Anastasis, Hagios Ioannis-Prodromos-Kirche in Garipas, Kreta, Anfang 14. Jh.



Anastasis – Das Osterbild der Ostkirche

Auf einem spätbyzantinischen Fresko mit der alttestamentlichen Vertreibungsszene der Ureltern in der Soter-Kirche in Akoumia auf Kreta wird Adam nach dem Sündenfall von einem Engel am Handgelenk gefasst und vehement aus dem Paradies herausgezogen. Das Osterbild der Ostkirche, die Anastasis, demonstriert eine Umkehrbewegung dieses Ziehmotivs. Der urzeitliche Vertreibungsgriff wird zum endzeitlichen Erlösungsgriff umgewandelt. In der kretischen Hagios-Ioannis-Kirche in Garipas erscheint der auferstandene Christus zur Rettung der Menschheit, wie es das apokryphe Nikodemus-Evangelium beschreibt (Bild).

Der kreuznimbierte Christus steigt nach seinem Tod in die Unterwelt hinab, ergreift zuerst Adams Handgelenk und zieht ihn aus dem Reich des Hades. Es folgen Eva sowie weitere alttestamentliche Gerechte und Könige. Christus demonstriert seinen Sieg über den Tod. Er zerbricht die Tore der Hölle und tritt auf den Kopf des gefesselten Satans. Bildliche Assoziationen zu den terrestrischen Paradiestüren implizieren zugleich die Hoffnung auf eine Wiedereröffnung des geschlossenen Paradieses.

Nicht nur theologisch, sondern auch ikonographisch stehen Sündenfall und Erlösung in den kretischen Wandmalereien in einem unlösbaren Beziehungsgeflecht. Die Anastasis zielt auf eine Restitution der durch den Sündenfall verlorenen Gottesnähe. Ur- und Endzeitdarstellungen werden durch analoge Bildbausteine verknüpft. Adam und Eva definieren in retro- und prospektiver Sicht den Ursprung und das Ziel der Heilsgeschichte, in dessen Zentrum – wie auch im Anastasisbild – Christus steht, der als Schöpfer, Richter und Erlöser die immerwährende göttliche Macht symbolisiert.

Martina Horn, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung für Frühchristliche Archäologie und Byzantinische Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Mitglied des Young Academics Network des Leibniz-WissenschaftsCampus Byzanz zwischen Orient und Okzident, Mainz/Frankfurt:

Die kretischen Adam-und-Eva-Bilder und ihre vielfältigen Deutungsmuster werden in der neu erschienenen Dissertationsschrift von Martina Horn einer detaillierten Untersuchung unterzogen: Adam-und-Eva-Erzählungen im Bildprogramm kretischer Kirchen. Eine ikonographische und kulturhistorische Objekt- und Bildfindungsanalyse. BOO 16 (Mainz 2020).