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2700 Jahre alter hallstattzeitlicher Stufenteller des sogenannten Alb-Hegau-Stil aus dem südlichen Baden-Württemberg (O.03772). Foto: RGZM / C. Nitzsche.

Detailaufnahme des hallstattzeitlicher Stufentellers. Foto: RGZM / C. Nitzsche.

Im Vergleich mit der Zeichnung des "Zwillings" aus dem Landesmuseum Württemberg erkennt man deutlich die Ähnlichkeit. Foto: RGZM / C. Nitzsche.

Auszug aus den Inventarbüchern des RGZM. Die Ortsbezeichnung "Münsingen" gab den entscheidenden Hinweis zur Identifizierung. Foto: RGZM.

Nach der Bestimmung wartet der Stufenteller nun gut verpackt auf den Umzug ins neue Gebäude. Foto: RGZM / C. Nitzsche.



Das unbekannte Objekt. Wenn Gegenstände ihre Nummer verlieren | Auf Spurensuche in den eigenen Beständen

Museen, historische Bibliotheken, Archive gehören zum kulturellen Gedächtnis – als solche sammeln, bewahren und beforschen sie ihre Bestände. Doch nicht nur das, im Lauf der Zeit vergrößert sich z.B. eine Sammlung, wird vielleicht durch historische Ereignisse verändert oder durch Kriegsschäden minimiert. Will man da den Überblick behalten, ist eine Dokumentation der eigenen Sammlungsgeschichte unerlässlich. Dabei ist das Inventarbuch das älteste Instrument zur Erfassung von Museumsbeständen. Trotz des heute selbstverständlichen Einsatzes von Computern für das Management von musealem Sammlungsgut ist es immer noch von essentieller Bedeutung, denn mit dem Eintrag in dieses Bestandsverzeichnis ist ein Gegenstand eindeutig als Teil der Museumssammlung ausgewiesen und identifiziert, mit einer Ordnungsnummer erfasst und somit in den großen Depots auch wiederauffindbar. Das RGZM blickt auf eine 168-jährige Geschichte zurück und besitzt Inventarbücher, die über Generationen fortgeschrieben wurden. Dort sind jeweils die relevanten Informationen zu den Stücken – wie Fundort, Vorbesitzer oder Maßangaben – festgehalten.

In Vorbereitung des großen Umzugs in das neue Gebäude, wurden in einer wahren Herkulesarbeit akribisch alle der rund 220 000 Objekte aus den Beständen des RGZM neu gesichtet, fotografiert und mit den zugehörigen Inventarnummern abgeglichen. Dass es bei der Fülle an Objekten immer mal wieder Überraschungen oder gar Rätsel gibt, ist nicht verwunderlich.

Mittlerweile sind 98 Prozent unserer Objekte erfasst, abgeglichen und warten gut verpackt auf den Transport. Nun widmen sich unsere Kollegen den Objekten, die ohne Inventarnummer aus den Tiefen unserer Depots auf die Arbeitstische gelangt sind.

Zu diesen Objekten gehört ein etwa 2700 Jahre alter hallstattzeitlicher Stufenteller, der mit seiner reichen Verzierung typisch für den sogenannten Alb-Hegau-Stil aus dem südlichen Baden-Württemberg ist. Aber warum ist dieser Teller im Bestand des RGZM, woher stammt er, wann kam er ins Haus? Diesen Fragen widmete sich unser Kollege PD Dr. Holger Baitinger und durchforstete für seine Spurensuche die Inventarbücher. Dank seiner Recherchearbeit konnten dem Teller nicht nur ein Fundort, sondern sogar ein genauer Fundkontext zugeordnet werden.

Bei den frühen Inventarnummern wurde Baitinger fündig: Da unser Inventar der Originale erst ab der Nummer 7000 mit Zeichnungen bzw. Fotos versehen ist, sprach vieles dafür, dieses charakteristische Gefäß unter den frühen Inventarnummern zu finden, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg nach Mainz gelangt sind.

Hier musste er sich ganz auf die Beschreibungen und Maße in den Inventarbüchern verlassen.

Zwilling wiederentdeckt

„Der Vermerk ‚Münsingen‘ gab mir den entscheidenden Hinweis für die weitere Recherche“, erklärt Baitinger. „Laut dem Jahresbericht des RGZM aus dem Jahr 1906/07 übergab uns das Landesmuseum Württemberg einen Teller aus Münsingen zusammen mit zwei weiteren Gefäßen im Austausch gegen Kopien. Dieser Teller passte den Maßen nach zu unserem inventarnummernlosen Objekt. In der Literatur fand ich dann tatsächlich ein Exemplar, das unserem Teller zum Verwechseln ähnelt“.

Dieses stammt aus einem 1894 untersuchten Grabhügel in Münsingen, der neben einem zeittypischen Eisenschwert insgesamt elf Gefäße enthielt. Davon sind im Landesmuseum Stuttgart heute noch vier erhalten. Die übrigen gelten als verschollen.

„Aufgrund der Ähnlichkeit gehört unser Teller ganz offenbar zu diesem nur unvollständig erhaltenen Grabkomplex“, freut sich der Archäologe. Diese Erkenntnis ist nicht nur für unsere Sammlung bedeutsam, sondern auch für die Kolleg*innen im Landesmuseum Württemberg und natürlich für die Fachwelt, die nun dieses vervollständigte Grabinventar neu bewerten kann.

Tauschgeschäfte vor 100 Jahren üblich

Aber wie kam der Teller ins RGZM? Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es durchaus üblich, sogenannte Dubletten – also gleichartige archäologische Objekte – zu tauschen und an andere Museen abzugeben. Um 1905 startete das RGZM einen regelrechten Aufruf an deutsche Museen, die bis dato recht kleine Sammlung an Originalobjekten zu vergrößern, um dadurch „eine wirkliche Zusammenfassung der älteren Kulturerscheinungen ganz Deutschlands dar[zu]stellen“ (Jahresbericht des RGZM 1907/08). Bis dahin hatte sich das RGZM seit seiner Gründung im Jahre 1852 fast ausschließlich auf das Herstellen von Kopien konzentriert.