Neues aus der Forschung 

Hochland von Neu Guinea (Photo: Wulf Schiefenhövel/Marian Vanhaeren/Nicolas Antunes, November 2016).



Umwelt oder soziale Faktoren: Was beeinflusste menschliche Gesellschaften mehr?

Umweltfaktoren spielen eine große Rolle für die Verteilung von Pflanzen- und Tierarten. Sie benötigen spezifische Klimabedingungen. Gilt das auch für menschliche Populationen? Bereits im 18. Jahrhundert wurden hitzige Debatten über einen für den Menschen gültigen klimatischen Determinismus geführt. Während einige moderne Untersuchungen zeigen, dass die Umwelt entscheidenden Einfluss auf die geographische Verteilung menschlicher Kulturen hat, rücken andere Studien alternative Erklärungen in den Vordergrund: Populationsdynamik, Migration, Drift, also im Laufe der Zeit entstehende Veränderungen innerhalb abgeschlossener Gruppen, sowie psycho-soziokulturelle Mechanismen, die die Formierung ethno-linguistischer Gruppen fördern. Ein allgemein akzeptierter Konsens hinsichtlich dieser Fragen besteht noch nicht. Auch am Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM), Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie, wird die Frage nach den Zusammenhängen zwischen Umwelt und im weitesten Sinne sozialen Faktoren untersucht:

Unter Nutzung eines neuartigen, multivariat-statistischen Zugangs, hat ein französisch-deutsches Team nun eine Studie über den Zusammenhang zwischen Umwelt und Verteilung von Sprachen in Neuguinea vorgelegt; sie wurde gerade in PLOS ONE veröffentlicht.

Diese Studie zeigt, dass die meisten Sprachgruppen ihre öko-linguistische Nische mit anderen Gruppen teilen. Dies widerspricht der bisherigen Annahme, dass es eine klare Beziehung zwischen Umwelt und der geographischen Verteilung von Sprachen/Kulturen gibt. Andere Faktoren, die aus psychologischen und sozialen Aspekten menschlichen Verhaltens resultieren, spielen damit für die Diversifikation von Sprachen sehr wahrscheinlich eine wichtigere Rolle.

Im Gegensatz zu diesen Befunden bei Sprachgruppen zeigen Sprachfamilien, die mehrere Sprachgruppen enthalten, nur eine geringe Überlappung von Nischen. Das wiederum legt den Schluss nahe, dass die Umwelt bedeutsam für die großflächige Expansion und Verteilung von Sprachen war.

Die vorgelegte Arbeit kann nicht nur wichtige Folgen für weitere ethno-linguistische, ethno-archäologische und archäologische Forschungen in Melanesien und in anderen Regionen haben, da sie eine Methode aufzeigt anhand derer hoch aufgelöste ökologische, linguistische und psycho-sozio-kulturelle Variablen in systematischer Weise mit einander in Beziehung gesetzt werden können.

Das wiederum macht sie für die laufenden Forschungen am RGZM interessant, denn insbesondere im Forschungsfeld "Gesellschaftliche Wandlungsprozesse und Dynamiken" wird das vielschichte und sich oft wandelnde Verhältnis zwischen sozialen und Umweltfaktoren bei einfachen Bauerngesellschaften, hier jedoch in der Zeit des Neolithikums in Mitteleuropa (5400 – 2200 cal BC), untersucht.

Der führende Autor, Dr. Nicolas Antunes, ist am RGZM über das deutsch-französische Gemeinschaftsprojekt „INTERACT – Human Interactions during the Mesolithic-Neolithic Transition in Western Europe“ in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena angestellt und beschäftigt sich mit der mathematischen Modellierung komplexer Mensch-Umwelt -Beziehungen.

Link zum PLOS ONE Artikel

Antunes, Nicolas, Wulf Schiefenhövel, Francesco d’Errico, William E. Banks, and Marian Vanhaeren. 2020. “Quantitative Methods Demonstrate That Environment Alone Is an Insufficient Predictor of Present-Day Language Distributions in New Guinea.PLOS ONE 2020 Oct 7;15(10):e0239359. doi: 10.1371/journal.pone.0239359