Fragmente des mehrfarbigen Diatretglases aus Yambol (Historisches Museum Yambol), aktuell zur Restaurierung und Untersuchung am RGZM; Foto: A. Cholakova.

Diatretglas von Taraneš (Mazedonien) nach der erneuten Restaurierung; Foto: RGZM / V. Iserhardt.

Diatretglas von Taraneš (Mazedonien) vor der erneuten Restaurierung; Foto: RGZM / V. Iserhardt.

Unterschiede im Design des Glases nach der korrekten Rekonstruktion (li.).

 

Untersuchung zur Herstellungstechnik spätrömischer Diatretgläser

Diatretgläser gehören zu den herstellungstechnisch besonders aufwändigen und qualitätsvollen Zeugnissen römischen Handwerks. Neben einigen wenigen frühen Exemplaren aus Nimwegen (Niederlande), Tongeren (Belgien) und Begram (Afghanistan), welche in das 1. Jh. n. Chr. datiert werden, existieren über 80 spätrömische Gläser, die überwiegend in das 3./4. Jh. einzuordnen sind. Hiervon ist knapp ein Drittel nahezu vollständig, der Rest hingegen nur zum Teil und/oder in einzelnen bzw. wenigen Fragmenten erhalten.

Im Bereich der Erforschung antiker Herstellungstechniken wurde in den Werkstätten des RGZM in den letzten Jahren ein Forschungsvorhaben initiiert, dessen Schwerpunkt auf der Untersuchung spätrömischer Diatrete liegt. Eine der zentralen Fragestellungen des Projektes ist die bis heute kontrovers diskutierte Fertigungstechnik dieser Materialgruppe.

Bisher wurden Fragmente der eigenen Sammlung aus Trier (Trier Saarstraße, Nikolausstraße, Kaisertherme und Konz), Czéke Ceijkov (heute im Kunsthistorischen Museum Wien) sowie Dülük Baba Tepesi/Doliche, Türkei (Scherben dreier verschiedener, dichromatischer Gefäße) untersucht. Ende 2012 wurde eine Kooperation zur Restaurierung/Konservierung und herstellungstechnischen Untersuchung des Diatretglases aus dem Kriegergrab in Taraneš, Mazedonien, vereinbart und erfolgreich durchgeführt. Von künftigem Interesse sind besonders die fragmentarisch erhaltenen Exemplare des Mittelmeerraumes und der Balkanländer denen bisher häufig nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Eine systematische und damit auch vergleichbare Untersuchung aller bisher bekannten Gläser wird die aktuellen Forschungen maßgeblich befördern und bildet derzeit noch ein Desiderat römischer Glastechnologie. Im Rahmen der in den letzten Jahren geleisteten Arbeiten wurde als Grundlage dafür ein umfangreicher Kriterienkatalog erstellt. 

Intensive Literaturrecherchen führte zu der Idee eine Open-Access-Datenbank aufzubauen. Diese gewährleistet nicht nur allen Interessierten einen leichteren Zugriff auf Forschungsdaten aus über 150 Jahren, sondern kann kontinuierlich mit neugewonnenen Daten erweitert werden. Praktische Anwender-Tools sollen eine bessere Analysierbarkeit der verfügbaren Daten gewährleisten.

Anhand standardisierter Untersuchungen soll nun tiefergehend auf unterschiedliche Aspekte der Diatretgläser eingegangen werden. So können präzise, spezifische Objektgruppen gebildet werden, die wiederum Aufschluss über zentrale Fragen der Herstellung geben können (Gab es mehr als eine Technik der Herstellung? Welche Entwicklung hat zwischen dem ersten und dem vierten Jahrhundert stattgefunden? Müssen einzelne Gläser zeitlich differenzierter eingeordnet werden als bisher angenommen? etc.).

Ein weiteres Ziel ist es, nicht nur anhand der Fundorte, sondern darüber hinaus insbesondere für die Herstellung der Gläser eine räumliche Zuordnung vorzunehmen. Diese könnte bei der Beantwortung der Frage helfen, ob beispielsweise hochspezialisierte Glasmacher an festen Orten produzierten oder ob es sich um reisende Spezialisten handelte, die vor Ort ihre Kunst ausübten.

 In der naturwissenschaftlichen Untersuchung der Materialzusammensetzung liegt ein weiterer Aspekt des Forschungsvorhabens. Man erhofft sich von den Ergebnissen eine konkretere Zuordnung zu spezifischen Rohglasherstellungsstätten der Antike, die wiederum nur die wenigen hochspezialisierten Glasmacher oder –veredler belieferten.

Die dazu erforderlichen naturwissenschaftlichen Untersuchungen (z. B. RFA - oder ICP-MS Analysen) der Spurenelemente in der Glasmatrix können in Mainz durchgeführt werden.

 Zweifellos können Diatrete als „luxuriöse Hightech-Produkte“ beschrieben werden. Grade im Gegensatz und im Vergleich zu römischen Alltags- und Gebrauchsgläsern können sie daher einen kleinen, gleichwohl wertvollen Beitrag zu unserem Wissen über römische Glastechnologie und Technologietransfer, sowie zu Verteilungsstrukturen und anderen Marktmechanismen beitragen.