NEUES AUS DER FORSCHUNG | OPEN ACCESS 

Abbildung trapezförmiger Pfeilspitzen und Klingen der späten Sammler und Jäger aus Süddeutschland (aus Gronenborn 2014, nach Kind 2012); Grafik: Gronenborn/Ober, RGZM.



Die Besiedlung Europas: Neue Erkenntnisse zu kulturellen und genetischen Verbindungen vor dem Beginn der Landwirtschaft

Im späten 6. und während des 5. Jahrtausends v. Chr. wird Europa von bäuerlich wirtschaftenden Gruppen aus Westanatolien besiedelt. Aktuelle Forschungen deuten darauf hin, dass sich allerdings bereits vor dem Beginn der Landwirtschaft Jäger und Sammler-Gruppen aus dem eurasischen Raum in weiten Teilen Europas ausgebreitet haben. Auch archäologische Funde bestätigen die östliche Herkunft der Sammler und Jäger-Gruppen.

Einer der entscheidenden archäologischen Erkenntnisse, die auf die Herkunft deutet, ist die Ausbreitung einer bestimmten Steingeräte-Technologie (engl. „blade-and-trapeze horizon“). Die Herkunft der Technologie liegt in Zentraleurasien (heutige Mongolei). Die Herstellungstechnik ist genutzt worden, um Werkzeuge und Waffen, wie Feuersteinklingen und trapezförmigen Pfeilspitzen, herzustellen. Diese Technologie erreicht das westliche Eurasien nach 7000 v. Chr. und breitet sich in den folgenden 1000 Jahren bis nach Westeuropa aus.

Genetische Erkenntnisse bestätigen Theorie der östlichen Herkunft

Vor diesem archäologischen Hintergrund zeigen die Untersuchungen an Knochen aus Gräbern am Fundplatz Grotta del Uzzo in Sizilien, dass sich diese Ausbreitung mit der langsamen Verbreitung (gene flow) von Sammler-Jäger-Gruppen aus dem eurasischen Raum nach Mittel- und Westeuropa erklären lässt. „Damit haben wir zum ersten Mal auch genetische Hinweise auf den Hintergrund eines der größten vorjungsteinzeitlichen Kulturbrüche in Europa“, erläutert einer der Co-Autoren Prof. Dr. Detlef Gronenborn (RGZM), der sich seit 30 Jahren mit dieser Übergangsphase beschäftigt. „Bereits vor der Ausbreitung der Landwirtschaft müssen wir mit großräumiger Mobilität dieser Gruppen im eurasischen Raum rechnen. Die neuen Ergebnisse zeigen einmal mehr, dass dieser gesamte eurasische Raum in den letzten Zehntausend Jahren nur in diesem Zusammenhang zu verstehen ist.“

Der aktuell erschienene Artikel im open access online-journal „iScience“ stellt die genetischen Forschungen zur Grotta del Uzzo im europäischen Zusammenhang vor. Das RGZM ist im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit dem Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie (INTERACT) darin eingebunden.

⇒ Zum Artikel "Genomic and dietary discontinuities during the Mesolithic and Neolithic in Sicily"

Weiterführende Literatur:

Gronenborn, Detlef. 2017. “Migrations Before the Neolithic? The Late Mesolithic Blade-and-Trapeze Horizon in Central Europe and Beyond.” In Migration Und Integration Von Der Urgeschichte Bis Zum Mittelalter: 9. Mitteldeutscher Archäologentag Vom 20. Bis 22. Oktober 2016 in Halle (Saale) = Migration and Integration from Prehistory to the Middle Ages ; 9th Archaeological Conference of Central Germany October 20-22, 2016 in Halle (Saale), edited by Harald Meller, Falko Daim, Johannes Krause, and Roberto Risch, 113–27. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle Band 17. Halle (Saale): Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt Landesmuseum für Vorgeschichte.