Neues aus der Forschung 

Ausgrabung einer 125.000 Jahre alten archäologischen Fundstelle in Neumark-Nord bei Halle im Sommer 2007: In der einzigartig erhaltenen Seenlandschaft wurden die Überreste von Hunderten großer Säugetiere, vor allem Pferde und Rinder, sowie etwa 20.000 Steinartefakte entdeckt. Foto/©: Wil Roebroeks, Universität Leiden

Molluskenschalen, die aus den Sedimenten der Fundstelle Neumark-Nord geborgen wurden, zeigen, wie hervorragend diese Fundstelle erhalten ist. Die Größe der Schalen beträgt 2 bis 5 Millimeter. Foto/©: Wim Kuijper, Universität Leiden

Die Rückstände nach einer feinmaschigen Siebung der Sedimente veranschaulichen die hervorragende Erhaltung der organischen Reste: Das Bild dominieren Oosporen von Algen in der Größe von etwa einem Millimeter und verkohlte Samen, die bis zu 3,9 Millimeter groß sind. Foto/©: Wim Kuijper, Universität Leiden

Feuersteinartefakte vom Uferbereich des kleinen Sees Neumark-Nord 2: Hier wurden auf einer Fläche von ca. 500 Quadratmetern etwa 20.000 Feuersteinartefakte und mehr als 118.000 Knochenfragmente gefunden, die Überreste von geschlachteten Großsäugern wie Pferden und Rindern. Foto/©: Eduard Pop, Universität Leiden/Naturalis Biodiversity Center, Leiden



Neandertaler veränderten Ökosysteme vor 125.000 Jahren

Untersuchungen in Neumark-Nord bei Halle zeigen: Neandertaler nutzten schon vor 125.000 Jahren Feuer, um Waldgebiete offen zu halten, und hatten damit einen weit größeren Einfluss auf ihre lokale Umgebung als bislang angenommen. Die interdisziplinäre Studie von Archäologen der Universität Leiden in Zusammenarbeit mit Forschenden der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie (RGZM) wurde jetzt im Wissenschaftsmagazin Science Advances veröffentlicht.

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Archäologen gehen seit Langem der Frage nach, wie und seit wann der Mensch in die Ökosysteme unseres Planeten eingegriffen hat. Untersuchungen in einem Braunkohleabbaugebiet in der Nähe von Halle lieferten nun wichtige Hinweise. „Im Tagebau von Neumark-Nord wurden in den letzten Jahrzehnten archäologische Forschungen durchgeführt. Neben einer großen Menge an Daten über die frühe Umwelt wurden auch zahlreiche Spuren der Aktivität von Neandertalern gefunden“, sagt Prof. Dr. Sabine Gaudzinski-Windheuser, Professorin für Pleistozäne Archäologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Leiterin des archäologischen Forschungszentrums und Museums für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS, einer Einrichtung des RGZM. „Wir haben unter anderem die Überreste von Hunderten von geschlachteten Tieren gefunden, umgeben von zahlreichen Steinwerkzeugen und einer großen Menge an Holzkohleresten.“

Jäger und Sammler hielten Waldgebiete während 2.000 Jahren offen

Die Spuren wurden in einer Landschaft gefunden, die vor 125.000 Jahren ein Waldgebiet war. Nicht nur Beutetiere wie Pferde, Hirsche und Rinder, sondern auch Elefanten, Löwen und Hyänen lebten hier, wie die zooarchäologischen Untersuchungen von Dr. Lutz Kindler, Wissenschaftler am RGZM, und Sabine Gaudzinski-Windheuser zeigen. Dieser Laubmischwald erstreckte sich von den Niederlanden bis nach Polen. An mehreren Stellen in diesem Gebiet befanden sich Seen und an einigen dieser Seen wurden Spuren von Neandertalern am Ufer entdeckt. Als die Neandertaler damals dort auftauchten, wich der geschlossene Wald großen offenen Flächen, teilweise aufgrund von Bränden. Es wurde bisher diskutiert, ob der Wald durch die Ankunft des Menschen geöffnet wurde oder ob Menschen hierherkamen, eben weil die Landschaft offen war. Die neue Studie fand jedoch genügend Beweise, um zu dem Schluss zu kommen, dass Jäger und Sammler das Gebiet mindestens 2.000 Jahre lang offen hielten.

Vergleichende Untersuchungen der Leidener Paläobotanikerin Prof. Dr. Corrie Bakels haben gezeigt, dass an ähnlichen Seen der Gegend, wo die gleichen Tiere umherzogen, es aber keine Spuren von Neandertalern gibt, die dichte Waldvegetation weitgehend intakt blieb.

Bisher wurde allgemein angenommen, dass die Menschen erst mit der Einführung der Landwirtschaft vor etwa 10.000 Jahren begannen, ihre Umwelt zu gestalten – indem sie zum Beispiel Bäume fällten, um Felder anzulegen. Viele Archäologen gehen jedoch davon aus, dass dies schon viel früher, in kleinerem Umfang, erfolgte, wobei Neumark-Nord das früheste Beispiel für einen solchen Eingriff ist. Die neuen Forschungsergebnisse sind nicht nur für die Archäologie von Bedeutung, sondern auch für Disziplinen, die sich beispielsweise mit Renaturierung befassen. Sie zeigen, dass frühe Jäger und Sammler ihre Landschaft gestaltet haben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass in Zukunft weitere Hinweise gefunden werden, dass bereits die frühen Menschen in der tiefsten Vergangenheit ihre Umwelt schon viel früher stark beeinflusst haben, als bisher angenommen.

Artikel am 15. Dezember 2021 in Science Advances erschienen (open access)

Roebroeks, W., MacDonald, K., Scherjon, F., Bakels, C., Kindler, L., Nikulina, A., Pop, E., Gaudzinski-Windheuser, S. Landscape modification by last-interglacial Neanderthals. Science Advances Vol. 7, No. 51 (2021).
DOI: https://doi.org/10.1126/sciadv.abj5567

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