Museen – Orte des Authentischen?

internationale und interdisziplinäre Tagung des Leibniz-Forschungsverbunds „Historische Authentizität“

3. und 4. März 2016

Mainz, Erbacher Hof und Museum für Antike Schiffahrt des Römisch-Germanischen Zentralmuseums

Die Beschäftigung unserer Gesellschaft mit der Vergangenheit zielt in einer nie gekannten Intensität auf historische Authentizität. Dies zeigt sich an dem Wert, der „authentischen Objekten“ in Museen, Sammlungen und Archiven sowie „authentischen Orten“, seien es historische Bauten, städtische Ensembles oder Gedenkstätten, zugesprochen wird. Die Sehnsucht nach historischer Authentizität begegnet uns darüber hinaus in der Wertschätzung für „Tradition“, des „Zeitzeugen“ oder „authentischer Erfahrungen“. Sie wird begleitet von der Suche nach dem vermeintlich „Echten“, „Wahren“ und „Originalen“.

Museen, Sammlungen und Archive sammeln, pflegen, bewahren und erforschen die „authentischen“ Zeugnisse des kulturellen und natürlichen Erbes. Zugleich überführen sie diese Zeugnisse in neue Ordnungen und Kontexte und geben ihnen damit eine neue Bedeutung als Museums- oder Sammlungsartefakte. Gleichermaßen reflektieren und vermitteln sie aber auch das mit ihren Sammlungsobjekten verbundene Wissen im Spiegel der Fragen unserer heutigen Gesellschaft. Zudem informieren viele Museen die Öffentlichkeit über Zugänge, Fragestellungen und Methoden der an der Erforschung dieser Objekte beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen und bieten der Wissenschaft dadurch eine Plattform des Dialogs mit der Öffentlichkeit.

Ziel der fächerübergreifenden internationalen Tagung ist eine zusammenführende Bestandsaufnahme dessen, welche Bedeutung und Funktionen der „Authentizität“ im Museum sowie in vergleichbaren Einrichtungen wie Archiven und Sammlungen zukommen. Reflektiert werden soll auf interdisziplinärer Basis, wie „Authentizität“ durch Sammlung und Forschung, Konservierung und Restaurierung, aber auch durch Ausstellungskonzeption und Vermittlungsarbeit hergestellt wird.

Mit dieser Tagung möchte der Leibniz-Forschungsverbund „Historische Authentizität“ einen Beitrag leisten, Sammlungsstrategien, Konservierungs- und Restaurierungspraxis sowie Dialog- und Vermittlungsarbeit von Museen und anderen sammlungsgeleiteten Forschungseinrichtungen zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Dadurch sollen auch wesentliche Anregungen für die Museums- und Sammlungspraxis entstehen.

Zielgruppe

Die Tagung wendet sich gleichermaßen an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Fachbereiche wie an Personen der Praxis aus Museen, Sammlungen und Bildungseinrichtungen. Eingeladen sind Forschungsbeiträge und Praxisberichte aus den Bereichen der Publikums-, Nutzer-, Vermittlungs-, Restaurierungs- und Konservierungsforschung, Restaurierungsethik, Denkmalpflege, empirischen Bildungsforschung, Psychologie, Soziologie, Ästhetik, Wissenschaftstheorie, Geschichtswissenschaften, Museologie, Kommunikationswissenschaften, Public Archaeology, Public History u.a. Auch Beiträge zur Museumspädagogik, zur Ausstellungskonzeption und -didaktik sowie zur Szenografie sind ausdrücklich erwünscht, ebenso Beiträge zu neuen Wegen der Wissensvermittlung, der Partizipation und des Public Engagement with Science.

Themenlinien der Tagung

A) Historischer Wandel von Authentizitätsidealen aus kuratorialer Theorie und Praxis

Die wachsende Bedeutung naturwissenschaftlicher Untersuchungsmethoden bei der Objektbewertung, aber auch die neue Sensibilität für Provenienzen („Provenienzforschung“), bringen zunehmend „gewachsene Zustände“, unklare Provenienzen oder Altrestaurierungen ans Licht, mit denen man es sowohl bei alltagsgeschichtlichen Ausstellungsgegenständen, bei naturwissenschaftlichem Sammlungsgut als auch bei „Kunst“ oder archäologischen Objekten zu tun hat. Selten zeigt sich das Authentizitätsideal des Unveränderten erfüllt. Gemälde wurden retuschiert, Skulpturen ihrer Fassung beraubt, archäologische Objekte beim Restaurieren verändert oder ergänzt. Auch unser Verständnis von Arten in der Biologie unterliegt einem Erkenntnisprozess – die Authentizität der Arten und der wissenschaftlichen Aussage ihrer Beschreibung folgt dem Kenntnisstand der Forschung. Oft waren es die Sammlungen selbst, die als Orte der Neuordnung und Dislozierung historische Authentizität zerstörten, indem alte Zusammenhänge verändert und neue kreiert wurden – etwa wenn der ursprüngliche Gebrauchs- oder Fundzusammenhang in einen Ausstellungswert oder eine Ordnungs- bzw. Sammlungslogik überführt wurde. Zurückzuführen ist dies auf die differenzierten, aber zugleich starren Ordnungssysteme in Natur- und Geisteswissenschaften, die dem Sammlungsstück im Museum seinen „rechten Ort“ zuweisen wollten – unabhängig von der Vielfalt seiner Bedeutungsspektren. Dieser Umstand fordert dazu heraus, herkömmliche Vorstellungen von Authentizität und Originalität zu überdenken: Werden Zustandswandel, Objektbiografie und Provenienz neue Authentizitätswerte?

Tagungsbeiträge können sich auf folgende Fragen beziehen:

  • Kann und sollte angesichts mehr und mehr beobachteter „Prozessualität des Gewordenen“ in Museen, Sammlungen und Archiven überhaupt noch mit dem Qualitätsbegriff des Authentischen gearbeitet werden?
  • Welche Widersprüche oder auch Synergien lassen sich aus der Konkurrenz beider Konzeptionen – der Aura des Unveränderten und dem „Ruinenwert“ einer oft ereignisreichen Objektbiografie – für historische Objektanalyse und öffentliche Präsentation ermitteln?
  • Bedarf es bereits „hinter den Kulissen“ des forschenden Museums neuer Klassifikationssysteme, die anstelle der traditionellen Authentizitätssicherungen via Orts-, Zeit- und Individualsicherung (Was? Wer? Wann? Wo?) den späteren Werdegang der Objekte in den Fokus des Forschungsinteresses rücken?
  • Welche Wechselwirkungen zwischen fachwissenschaftlichen, d.h. typisch disziplinären Klassifikationssystemen mit Authentifizierungshoheit, und der anschließenden musealen Instrumentalisierung bestehen in der museologischen Praxis? Welche Alternativen gäbe es?
  • Welche Auswirkungen haben Ordnungslogiken in Archiven und Sammlungen auf die Konstruktion, Bewahrung oder Zerstörung von historischer Authentizität?
  • Rührt das enorme, oft bewundernde Interesse an Fälschern und Fälschungen von einer generellen Skepsis der Gesellschaft gegenüber den etablierten Authentifizierungsstrategien in der Museumswelt her?
  • Welche Chancen böte ein kulturübergreifender/interkultureller Ansatz zum Verständnis von Original, Fälschung und Kopie, z.B. im europäisch-ostasiatischen Vergleich?
  • Wie hat sich die Bedeutung von Abbildern, Restituierungen und Rekonstruktionen im Museum verändert?

B) Ethik und Grundsätze des Restaurierens, Konservierens und Präparierens

Der Umgang mit Kunst-, Kultur- sowie Naturgut und damit auch die Ziele und Methoden von Restaurierung und Konservierung haben sich im Verlauf der Zeit stark verändert. Bestandteil dieses Prozesses ist eine ständige Auseinandersetzung mit den Vorgehensweisen und ethischen Grundsätzen der Arbeit an Originalen. Dementsprechend berührt die restauratorische oder präparatorische Erschließung von Objekten für die Forschung und Präsentation immer auch zeitgenössische Vorstellungen von Authentizität und Integrität. Das Spannungsverhältnis zwischen dem Anspruch nach Bewahrung des Objekts in möglichst unverändertem Zustand und dem Forschungsinteresse nach „Nutzung“ des Objekts als historische oder naturkundliche Quelle unter Erschließung des maximalen Informationsgewinns sowie der geeigneten besuchergerechten Präsentation im Museum spielen dabei eine wichtige Rolle. Das schließt sowohl Fragen nach der Geschichte eines Objekts als auch Fragen zur Bedeutung des Kontextes mit ein.

Tagungsbeiträge können sich auf folgende Fragen beziehen:

  • Gibt es bei Objekten, die bearbeitet, überarbeitet, umgearbeitet oder umgenutzt wurden, überhaupt einen „ursprünglichen“, „authentischen“ Zustand, der konserviert und sichtbar gemacht werden kann?
  • Wie geht man mit dem Bedeutungswandel von Objekten um?
  • Was gehört zur „Objektgesamtheit“, wie geht man mit zusammenhängenden Objektverbänden um und wo wurden schließlich warum welche Prioritäten gesetzt?
  • Inwieweit beeinflussen Maßnahmen zur Bestimmbarkeit der Arten die Authentizität naturkundlicher Sammlungsobjekte?
  • Welche gesellschaftlichen Kontexte und Werte müssen im Umgang mit Kultur- und Naturgut berücksichtigt werden?
  • Welche Auswirkungen haben konservatorische, restauratorische oder präparatorische Schritte auf die Aussagekraft des Objekts und auf dessen Glaubwürdigkeit bzw. die Beglaubigungsstrategien im Museum?
  • Welchen Einfluss haben neue Technologien und wissenschaftliche Erkenntnisse auf die Authentisierung von Objekten?

C) Zwischen Authentizität, Lernen und Erlebnis: das Museum als Ort der Wissens- und Wissenschaftsvermittlung

Die Themenlinie befasst sich mit Strategien und Methoden, wie heute im Museum Wissen vermittelt wird und welche Bedeutung dabei der Authentizität und Glaubwürdigkeit zukommt. Überdies soll es auch um die Herausforderung gehen, Wege der wissenschaftlichen Erkenntnis zu vermitteln und transparent zu machen, d.h. Fragestellungen, Prozesse und Methoden der Forschung zu erklären und ihre Grenzen aufzuzeigen und zu diskutieren (vgl. PUSH und PUR sowie Science & Humanities & Society). Ausgelotet werden soll dies in Bezug auf verschiedene Museumstypen – von natur- und technikgeschichtlichen bis hin zu kulturgeschichtlichen Museen – für die es gleichermaßen von besonderer Bedeutung ist, dem Besucher zu vermitteln, dass wissenschaftliche Erkenntnis von verschiedenen gesellschaftlichen Faktoren abhängig, zeitgebunden und oft nicht eindeutig ist.

Tagungsbeiträge können sich auf folgende Fragen beziehen:

  • Welche Rolle spielt das originale (kulturhistorische oder naturkundliche) Objekt für die Vermittlung von Wissen im Museum? Gibt es eine empirisch nachweisbare „Aura“ des Originals – oder ist sie allein Resultat musealer Inszenierungen und museologischer Reflexionen?
  • Wie gehen wir mit der Veränderlichkeit des Authentischen gegenüber dem Besucher um?
  • Wie werden unterschiedliche wissenschaftliche Theorien oder Erklärungsansätze dargestellt? Wie werden unterschiedliche Deutungsperspektiven von Objekten und Themen präsentiert, sodass einerseits die Geschichtlichkeit der Erkenntnisse sichtbar wird und andererseits die Tatsache, dass auch aktuelle Theorien und Erklärungsansätze widersprüchlich oder ungeklärt sein können? Wie weit kann die Dekonstruktion von Authentizitätsvorstellungen der Besucher betrieben werden?
  • Welche  Auswirkungen haben partizipative Ansätze auf das Museum als „Ort des Authentischen“?
  • Welche Bedeutung haben „Abbilder“ und Restituierungen von Objekten und Befunden – von der Gipskopie über die Rekonstruktion bis zum digitalen Abbild – in der Ausstellungskonzeption und musealen Vermittlung? Welche Rolle spielen Kontextualisierungen in diesem Zusammenhang – und wie beeinflussen sie unsere Wahrnehmung von kulturellen Hinterlassenschaften?
  • Wie wird Evidenz im Museum hergestellt, und wie kann „konfligierende Evidenz“ vermittelt werden? Mit welchen Methoden können wissenschaftliche Forschungsfragen und Herangehensweisen vermittelt werden, aber auch die Relativität von Forschungsergebnissen?
  • Welche Rolle spielen gesprochene Sprache, Geräusche und Musik als (authentische) Quellen?
  • Welche Chancen und Möglichkeiten bieten sich für personelle Vermittlungsmethoden und Veranstaltungen oder dem Einsatz von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als Vermittler?
  • Wie kann ein optimaler Dialog – auch im Sinne einer Rückkopplung zur Forschung – erreicht werden?
  • Wie beeinflussen unterschiedliche Medien die Wahrnehmung und Herstellung historischer Authentizität und welche Möglichkeiten bieten sie in der Vermittlungspraxis?
  • Wie gestaltet sich die Relation zwischen Wirkung, d.h. einem „Vermittlungserfolg“ und ökonomischem Aufwand?

Publikation und Vortragssprache

Auf Basis der Beiträge soll eine wissenschaftliche Publikation entstehen. Vortragssprachen sind Deutsch und Englisch.

Einreichung von Abstracts

Abstracts für etwa 20-minütige Beiträge zum Thema (nicht mehr als 500 Wörter) können zusammen mit einer Kurzvita bis zum 30.09.2015 eingereicht werden. Bitte senden Sie diese per E-Mail an tagungsbuero-authentizitaet(at)rgzm.de. Die Auswahl der Beiträge durch das Programmkomitee erfolgt bis zum 2. November. Die Kriterien bei der Bewertung orientieren sich – neben dem Bezug zum Tagungsthema – an theoretischer Fundierung, Relevanz der Fragestellung, Angemessenheit der Methode/Vorgehensweise und Neuigkeitswert/Originalität.

Posterpräsentation

Unabhängig von einem Tagungsbeitrag können im Rahmen der Abendveranstaltung am 3. März im Museum für Antike Schiffahrt auf dem „Marktplatz der Projekte“ Poster präsentiert werden. Bitte bewerben Sie sich hierfür bis zum 30.09.2015 mit einem kurzen Abstract (500 Wörter max.) und einer Kurzvita unter tagungsbuero-authentizitaet(at)rgzm.de. Willkommen sind explizit nicht nur wissenschaftliche Projekte, sondern auch Praxisprojekte im Umfeld des Tagungsthemas. Die Poster sollten im DIN A0-Hochformat angelegt werden. Die Auswahl erfolgt bis zum 2. November 2015 durch das Programmkomitee.