Ihre Fragen zur archäologischen Arbeit

Im Rahmen unserer Besucherbefragung zur Sonderausstellung »Großbaustelle 793. Das Kanalprojekt Karls des Großen zwischen Rhein und Donau« im Museum für Antike Schiffahrt haben wir Sie Folgendes gefragt: »Wenn Sie einem Archäologen eine Frage stellen könnten – ganz gleich welche –, welche Frage wäre das?«

Dr. des. Lukas Werther (Friedrich-Schiller-Universität Jena) und das Karlsgraben-Team – Forscherinnen und Forscher der Universität Leipzig, des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege sowie des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena – haben für Sie geantwortet.

Darf man überall graben?

Nein – jede Grabung ist auch eine Zerstörung der archäologischen Quellen. Sie ist genehmigungspflichtig. Es muss außerdem sehr genau abgewägt werden, ob und wo man in den Boden eingreift und es ist fachkundiges Personal nötig, um eine sorgfältige Dokumentation und Nachbereitung zu gewährleisten.

Werden manche Ausgrabungsstellen irgendwann bebaut?

Ja. Es ist unmöglich, alle archäologischen Fundstellen dauerhaft zu erhalten. Die Denkmalämter versuchen jedoch, diese Zerstörungen zu minimieren und – falls eine Überbauung nicht verhindert werden kann – die Fundstellen fachgerecht zu dokumentieren und so einen Teil des Quellenwertes für die Nachwelt zu sichern.

Welche Empfindungen haben Sie, wenn Sie etwas Spektakuläres freilegen?

Es ist immer einzigartig, als Erster seit hunderten oder sogar tausenden von Jahren den Blick auf einen Befund oder Fund zu richten und ihn freizulegen. Oft offenbart sich die Besonderheit aber erst durch die sorgfältige Auswertung und die Einordnung in den Gesamtkontext. Daher ist die sorgfältige Dokumentation das Kernstück unserer Arbeit. In manchen Situationen, beispielsweise bei der Bergung der Hölzer stundenlang hüfttief im eiskalten Wasser stehend, bestimmen allerdings auch alltäglichere Empfindungen den Arbeitsalltag.

Wo nehmen Sie Ihre unbegrenzte Geduld her?

Da uns immer wieder tolle Ergebnisse und Überraschungen entlohnen, fällt es leicht, die entsprechende Geduld aufzubringen. An einem solch einzigartigen Bauwerk forschen zu dürfen ist etwas Besonderes und setzt zusätzliche Motivation frei.

Wie ist das Verhältnis von täglicher Routinearbeit und aufregenden Funden?

Die tägliche Routinearbeit ist der Kern – erst sie ermöglicht es, einen Fund oder Befund als besonders zu erkennen. Erst der erarbeitete Kontext erschließt die ganze Bedeutung einer Quelle.

Wie hält man das Wetter (Regen, Schnee, Eis) bei Grabungen so aus?

Der Wechsel aus Büro und Gelände macht den Reiz des Arbeitens aus. Nach einigen Wochen Schnee und Regen freut man sich wieder auf das Büro – und nach einigen Wochen Büro sehnt man sich nach frischer Luft und nimmt etwas Regen gerne in Kauf.

Würde gerne mal selber graben…

Eine Mitwirkung bei den Prospektionsarbeiten ist auch für Ehrenamtliche prinzipiell möglich – bei Interesse bitte Kontakt mit dem Forscherteam aufnehmen.

Wie viele Paar Socken braucht man pro Ausgrabung?

Diese Frage ist komplexer als es auf den ersten Blick scheint, wir haben jedoch versucht sie sachkundig zu beantworten. Zuerst stellt sich die Frage nach der Grabungsdauer bzw. der zeitlichen Bezugsgröße. Nach intensiver Diskussion im Kreis des Grabungsteams, das im Juli 2014 zu einem Besuch der Ausstellung in Mainz zusammentraf, einigten wir uns darauf, dass die Dauer bei einer Grabungszeit von über zwei Wochen nicht relevant ist, da dann sowieso Socken gewaschen werden müssen. Eine Umfrage unter 8 Grabungsmitarbeitern, die alle mindestens 2 Wochen an der Grabung teilgenommen haben, hat eine mittlere Sockenzahl von 10,75 Paar (minimal 7 Paar, maximal 14 Paar) ergeben, die mit auf die Grabung gebracht wurden. Bei einer echten Wintergrabung dürfte sich die Zahl jedoch erhöhen, da dann häufig zwei paar Socken übereinander getragen werden müssen. Auch der Sockenverschleiß ist nicht zu vernachlässigen.

Was – wenn die Mittel zur Verfügung stünden – wäre Ihre Traumgrabung? Welcher Frage würden Sie nachgehen wollen?

Sehr gerne würden wir der Frage nachgehen, wie repräsentativ die Befunde der Ausgrabung 2013 im Nordteil des Kanals für das Gesamtbauwerk sind. Antworten könnte ein Grabungsschnitt im Zentralbereich des Bauwerkes erbringen, wo die Kanalsohle jedoch sehr viel tiefer liegt als im Norden und grabungstechnisch schwer und nur mit großem technischen Aufwand zu erreichen ist.

Wozu braucht der Archäologe GPS?

Um Lesefunde, Bohrpunkte, Messflächen der Geophysik u. v. m. exakt vermessen zu können. Mit dem GPS-Gerät ist das besonders genau und schnell möglich. Die dabei nötige GPS-Technik ist wesentlich aufwändiger als z. B. beim Navigationsgerät im Auto, um die Positionen mit einer Genauigkeit von wenigen Zentimetern bestimmen zu können.

Wird es zukünftig, trotz Geldmangels, zu weiteren interdisziplinären Forschungsprojekten in Europa kommen?

Wir hoffen es sehr!