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Visualisierung der Siedlung auf dem Kapellenberg um 3700 v. Chr. (Grafik: Architectura Virtualis, 2019. © Magistrat der Stadt Hofheim, Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Architectura Virtualis).



Michelsberger Kultur: Intensive Milchnutzung deutet auf Hungersnot

In einer neuen Studie, die in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde, widerlegen Wissenschaftler der University of Bristol und des University College London (UCL) zusammen mit Kollegen aus 20 anderen Ländern langjährige Annahmen darüber, warum der ausgewachsene Mensch die Fähigkeit entwickelt hat, Milchzucker zu verdauen. Um sich ein Bild von Milchkonsum der letzten 9000 Jahre in Europa machen zu können, haben die Forschenden DNA-, Radiokohlestoff und archäologische Proben aus menschlichen Hinterlassenschaften untersucht und ausgewertet. Das Römisch-Germanische Zentralmuseum, Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie (RGZM), hatte im Rahmen der Projekte zu den jungsteinzeitlichen Siedlungen Kilianstädten und Kapellenberg Proben archäologischer Keramikgefäße für die Analysen zur Verfügung gestellt.

Zwei Drittel der Erwachsenen in der heutigen Welt bekommen Bauchkrämpfe oder Durchfall, wenn sie zu viel Milch trinken. Sie sind laktoseintolerant. Vor 5000 Jahren waren sogar fast alle Erwachsenen betroffen. Im heutigen Europa können die meisten Erwachsenen jedoch problemlos Milch trinken. Bislang wurde allgemein angenommen, dass Menschen diese Fähigkeit entwickelten, weil sie im Laufe der Zeit mehr Milch und Milchprodukte konsumieren konnten. Die neuen Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass Hungersnöte und Krankheitserreger die Entwicklung von Milchverträglichkeit (Laktasepersistenz) in Europa vorangetrieben haben.

7000 Keramikproben und 1700 prähistorische Daten untersucht

Für diese Studie der University of Bristol stellten Forschende eine Datenbank mit fast 7.000 organischen Rückständen aus archäologischen Keramikgefäßen zusammen. Das RGZM hatte hierfür unter anderem Keramikfragmente aus der Höhensiedlung Kapellenberg aus der Zeit der Michelsberger Kultur analysieren lassen. Aus dem gesamten Datenbestand geht hervor, dass Milch in der europäischen Vorgeschichte seit den Anfängen des Ackerbaus vor fast 9.000 Jahren verwendet wurde. In verschiedenen Regionen zu unterschiedlichen Zeiten sind leichte Schwankungen im Milchkonsum zu beobachten. Auffällig ist, dass Milch mit Beginn der Michelsberger Kultur intensiv genutzt wurde. Die Proben archäologischer Gefäße vom Fundort Kapellenberg weisen auf besonders intensiven Milchkonsum hin.

„Die intensive Milchnutzung während der Michelsberger Kultur zeigt, dass es vorher zu einer Krise gekommen sein könnte, wofür uns auch andere Hinweise vorliegen“, so Professor Dr. Detlef Gronenborn, Archäologe am RGZM und Co-Autor des Artikels und ergänzt „Die gesamte Wirtschaft in dieser Zeit ist an eine Nutzung von Herdentieren angepasst, in erster Linie wohl Rinder, und es bleibt eine unruhige Periode in der Verteidigung und Schutzbedürfnis das Siedlungsverhalten prägen. Das beste Beispiel ist die neu heute sichtbare Wallanlage auf dem Kapellenberg.“ Auf Grundlage dieser Daten untersuchte ein Team des University College London alte DNA-Sequenzen von mehr als 1 700 prähistorischen Individuen auf das Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein der genetischen Variante der Milchverträglichkeit. Erstmals vor etwa 5.000 Jahren identifiziert, konnte eine Milchverträglichkeit vor 3.000 Jahren bei Erwachsenen bereits in nennenswerter Häufigkeit nachgewiesen werden. Für ihre Studie ließen die Forschenden zudem Indikatoren für vergangene Hungersnöte und die Belastung durch Krankheitserreger einfließen.

Hungersnöte und Krankheitserreger als Faktor für Milchverträglichkeit

Die Auswertung der Daten deutet darauf hin, dass die beiden Faktoren für die immer größere Milchverträglichkeit bei Erwachsenen verantwortlich sind. Scheinbar überlebten Menschen, die eine Milchverträglichkeits-Genvariante in sich trugen, eher in Zeiten von Hungersnöten und grassierender Magen-Darm-Infekte als Menschen, die diese Genvariante nicht besaßen. Das liegt vor allem daran, dass Menschen in Notzeiten, wie Missernten, zu Milch griffen. Für einen stark unterernährten oder dehydrierten Menschen, der Milch nicht verträgt, ist der Konsum lebensgefährlich, denn die Auswirkungen der Unverträglichkeit schwächen den Körper noch mehr.

„Die Erkenntnisse aus dieser umfangreichen Studie ist auch für uns sehr interessant. Denn das würde erklären, warum wir vor 5500 Jahren am Ende der Michelsberger Kultur einen sehr plötzlichen und rapiden Zusammenbruch der Bevölkerung sehen“, sagt Detlef Gronenborn und ergänzt: „Einmal mehr sehen wir, wie sich die Geschichte aus einer fortwährenden Folge von Blütezeiten und anschließenden Krisen und Transformationen zusammensetzt.“

Der Artikel erschien am 27. Juli 2022 in der Fachzeitschrift Nature

Evershed et al., Dairying, diseases and the evolution of lactase persistence in Europe, Nature, 27. Juli 2022.
https://doi.org/10.1038/s41586-022-05010-7 

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