Neues aus der Forschung 

Die Ausbreitung der Landwirtschaft im westlichen Eurasien; Grafik: RGZM/OREA: Gronenborn/Horejs/Börner/Ober 2019.



Parallelgesellschaften vor 7500 Jahren: Archäogenetische Untersuchungen weisen trotz Migrationswelle nur 3% genetische Interaktion in Mitteleuropa nach

Neue archäogenetische Forschungen in West- und Mitteleuropa zeigen, dass die vor 7500 Jahren eingewanderten Bauern biologischen Kontakt zu einheimischen Sammler-Jägern hatten, dessen Intensität sich regional jedoch sehr unterschiedlich darstellt. So scheinen sich in einigen Gebieten auch Parallelgesellschaften gebildet zu haben. Die Ergebnisse wurden Ende Mai open access in der Zeitschrift Science Advances veröffentlicht.

Vor 7500 Jahren wanderte aus Anatolien eine bäuerliche Bevölkerung nach Europa ein, die nicht nur die Landwirtschaft als eine völlig neue Technologie mitbrachte, sondern auch für einen erheblichen Wandel in der europäischen Bevölkerungsstruktur sorgte. Tatsächlich war dies, nach der Einwanderung des anatomisch modernen Menschen vor 47.000 Jahren einer der größten Migrationsprozesse in Europa überhaupt und hat unseren Kontinent bis heute nachhaltig verändert.

Genetische Vermischung von frühen Bauern und Sammler-Jägern nicht überall

Archäologisch konnte man schon früh nachweisen, dass es über weite Teile Europas intensive Kontakte zwischen den einheimischen Sammler-Jägern und den eingewanderten Bauern gegeben haben musste. Neue Ergebnisse zeichnen nun ein differenziertes Bild: Während der genetische Beitrag von Jägern und Sammlern in Südfrankreich mit durchschnittlich etwa 31% besonders hoch ist, ist er in Mitteleuropa mit 3 % vergleichsweise niedrig. Zu diesem Ergebnis kommt der am Freitag, den 29. Mai 2020, publizierte Artikel in der Zeitschrift Science Advances, bei dem sich Professor Dr. Detlef Gronenborn vom RGZM mit Forschenden des Max-Planck-Instituts für die Wissenschaft der Geschichte des Menschen, des PACEA-Labors in Bordeaux, des CEPAM-Labors sowie weiteren internationalen Partnern zusammengetan hat. Das internationale Wissenschaftlerteam untersuchte die Interaktionen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen während dieser Übergangszeit. Dabei wurde das Erbgut von 101 prähistorischen Menschen untersucht, die vor rund 9000 bis 5000 Jahren lebten und aus zwölf archäologischen Fundstätten im heutigen Frankreich und Deutschland stammen.

Teilweise Bildung von Parallelgesellschaften in Mitteleuropa

„Die neuen Daten zeigen uns, dass es in Westeuropa intensive biologische Kontakte zwischen diesen Bevölkerungsgruppen gegeben hat, während diese für Mitteleuropa nicht belegt sind. Hier scheinen sich die Menschen zwar gekannt und offenbar auch miteinander gelebt zu haben, sie haben sich aber für lange Zeit nicht biologisch vermischt. Wir gehen davon aus, dass zumindest in Teilen Mitteleuropas Parallelgesellschaften gebildet wurden“, erklärt Gronenborn. „Die Forschungsergebnisse verdeutlichen die Komplexität und regionale Vielfalt der biologischen und kulturellen Interaktionen zwischen Bauern- und Sammler-Jäger-Gemeinschaften während der neolithischen Expansion. Wir erhalten durch die Kombination zweier Methoden ein deutlich vollständigeres Bild als über ausschließlich genetische oder archäologische Untersuchungen. Die Ergebnisse sind allerdings ernüchternd“, so Gronenborn, „denn es ist in Mitteleuropa zunächst keine multikulturelle Gesellschaft entstanden, wie wir es noch vor einigen Jahren aufgrund der archäologischen Funde vermutet haben.“

Wandel von Gesellschaften ist Forschungsgegenstand am RGZM

Seit fast 30 Jahren beschäftigt sich Gronenborn mit der Einbindung der einheimischen Sammler-Jäger in die neu entstandenen bäuerlichen Gesellschaften und mit den Fragen wie diese an den gesellschaftlichen Wandlungsprozesse beteiligt waren. Dabei scheint die Rolle der einheimischen europäischen Bevölkerung keinesfalls statisch und weniger bedeutend als die der Einwanderer: So konnten die jetzt veröffentlichten genetischen Untersuchungen zeigen, dass ab etwa 6500 Jahren der Anteil der Sammler-Jäger-Komponenten insgesamt auch in Mitteleuropa zugenommen hatte. Diese Erkenntnisse bringt Gronenborn in das von ihm geleitete Forschungsfeld zu gesellschaftlichen Wandlungsprozessen und deren Dynamiken ein, in dem aktuell zwei Projekte im Vordergrund stehen:

 

Publikation (open access):

M. Rivollat, C. Jeong, S. Schiffels, İ. Küçükkalıpçı, M.-H. Pemonge, A. B. Rohrlach, K. W. Alt, D. Binder, S. Friederich, E. Ghesquière, D. Gronenborn, L. Laporte, P. Lefranc, H. Meller, H. Réveillas, E. Rosenstock, S. Rottier, C. Scarre, L. Soler, J. Wahl, J. Krause, M.-F. Deguilloux, W. Haak, Ancient genome-wide DNA from France highlights the complexity of interactions between Mesolithic hunter-gatherers and Neolithic farmers. Sci. Adv. 6, eaaz5344 (2020).
DOI: 10.1126/sciadv.aaz5344