Ihre Fragen zur Sonderausstellung »Großbaustelle 793«

Vom 30. April 2014 bis zum 24. August 2014 konnten Sie uns am »Marktplatz« im Museum für Antike Schiffahrt Ihre Fragen zur aktuellen Sonderausstellung »Großbaustelle 793. Das Kanalprojekt Karls des Großen zwischen Rhein und Donau« hinterlassen. Zahlreiche Fragen haben uns seither erreicht.

Dr. des. Lukas Werther (Friedrich-Schiller-Universität Jena) und das Karlsgraben-Team – Forscherinnen und Forscher der Universität Leipzig, des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege sowie des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena – haben für Sie geantwortet.

Gibt es Anhaltspunkte, wie viele Menschen damals gegraben haben und zu welchen Bedingungen?

Wie die Baustelle und die Baustelleninfrastruktur organisiert war, versuchen wir durch unsere Prospektionsarbeiten im Kanalumfeld herauszufinden. Falls es ein Lager der Bauarbeiter im näheren Umfeld des Kanals gab, hoffen wir, Reste davon durch archäologische Funde nachweisen zu können. Wer dort gearbeitet hat, wissen wir nicht – die Schriftquellen sprechen lediglich von einer großen Menschenmenge. Sicher waren darunter auch Spezialisten, die für Planung, Vermessung und Bauleitung zuständig waren. Zur Frage der Arbeitsbedingungen: Um schlechte Arbeitsbedingungen und eventuell Begleiterscheinungen wie Krankheiten nachzuweisen, müssten wir entweder Bestattungen von Bauarbeitern entdecken, die während des Baus verstorben sind, und eindeutige Spuren aufweisen, oder aber Latrinen mit erhaltenen Fäkalresten. Dies würde es uns ermöglichen, Parasitenbefall u. ä. nachzuweisen und die Ernährung zu rekonstruieren. Weder auf Bestattungsplätze noch auf Latrinen liegen aber bislang Hinweise vor.

Was lässt sich über Werkzeuge, Personaleinsatz und Kosten des Kanalbaus sagen?

An Werkzeugen können wir direkt bislang nur die Beile zur Holzbearbeitung anhand von Bearbeitungsspuren der Hölzer direkt nachweisen und genauer beschreiben. Grabwerkzeuge (Spaten u. a.) oder auch Vermessungsgeräte, die sicher genutzt wurden, entziehen sich bislang dem Nachweis. Wie viele Arbeiter tatsächlich tätig waren, wissen wir noch nicht. Die sogenannten Einhardsannalen sprechen von einer großen Menge. Die archäologischen, geoarchäologischen geophysikalischen und dendroarchäologischen Untersuchungen werden es aber perspektivisch ermöglichen, einzelne Bauabschnitte zu differenzieren und die tatsächliche Bauzeit – so wie im Grabungsschnitt – zu bestimmen. Wenn wir wissen, wann wo und wie lange gebaut wurde, welche Erdmengen bewegt und welche Holzmengen verbaut wurden, können wir modellhaft berechnen, wie viele Arbeitsstunden und Arbeitskräfte dafür nötig waren.

Ist die hohe Siedlungsdichte damals eventuell darauf zurückzuführen, dass dort bereits Transport- und Handelswege existierten?

Wie hoch die Siedlungsdichte tatsächlich war, müssen zukünftige Forschungen zeigen – bislang ist unsere Kenntnis dazu sehr lückenhaft. Das Verkehrsnetz kann durchaus eine Rolle gespielt haben – unabhängig vom Kanalbau 793 musste die Wasserscheide in allen Epochen überwunden werden. Im Kanalumfeld gab es außerdem ein römisches Straßennetz, das zum Teil im Frühmittelalter noch nutzbar gewesen sein könnte.

Welche Höhenunterschiede hätte der fertig gestellte Kanal überwinden müssen? Wären tiefe Geländeeinschnitte notwendig gewesen?

Die Höhendifferenz zwischen Altmühl und Wasserscheide beträgt etwa 12 Meter. Die Geländeeinschnitte im Zentralbereich, wo die Wasserscheide überwunden werden musste, reichen den Bohrungen zufolge deutlich über 10 Meter unter das Bodenniveau der Karolingerzeit.

Schwierig nachzuweisen: Wie lange wurde der Graben nun wirklich (oder ob überhaupt) benutzt?

Das können wir momentan noch nicht beantworten. Die archäologischen und geoarchäologischen Befunde zeigen aber, dass zumindest Teile des Kanals nach dem Bau Wasser führten und Wasserflächen teilweise mehrere Jahrhunderte lang bestanden. Wie diese Wasserflächen genutzt wurden, ist allerdings unklar – und damit auch, ob jemals ein Schiff auf ihnen fuhr.

Hätte Karl der Große den Graben fertigstellen können?

Möglicherweise ja. Wir wissen jedoch noch nicht genau, ob, wo genau und warum der Bau abgebrochen wurde. Es lässt sich daher auch noch nicht beurteilen, ob die in den Schriftquellen genannten technischen Probleme mit mehr Ressourcen an Material und Personal – oder einer Arbeitspause bis zu trockenerem Wetter – zu bewältigen gewesen wären. Auch die politischen Vorgänge im Umfeld des Baus kennen wir nur ausschnitthaft. Es fällt daher schwer zu beurteilen, ob sich möglicherweise die Prioritäten während des Baus verschoben haben und Karl seine Aufmerksamkeit auf andere »Baustellen« richten musste.

Wie sieht es mit der Notwendigkeit des Karlsgrabens aus? Welche politische und innovative Tragweite war mit ihm verbunden?

Die tatsächliche praktische Notwendigkeit des Karlsgrabens lässt sich schwer nachweisen. Zweifellos sollte er aber die Schifffahrt zwischen Donau und Rhein und damit zwischen den Kerngebieten des Karolingerreiches und seiner östlichen Peripherie erleichtern. Im ausgehenden 8. Jahrhundert wurde das Herzogtum Bayern nach Absetzung Tassilos enger an das Karolingerreich gebunden, im Zuge der darauf folgenden Auseinandersetzungen mit den Awaren gewann der Verkehrsweg Donau immer mehr an Bedeutung. Inwieweit dabei auch wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle spielten (z. B. Erleichterung des Handels), kann allerdings nur spekuliert werden.

Gibt es Hinweise auf andere Kanalprojekte in dieser Zeit?

Im 8./9. Jahrhundert wurden sehr viele Kanäle gebaut – zum größten Teil allerdings nicht schiffbare Mühlkanäle und Kanäle zur Wasserversorgung von Klöstern, Bischofssitzen und Pfalzen. Ein weiterer Schifffahrtskanal des 8. Jahrhunderts ist jedoch auch archäologisch untersucht, der sogenannte Kanhave-Kanal auf der Insel Samsø in Dänemark. Er wurde bereits in den 720er-Jahren errichtet, ist jedoch wesentlich kleiner als der Karlsgraben.

Hatten die Franken die nötigen technischen Kenntnisse oder gab es ausländische (byzantinische) Berater?

Es ist anzunehmen, dass die nötigen technischen Kenntnisse im Karolingerreich vorhanden waren. Schriftquellen und archäologische Hinterlassenschaften zeugen von einem breiten hydrotechnischen Wissen in Klöstern, Bischofsstädten und im Umfeld des königlichen Hofes – aber auch auf dem Land im Bereich des Mühlenbaus. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass es auch Impulse von außen gegeben haben könnte.

Wie konnte das ALLES früher mit den so einfachen Hilfsmitteln gebaut und erkundet werden?!! – ohne Computer!!!

Das beeindruckt uns auch immer wieder und zeugt nicht nur von einer profunden Ortskenntnis, sondern auch von hervorragenden planerischen und ingenieurstechnischen Fertigkeiten der Bauherren. Wie allerdings die Planung und z. B. die Vermessung im Detail vonstatten gingen, können wir aktuell noch nicht beantworten. Es gibt allerdings u. a. Hinweise auf das verwendete Messnetz und das Vorgehen beim Abstecken der Trasse, die wir in Zukunft genauer erforschen wollen.

Woher hatten unsere Vorfahren, z. B. Karl der Große, ihre Kenntnisse im Wasserbau?

Viele Kenntnisse wurden aus der römischen Antike tradiert. Insbesondere westlich des Rheins gab es auch nach dem Ende der römischen Herrschaft eine starke Kontinuität im Wasserbau. Auch technische Schriften der Antike, beispielsweise Vitruv, wurden in der Karolingerzeit konsultiert. Nähere Informationen dazu finden sich im Begleitband zur Ausstellung.

Der Kanal ging über eine Wasserscheide. Wie hat man verhindern wollen, dass der Kanal leerläuft? Zusatzreservoir? Bachzuleitungen?

Ein Scheitelkanal hat den Vorteil, dass er nicht leer läuft, wenn am höchsten Punkt laufend Wasser zugeführt wird. Dafür wurde die Rezat als Zuleitung an den Scheitelpunkt des Karlsgrabens verlegt. Den Baumeistern war diese Notwendigkeit also sehr wohl bewusst. Durch Staueinrichtungen, die wir im Detail allerdings noch nicht kennen, konnte der Wasserdurchfluss in beide Richtungen kontrolliert werden. Das zusätzlich auf den verschiedenen Niveaus einströmende Grund- und Hangzuzugswasser hat einen stabilen Wasserstand zusätzlich erleichtert.

Wie verhält es sich mit früheren Wasserbau- und Flussausbaudurchführungen und Maßnahmen? Wie haben sich Flusslandschaften anthropogen verändert?

Flusslandschaften haben sich durch direkten und indirekten Einfluss des Menschen massiv verändert. Um Flüsse mit Schiffen befahren zu können, mussten Treidelpfade angelegt werden und der Wasserweg musste freigehalten, teilweise auch durch Uferbefestigungen kanalisiert werden. Einen starken Einfluss auf die Flussentwicklung hatten die bereits ab der Merowingerzeit, ganz massiv aber in der Karolingerzeit in sehr großer Zahl gebauten Wassermühlen mit ihren Staueinrichtungen. Auch die Landnutzung im Umfeld der Flüsse und die damit einhergehenden Erosionsprozesse trugen stark zu Veränderungen der Flusslandschaften bei. Die Frage der Wechselwirkungen von Mensch und Umwelt auf Flusslandschaften und die Bewertung anthropogener und natürlicher (z. B. klimatische Veränderungen) Faktoren ist ein sehr aktuelles Thema und wird von Wissenschaftlern unterschiedlichster Fachrichtungen erforscht.

Hat die Magdalenenflut 1342 an der Zuspülung des Grabens einen Anteil?

Das können wir momentan noch nicht beantworten. Wenn alle naturwissenschaftlichen Datierungen vorliegen, wird sich zeigen, ob sich im Sediment dieses Einzelereignis eindeutig nachweisen lässt.

Wie geht es in diesem Projekt weiter?

Wir versuchen die vielen offenen Fragen durch weitere Forschungen im Gelände und die systematische Auswertung unserer großen bereits erfassten Datenmengen zu beantworten. Dabei ist es auch nötig, immer wieder neue Methoden zum Einsatz zu bringen. Im Juli 2014 werden wir beispielsweise erstmals mit seismischen Wellen Strukturen des Kanals im Untergrund sichtbar machen. Dazu arbeiten wir mit Spezialisten der Universität Kiel zusammen. Wir veröffentlichen aktuelle Ergebnisse laufend in Fachzeitschriften. Außerdem versuchen wir auf der Internetseite www.spp-haefen.de über Neuigkeiten zu berichten. Dort finden sich auch Hinweise auf neue Publikationen.

Könnte/Sollte man die Fossa Carolina komplett freilegen?

Das wäre weder technisch noch denkmalpflegerisch sinnvoll. Wir versuchen die Bodeneingrifffe so klein wie möglich zu halten. Jede Grabung bringt nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse, sie zerstört im Grabungsbereich auch unweigerlich das Bodendenkmal. Jeder Eingriff muss daher genau abgewogen werden. Geophysikalische Prospektionsmethoden wie die SQUID-Magnetik und geoarchäologische Methoden wie Bohrungen helfen uns, ein solch großes Bodendenkmal zu dokumentieren und zu verstehen, ohne massiv in den Boden eingreifen zu müssen.

Wird es in einigen Jahren, wenn die Forschungen weiter vorangegangen sind, eine weitere Ausstellung geben?

Das können wir momentan noch nicht sagen. Die Option besteht aber durchaus.

Gibt es Mutmaßungen/Spekulationen darüber, wie sich die Geschichte nach Karl dem Großen entwickelt hätte, wenn der Karlsgraben fertiggestellt und genutzt worden wäre? Hätte dies Einfluss auf regionale Machtansprüche gehabt?

Einflüsse auf die regionale Entwicklung hätte die Fertigstellung zweifellos gehabt – mit Spekulationen halten wir uns allerdings zurück und versuchen lieber, die vielen offenen Fragen mit konkreten Befunden und Quellen zu beantworten.

Wollte Karl der Große nach Byzanz?

Kontakte nach Byzanz bestanden durchaus. Dass Karl selbst nach Byzanz wollte – insbesondere zum Zeitpunkt des Kanalbaus – ist allerdings eher unwahrscheinlich. Gesandtschaften im Auftrag Karls legten den Weg aber mehrfach zurück. Zumindest im 9. Jahrhundert scheint Karl auch eine gewissen Verantwortung zumindest für die christlichen Gemeinden im heiligen Land empfunden zu haben, da er diese finanziell unterstützte und sogar eine Kommission schickte, um die Notwendigkeit von Baumaßnahmen an Kirchen etc. zu erfassen. Der Historiker Michael Mc Cormick hat diese besondere Facette der Kommunikation zwischen Ost und West in seinem Buch »Charlemagne's survey of the Holy Land« (2011) eindrucksvoll herausgearbeitet.

Wie »groß« war Karl der Große wirklich?

Karl war tatsächlich groß gewachsen. Davon zeugen nicht nur die Beschreibungen in Texten (besonders Einhards Karls-Vita), sondern auch Untersuchungen an Skelettresten. Sein Beiname »der Große« ist aber auf seine Leistungen als Herrscher zurückzuführen und nicht primär auf seine Körpergröße. Wie diese »Größe« zu bewerten ist, wird unter Historikern durchaus kontrovers diskutiert. Schließlich wurden großartige Bauten und die karolingische Bildungsreform von Karl genauso initiiert wie die gezielte Tötung tausender Sachsen zur Erreichung seiner politischen Ziele.

Was für ein menschlicher Charakter war Karl der Große?

Diese Frage zu beantworten fällt schwer. Diverse Autoren, unter anderem Karls »Biograph« Einhard beleuchten verschiedene Facetten seines Charakters – jedoch jeweils aus der individuellen Sicht des Autors. Anderes lässt sich aus seinem Handeln schließen.