Museumsgespräch: Migration – Herausforderung und Chance

Am 29. Oktober 2013 fand im Museum für Antike Schiffahrt eine Diskussionsrunde zum Thema »Migration« statt. Die Gesprächsteilnehmer diskutierten über Fragen zum Stellenwert von Migranten in Zeiten demografischen und wirtschaftlichen Wandels, ob Migrationsbewegungen ein spezielles Zeitphänomen sind sowie über Lösungsansätze, wie Integration und inspirierendes Miteinander gelingen kann.

Gesprächsteilnehmer

  • Dr. Canan Topçu, Journalistin mit Schwerpunkt Migration und Integration, Dozentin an der Hochschule Darmstadt, Fachbereich Media
  • Alexander Schweitzer, Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz (SPD) > Kurzfristige Absage, vertreten durch Büroleiter Dr. Bernhard Scholten
  • Prof. Dr. Detlef Gronenborn, Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Forschungsschwerpunkt: Dynamik neolithischer Gesellschaften
  • Moderation: Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun
    Integrationsbeauftragter des SWR, Leiter der Redaktion »SWR International«

Zusammenfassung der Disskussion

Menschen, die sich einen neuen Lebensmittelpunkt gesucht haben – sei es aus religiösen, ökonomischen oder privaten Gründen, gibt es seit Menschengedenken. So haben „Migranten“ aus Eurasien, dem heutigen Ostanatolien, vor rund 6.000 Jahren das europäische Bauerntum initiiert. Wo damals allerdings noch die Verdrängung älterer Bevölkerungsgruppen, oder nebeneinander existierende „Parallelwelten“ alltäglich gewesen seien, schaffen moderne Lebensverhältnisse, also andere gesellschaftliche und politische Verhältnisse sowie internationale, wirtschaftliche Verflechtungen, ganz andere Bedingungen.

Um den Weg der Integration zu erleichtern sei eine zukunftsweisende europäische und deutsche Flüchtlingspolitik angesagt, so die Diskussionsteilnehmer. Es könne nicht angehen, dass vielen, auch gut ausgebildeten Menschen, nur der Asylantrag bliebe, um in Deutschland eventuell Fuß fassen zu können, so Dr. Scholten. Von politischer Seite müsse dabei weniger der „Nutzen-Kosten-Faktor“ als humanitäre Überlegungen im Focus stehen, so Canan Topçu.

Zu der im Rahmen der Zuwanderungspolitik immer wieder mobilisierten „Angst vor Fremden“ – Stichwort: „Überfremdung“ – führt Prof. Gronenborn an, dass Abwehr-Ängste historisch in allen Gesellschaften existieren (Beispiel USA, Römisches Reich). Für „schnelle Assimilierung“ gebe es historisch keine Beispiele, auch in den USA habe es 300 bis 400 Jahre gedauert bis sich die eingewanderten Bevölkerungsgruppen als nationale Einheit etabliert hätten. In Deutschland selbst seien in der jüngeren Geschichte drei große „Integrationswellen“ zu bewältigen gewesen: Angefangen bei den polnischen Einwanderungen ins Ruhrgebiet, Ende des 19. Jahrhunderts, über die Flüchtlingsströme nach dem 2. Weltkrieg, bis hin zu den „Gastarbeitern“ der 50/60er Jahre. Während die Nachkommen der zwei ersten Migrantengruppen längst assimiliert seien, bedürfe es für die dritte noch Zeit. Fatal sei dabei die Mobilisierung von Ängsten – sei es von Seiten der Politik oder anderer Interessensgruppen. Für das künftige Miteinander seien verlässliche soziale Strukturen gefordert, so Dr. Scholten.

Was haben demografischer Wandel und Migrationsbewegungen miteinander zu tun? Wo liegt unsere Chance?

Das Land Rheinland-Pfalz verfolgt bezüglich des demografischen Wandels zwei Handlungsstränge (Scholten): Eine ausgewogene Familienpolitik sowie die Steuerung der Zuwanderung zur Bewältigung des Fachkräftemangels.

Scholten setzt auf Nachbarschaftsprojekte, familienfreundliche Zukunftsstrategien und angepasste Wohnraumpolitik. Beispiel: Inklusions-Wohnmodell der Kreuznacher-Diakonie in Mainz-Gonzenheim in dem ältere und behinderte Menschen sowie Studenten zusammen leben. Bedingung für die Jungen: Billige Mieten bei Engagement in der Seniorenbetreuung.

Bezüglich pflegebedürftiger Angehöriger sieht Scholten die Pflegekasse im Bedarfsfall für begrenzte Zeit die Lohnkosten eines pflegenden Angehörigen übernehmen. Frage: Sind wir alle bereit mehr in die Pflegekasse einzuzahlen, damit so etwas finanziert werden kann?

Ein weiteres Ziel müsse sein, Kindern und Jugendlichen bildungsferner Milieus bessere Bildungschancen zu bieten (Topçu).

Übereinstimmend wurde von den Gesprächsteilnehmern zur Vorsicht im Umgang mit Zukunftsprognosen bezüglich der demografischen Entwicklung empfohlen.

- Zusammenfassung: Angelika Burkhard