto B. Böhlendorf-Arslan).

Aus antiken und byzantinischen Spolien erbautes Tor eines osmanischen Friedhofs (Foto B. Böhlendorf-Arslan).

Nische mit Kreuzrelief (Foto B. Böhlendorf-Arslan).

Mittelbyzantinischer Pfosten (Foto B. Böhlendorf-Arslan).

Im Polyeuktosstil gefertigtes frühbyzantinisches Kapitell (Foto B. Böhlendorf-Arslan).

 

Spätantikes und byzantinisches Leben im Naturraum südliche Troas

Archäologische Feldbegehungen in den Landkreisen Ezine, Ayvacık und Bayramiç (Provinz Çanakkale / Türkei)

Wo und wie lebten die Menschen des 3. bis 15. Jahrhunderts n. Chr. in der Provinz? Bei diesem mit offizieller Genehmigung des türkischen Kultusministeriums durchgeführten Surveyprojekt werden die Hinterlassenschaften dieser Zeit in den Landkreisen Ezine, Bayramiç und Ayvacık (Regierungsbezirk Çanakkale / Türkei) untersucht. Hierzu werden alle auffindbaren städtischen und dörflichen Siedlungsstrukturen (Abb. 2-3), dazu Straßen, Wege, Brücken und Häfen sowie wirtschaftliche Ressourcen (Steinbrüche und –bearbeitung, Hinweise auf Erz- oder Minaralabbau bzw. wirtschaftliche Grundlagen) durch Oberflächenbegehungen registriert und dokumentiert. Da das Untersuchungsgebiet mit 2832 km2 sehr groß ist und eine dichte Vegetation die Bodensichtbarkeit häufig stark erschwert, wurde eine Kombination zwischen extensiver und intensiver Begehung gewählt, die – nach den bisher erfolgten Ergebnissen zu urteilen – den größtmöglichen Erfolg verspricht. Interessanterweise umfasst das Gebiet die verschiedensten naturräumlichen Areale (Steil- und Flachküste, karges Hinterland bis hin zu Karstlandschaften, fruchtbare Ebenen, Flussläufe, Bergregionen), in denen ein differenziertes Siedlungsmuster erwartet werden kann.

Nach den bisherigen Forschunglage soll der Landstrich ab der Spätantike seine Bedeutung verlieren. In den bekannten Karten zu überregionalen Verkehrsverbindungen liegt die Troas daher außerhalb der wichtigen Routen, die Verkehrsstraßen zu Land „schneiden“ die Troas mit der Verbindung Adramytteion - Kyzikos von den großen Handelsmetropolen ab. Selbst der wichtige Seeweg nach Konstantinopel soll nach landläufiger Meinung die Troas nicht berühren, da die Rekonstruktionskarten die Schiffe die Inseln Lesbos im Süden und Tenedos westlich im Westen umfahren lassen, wodurch nicht einmal die Paulosstadt Alexandreia Troas einbezogen wird.

Die bisher erzielten Ergebnisse des Oberflächensurveys zeichnen ein vollkommen anderes Bild, das die Troas nun als engmaschig bebaut zeigt. Die Besiedlungsdichte übertraf offensichtlich selbst die heutige Zeit, da im Allgemeinen um ein modernes türkisches Dorf rund drei bis fünf byzantinische Niederlassungen gruppiert sind. So wurden seit Beginn des Surveys im Jahre 2006 in sechs Kampagnen 193 Siedlungen und 46 Spolienplätze neu entdeckt und aufgenommen, hinzu kommen noch andere Fundplätze wie Steinbrüche (Abb. 1), Erzlagerstätten, Mühlen und Straßen. Zudem liegen im Untersuchungsgebiet fünf Bischofsitze, darunter auch Assos, das nun durch ein DFG-Projekt erforscht wird, und einige befestigte Städte und Burgen, darunter auch das Schatzhaus der Laskariden, Astryzion (Abb. 4).

Die byzantinischen Ansiedlungen waren offensichtlich recht gut ausgestattet; die in oder bei den Fundstellen aufgefundene Bauplastik hatte häufig eine hauptstädtische Qualität (Abb. 7-8). Nicht selten besaßen sogar kleine, abgelegene Dörfer Kontakte zu Konstantinopel, Griechenland oder sogar zu noch entfernteren Regionen, die anhand der Oberflächenfunde nachgewiesen werden können. Häufig können auch die wirtschaftlichen Grundlagen der Siedlungen erfasst werden, wie Hafenanlagen, Salz- oder Alaunabbaufelder, Steinbrüche oder Hinweise auf Erzabbau und –verarbeitung sowie die Straßen, die die einzelnen Siedlungen miteinander verbanden.

Ziel des Surveys ist die flächendeckende Erfassung aller Hinterlassenschaften der Spätantike und byzantinischen Zeit, um so ein möglichst lückenloses Bild des Lebens in der Provinz außerhalb der bisher bekannten Quellen zu schaffen.

Förderung

Gerda Henkel Stiftung (2006-2012), DAI (2008), WissenschaftsCampus Mainz (ab 2013)


Publikationen

  • Jährliche Berichte in den „Araştırmaları Sonuçları Toplantısı“ ab 26. AST 2009: (http://www.kulturvarliklari.gov.tr/TR,44761/arastirma-sonuclari-toplantilari.html)
  • B. Böhlendorf-Arslan, Byzantinisches Leben im Naturraum Troas: Ballungsraum vs. Einöde, in: F. Pirson (Hrsg.), Manifestationen von Macht und Hierarchien in Stadtraum und Landschaft. Byzas 13 (Istanbul 2012) S. 277-289.
  • B. Böhlendorf-Arslan, Surveying the Troad: Byzantine Settlements and its Pottery, in: J. Vroom (Hrsg.), Fact and Fiction in Medieval and Post-Medieval Ceramics in the Eastern Mediterranean. First Amsterdam Meeting on Byzantine and Ottoman Archaeology (Amsterdam, 2015in Druck)
  • B. Böhlendorf-Arslan, Byzantinisches Leben im Naturraum Troas: Ballungsraum vs. Einöde, in: F. Pirson (Hrsg.), Manifestationen von Macht und Hierarchien in Stadtraum und Landschaft. Byzas 13 (Istanbul 2012) 277-289.
  • B. Böhlendorf-Arslan, Leben in der Provinz. Ländliche Siedlungen im spätantiken und byzantinischen Troas, in: F. Daim – J. Drauschke (Hrsg.), Hinter den Mauern und auf dem offenen Land. Neue Forschungen zum Leben im byzantinischen Reich (Mainz 2015 im Druck).