Widerstandsmessung eines Schlepptankmodells des rekonstruierten Mannschaftsbootes Nydam B in der Schiffstechnischen Versuchsanstalt Potsdam. (Foto: mit freundlicher Genehmigung der Schiffstechnischen Versuchsanstalt Potsdam)

Das Mainzer Schlepptankmodell des rekonstruierten Mannschaftsbootes Nydam B in der Werfthalle der Selskabet for Nydamforskning, wo eine experimentelle Replik des Bootes in natürlicher Größe entstand. (Foto: RGZM / R. Bockius)

 

Zur kultur- und technikgeschichtlichen Stellung der Schiffsfunde aus dem Nydam-Moor

Im Rahmen des deutsch-dänischen Nydam-Projekts, das vom Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie in der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen, Schloss Gottorf, Schleswig koordiniert wird, war der Forschungsbereich Antike Schiffahrt seit 2011 mit verschiedenen wissenschaftlichen Fragestellungen befasst:

Ein Beitrag war der kultur- und technikgeschichtlichen Stellung der Schiffsfunde aus dem Nydam-Moor gewidmet. Unter Einbindung sämtlicher zwischen 1863 und 1999 am Opferplatz gehobener Bootsreste sowie des gesamten nordeuropäischen Fundstoffes vor- und frühgeschichtlicher Wasserfahrzeuge wurden schiffstypologische und bootsbauliche Merkmale im überregionalen Kontext verglichen. Dabei zeichneten sich eine Reihe technischer und konstruktiver Gemeinsamkeiten mit den zeitgenössischen Standards mediterranen, insbesondere provinzialrömischen Schiffbaus ab. Innovation und Nachahmung werden bei unterschiedlicher Durchdringung nordeuropäischer Verfahrensmuster einerseits am dort seit dem 2. Jh. nachweisbaren Klinkerfahrzeug deutlich, anderseits, seit augusteischer Zeit, auch am Stammboot. Mit den Spuren eines Techniktransfers gehen das Phänomen der im westlichen Ostseeraum zur älteren römischen Kaiserzeit neu auflebenden Bootsgrabsitte und die sich darin ausdrückende Wertschätzung  des Wasserfahrzeuges durch maritime Gesellschaften einher. Verbreitung und Datierung fremder Technikeinflüsse spiegeln Zusammenhänge mit Bezug und Distribution römischer Importgüter durch regionale Eliten mit dem Zentrum in Jütland und den benachbarten Inseln wider.

Neben der technikgeschichtlichen Bewertung nordeuropäischen Schiffbaus bis zum Beginn der Völkerwanderungszeit galt die Aufmerksamkeit dem in konstruktivem Verband erhaltenen Ruderfahrzeug Nydam B aus dem frühen 4. Jh., namentlich der ausstattungstechnischen Ergänzung, der schiffsgeometrischen Rekonstruktion sowie den nautischen Eigenschaften des mit 30 Ruderern besetzten Mannschaftsbootes. Unter Heranziehung aktueller archäologischer Daten und Ausarbeitung von Rekonstruktionsplänen dänischer Projektpartner (Køge-Museet; Vikingeskibsmuseet und ehemaliges Marinarkæologisk Forskningscenter Roskilde) wurden die Hydrostatik des Fahrzeuges berechnet und ein Schlepptankmodell im Maßstab 1:5 angefertigt, das in der Schiffbauversuchsanstalt Potsdam Widerstandsmessungen unterzogen wurde. Deren Resultate werden Auskunft geben über antriebsspezifische Eigenschaften des Bootes.