Mädchengrab 243 aus dem awarischen Gräberfeld an der Wiener Csokorgasse, ausgestellt im Bezirksmuseum Simmering. Am rechten Oberarm des mit einem Kopfputz und einer Perlenkette geschmückten Mädchens liegt ein Femur vom Schwein, das mächtiger wirkt als der zierliche Oberarmknochen des Kindes (Foto: H. Kroll).

 

Tierknochenfunde aus dem awarischen Gräberfeld an der Wiener Csokorgasse (11. Bezirk)

Das awarische Gräberfeld, das im Auftrag des Historischen Museums Wien (heute Wien Museum) 1976 und 1977 an der Csokorgasse in Wien-Simmering ausgegraben wurde, umfasst über 700 Gräber, von denen ein Großteil Beigaben tierischen Ursprungs enthielt.

Im Rahmen des Dissertationsprojektes, das im Herbst 2013 abgeschlossen wurde, wurden die mehr als 10.000 geborgenen Tierknochenfunde untersucht, die aus der ausgehenden Frühawarenzeit, der Mittel- und Spätawarenzeit stammen, d.h. dem 7. und 8. Jahrhundert. Ziel der Arbeit war es, neue Erkenntnisse zu awarischen Bestattungssitten zu gewinnen und diese in Zusammenhang zur Kultur, Gesellschaft und Geschichte der Awaren zu setzen.

Die häufigste Beigabe waren Hühner oder Hühnerteile, die in ca. 45 % der Gräber auftraten. Ähnlich häufig wurden Keulen (nur selten andere Partien) von Schaf oder Ziege beigegeben, ferner traten Keulen von Rindern und Schweinen, Gänse, Wildvögel und Fische auf. Vier spätawarenzeitliche Reitergräber mit Pferd und Hund markieren das Ende der Belegungszeit.

Im ersten Teil der Arbeit und in mehreren Anhängen erfolgte eine Vorlage der Tierknochenfunde. Diese wurde möglichst transparent und deskriptiv gehalten, um das Material für spätere Untersuchungen nutzbar zu machen ohne es zwingend erneut konsultieren zu müssen. Insbesondere bei den Tausenden Hühnerknochen wurde viel Wert auf eine sichere Geschlechtsbestimmung, sowie transparente Angaben zum Ossifikationsgrad und zu den repräsentierten Skelettelementen (wie auch den in diesem Material sehr zahlreichen Pathologien) gelegt, so dass erstmals eine detaillierte Analyse erfolgen konnte, wie sich Hähne und Hennen, alte und junge Tiere, sowie auf bestimmte Art und Weise zugerichtete Tiere (Kopf oder Füße abgetrennt usw.) auf die Gräber verteilen.

Diese Analyse – nicht nur für die Hühner, sondern für alle Tiere und Tierteile – erfolgte im zweiten Teil der Arbeit. Es wurde untersucht, wie sich die Funde auf die Gräber von Männern höheren Status (erkennbar an einer vielteiligen Gürtelgarnitur), Männer niedrigeren Status, sowie Frauen und Kindern verschiedener Altersstufen verteilen. Klare Abweichungen von einer Gleichverteilung der Beigaben auf diese Gruppen wurden als Hinweis dafür gewertet, dass bestimmte Beigaben als besonders geeignet für diese Gruppe angesehen wurden. In den meisten Fällen wurde keine gruppenspezifische Beigabenpraxis (das hieße, dass eine Beigabe ausschließlich einer bestimmten Gruppe beigegeben wurde), sondern eine gruppentypische Beigabenpraxis nachgewiesen (das heißt, einer Gruppe wurde diese Beigabe hauptsächlich beigegeben). Diese Erkenntnisse bieten Hinweise auf Bedeutungen der Tiere und Tierteile jenseits einer nicht näher differenzierten simplen „Speisebeigabe“ und wurden entsprechend vor dem Hintergrund bisheriger Erkenntnisse zur Kultur und Gesellschaft der Awaren diskutiert. Sowohl im ersten, wie auch im zweiten Teil wurde geprüft, ob sich auch diachrone Entwicklungen in der Beigabenpraxis greifen lassen  – und es gibt tatsächlich Änderungen im Standardisierungsgrad und in der Beigabenausstattung.

In einem dritten Teil wurden die Erkenntnisse in einen überregionalen Vergleich eingebracht. Hier zeigte sich, dass die Auswahl der Beigaben und der Grad ihrer Standardisierung regionale Unterschiede zeigen, die auf unterschiedliche geschichtliche und gesellschaftliche Entwicklungen in den jeweiligen Regionen zurückzuführen sind, und die einen starken Einfluss autochthoner Bevölkerungsgruppen in der regionalen Ausgestaltung der allegemein angewandten Bestattungssitte vermuten lassen.

Mit dem genutzten Instrumentarium ließen sich so Erkenntnisse jenseits der häufig genannten relativ klar auf der Hand liegenden Rolle von Tieren und tierischen Produkten im Bestattungsritus der Awaren gewinnen. Darüber hinaus erlauben erkennbare Standardisierungen und erschließbare Bedeutungsgehalte von Beigaben, da sie untrennbar und tief mit Traditionen, dem kulturellen Selbstverständnis, dem gesellschaftlichen System, sowie dem politischen Umfeld der damaligen Zeit verzahnt sind, Aufschluss über potentielle Motive und Wurzeln der Beigabensitte, gesellschaftliche Dynamiken und Mentalitäten.


Kooperationspartner

Publikationen

  • Henriette Kroll, Ihrer Hühner waren drei und ein stolzer Hahn dabei – Überlegungen zur Beigabe von Hühnern im awarischen Gräberfeld an der Wiener Csokorgasse. Festschrift für Helmut Kroll. Offa 69/70, 2012/13, 201-216.
  • Henriette Kroll, Die Tierknochenfunde aus dem awarischen Gräberfeld an der Wiener Csokorgasse (11. Bezirk). Eine archäozoologische Studie zu den awarischen Bestattungssitten. Monographien des Römisch-Germanischen Zentramuseums (Mainz, in Vorb.).

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